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Marburg Die Verantwortung treibt ihn an
Marburg Die Verantwortung treibt ihn an
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13:58 18.08.2021
Kreishandwerksmeister Hartmut Pfeiffer vor der „Insta-Box“ seines Unternehmens. In der werden die Azubis für die sozialen Medien fotografiert und gefilmt.
Kreishandwerksmeister Hartmut Pfeiffer vor der „Insta-Box“ seines Unternehmens. In der werden die Azubis für die sozialen Medien fotografiert und gefilmt. Quelle: Foto: Andreas Schmidt
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Emsdorf

Es ist eine Szene, die wunderbar beschreibt, wie Zimmerer-Meister Hartmut Pfeiffer, der seit Mai neuer Kreishandwerksmeister ist, tickt: Pfeiffer sitzt in seinem Büro, ein Bekannter kommt herein. „Hartmut, ich will zuhause eine Kleinigkeit ändern und müsste vielleicht einen Balken rausnehmen – wenn du Zeit hast, kannst du vielleicht mal schauen?“ Zeit hat er eigentlich nicht, denn in seiner Branche herrscht gerade Hochkonjunktur. Doch was sagt er? „Ich habe nachher noch einen Termin – kurz vorher komme ich bei dir vorbei“, verspricht er. Der Bekannte ist mehr als zufrieden und geht wieder. „Einer meiner Fehler ist, dass es das Wort Nein bei mir nicht gibt“, sagt er lachend.

Im Handwerk gilt das Wort noch etwas

Dass Hartmut Pfeiffer aus diesem „Vorbeischauen“ keinen Auftrag generieren wird, ist ihm völlig klar. Aber darum geht es ihm auch nicht. „Ich kenne ihn vom Fußball“, erzählt er, „ein guter Mann. Und es ist doch völlig klar, dass man sich hilft.“

Völlig klar – das wäre so etwas heutzutage nicht mehr für jeden. Doch im Handwerk, sagt Pfeiffer, „da gilt das Wort noch was. Und auch die Gemeinschaft.“ Diese Gemeinschaft ist es, die den 55-jährigen Inhaber von Holzbau Pfeiffer in Emsdorf antreibt. Denn für den Kreishandwerksmeister steht fest: „Es ist wichtig, dass wir für die Gesellschaft, in der wir leben, Verantwortung übernehmen.“

Mit Verantwortung kennt sich der Emsdorfer aus. In vierter Generation führt er nun das Familienunternehmen, trägt Verantwortung für seine acht Mitarbeiter ebenso, wie für seine Familie. Dass er den Betrieb einmal übernehmen würde, „stand für mich immer fest. Auch, wenn ich noch eine ältere Schwester habe, war ich der erstgeborene Sohn – also war für die Familie klar: Der Hartmut macht das weiter.“ Und auch, wenn beim Eignungstest der Arbeitsagentur herauskam, er solle Elektriker oder Gärtner werden – er absolvierte dennoch seine Ausbildung beim Zimmereibetrieb Naumann in Marburg. Pfeiffer machte den Meister – und musste plötzlich „schnellstmöglich Betriebsleiter werden“. Denn seine Mutter erkrankte schwer, sein Vater war häufig mit im Krankenhaus. Da mussten die Schultern breit werden – und Hartmut Pfeiffer musste schon vor gut 30 Jahren diese Verantwortung übernehmen. Unvorbereitet war er nicht, „denn wenn mein Vater in den Urlaub fuhr, dann hatte er die Aufträge alle vergeben – und ich durfte in der Zeit Chef spielen und die Mitarbeiter einteilen.“ Das sei einmal so schief gegangen, dass Pfeiffer seither die Einteilungen nicht mehr aus dem Kopf macht, sondern niederschreibt. Früher auf Papier, heute auf dem Tablet.

Von seinem früheren Chef – und auch Pfeiffers Vorgänger im Amt des Obermeisters der Zimmerer-Innung – habe er auch menschlich viel gelernt. Zudem habe Hans Naumann auch das Ausbildungsverständnis von Hartmut Pfeiffer geprägt: „Er hat jedes Jahr zwei Azubis eingestellt – das halte ich auch so. Denn für mich ist klar: Durch meine Ausbildung habe ich etwas bekommen – das habe ich weiterzugeben.“ Weil es eben wichtig ist für die Gesellschaft. „Wenn die jungen Leute gut sind, dann verlassen sie unseren Betrieb auch, um weiterzugehen – das bedauere ich zwar, gehört aber dazu.“

Als Kreishandwerksmeister sieht es Pfeiffer als eine seiner Aufgaben, das positive Image des Handwerks wieder zu stärken, damit mehr junge Menschen die Attraktivität der Berufe wieder erkennt. „Das ist allerdings ein Marathonlauf“, weiß er. Beharrlichkeit und Ausdauer führen letztlich zum Erfolg – das gilt auch für das Berufsleben.

Pfeiffer will das positive Image auch vorleben

Für Pfeiffer ist klar, dass er dieses Image auch vorleben muss. „Ich muss allen anderen zeigen, dass ich stolz und froh bin, ein Handwerker zu sein und mir mein täglich Brot als Handwerker leisten kann.“ Es gebe wahnsinnig tolle Berufe im Handwerk, „und wir arbeiten kontinuierlich am Wohlstand aller. In anderen Berufen würden Bücher über so etwas geschrieben – die Zeit haben wir nicht, wir machen’s einfach“, sagt er lachend.

Pflichtbewusstsein und Verantwortungsgefühl treiben Hartmut Pfeiffer an, „denn ich habe viel im Leben bekommen, das will ich der Gesellschaft auch zurückgeben“. Daher engagiere er sich auch seit langer Zeit in der Kommunalpolitik – denn „Wahlrecht ist auch Wahlpflicht, die Pflicht, am Großen und Ganzen mitzuarbeiten“. Wenn kein Handwerker in der Kommunalpolitik sei, kann auch keiner wie ein Handwerker denken. „Daher ist es in der Demokratie wichtig, dass von allen Gruppen jemand dabei ist – dann kommt der beste Weg dabei heraus“. Doch wolle er sich aus der Politik langsam zurückziehen.

Pfeiffer will auch nicht „ewig“ Kreishandwerksmeister bleiben – sondern zunächst nur bis zum Ablauf dieser Wahlperiode in zwei Jahren, in der er ja „mittendrin“ von seinem Vorgänger Rolph Limbacher das Amt übernommen hat. Ob dann wirklich Schluss ist, „wird sich zeigen“.

Von Andreas Schmidt