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Marburg Harte Probe für jungen Gründer
Marburg Harte Probe für jungen Gründer
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09:58 09.02.2021
Versucht optimistisch zu bleiben: Marco Kohrell (36) in seiner Pralinen-Manufaktur.
Versucht optimistisch zu bleiben: Marco Kohrell (36) in seiner Pralinen-Manufaktur. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Ein mieseres Jahr hätte er nicht erwischen können seit der Gründung der Bundesrepublik – dessen ist sich Marco Kohrell schmerzlich bewusst. Einen Wimpernschlag vor Beginn der Corona-Pandemie wagte der 36-jährige Gilserberger den Sprung in die Selbstständigkeit, im Januar 2020 unterschrieb er die Übernahme eines Cafés in der Marburger Innenstadt, kündigte seinen sicheren und attraktiven Arbeitsplatz als Süßwarentechnologe.

Seine Ausbildung bei Ferrero in Stadtallendorf hatte Kohrell 2010 als bester deutscher Lehrling seiner Fachrichtung abgeschlossen, eine vielversprechende Laufbahn bei der großen Marke dort eingeschlagen. Aber die Idee etwas Eigenes anzupacken, die schon früh aufgekeimt war, schob sich immer wieder in den Vordergrund, während er nebenbei noch ein Wirtschaftsstudium aufnahm. Schokolade und Kaffee – die seien einfach seine Leidenschaft, um die sich seine Unternehmervisionen drehten.

Marco Kohrell war grundsolide vorbereitet

Als sich 2019 das Angebot einer Laden-Übernahme in Marburg ergab, wurde es ernst: „Es war nicht leicht, die Wohlfühlzone, meinen guten Job zu verlassen.“ Doch Kohrell traute sich, „wann, wenn nicht jetzt“, habe er sich selbst gefragt.

Grundsolide vorbereitet ging Marco Kohrell zu Werke, mit überzeugendem Businessplan, IHK-Gutachten und dem Vorhaben, sich als nächstes zum Kaffee-Sommelier weiterzubilden. Als kurz vor Weihnachten 2019 seine Bank grünes Licht gab, sollte der Traum Wirklichkeit werden – „exakt zu einem Zeitpunkt, der schlimmer nicht hätte sein können“. Man habe Zeiten mit Schweinegrippe oder Rinderwahn gesehen – solch eine verheerende Viruspandemie sei nun mal kaum jemandem als Drohszenario bewusst gewesen.

„Mittelschwere Katastrophe“ im ersten Lockdown

Nach zwei Monaten als Café-Betreiber mit Angestelltem und mehreren festen Aushilfen musste Kohrell in der Gutenbergstraße in Marburg zusperren, „das war im ersten Lockdown, eine mittelschwere Katastrophe“. Aber zusammen mit Familienmitgliedern, die nun ihrerseits kurzarbeiteten, ging man zum Angriff über: Das Café Schoko-Fee wurde in kompletter Eigenleistung umgestaltet, aus dem vorherigen Laden mit Kaffee-Ausschank wurde ein stylishes Lokal mit über 50 Plätzen, und im Juni gingen die Türen zu einem Ort wieder auf, den die alten Kunden kaum wiedererkannten.

Die staatliche Soforthilfe kam schnell, 10 000 Euro, und Kohrell, der so die Fixkosten schultern konnte, glaubte an ein Durchstarten fast nach Maß. Corona-bedingt brummte es nicht gerade, aber der junge Gründer war zufrieden in der Aussicht auf die Hauptgeschäftszeit in der kalten Jahreszeit.

„Jetzt im zweiten Lockdown haben wir die viel größere Katastrophe, gerade die Weihnachtszeit war doch im Businessplan voll einkalkuliert“, schildert der 36-Jährige.

Mit dem Sinn der Maßnahmen hadert er, sei doch sein Hygienekonzept von den Behörden ausdrücklich gelobt worden, „die Ansteckungen passieren doch in Bars und Kneipen – oder vollen Bussen und Bahnen“.

Online-Angebot ist inzwischen angelaufen

Dazu komme, dass von der November- und Dezemberhilfe bislang kaum etwas zu sehen sei, zeitnahe Hilfe Fehlanzeige. Außer einer Abschlagszahlung wartet er auf 75 Prozent eines Monats-Nettoumsatzes minus Kurzarbeitergeld. Aus einer Menge Kontakte aus seinem Netzwerk wisse er von Kollegen, die noch gar nichts bekommen hätten, „lange wird es bei vielen nicht mehr weitergehen“.

Die bedrückende Situation lasse ihn kaum einen Moment los, die Einschnitte ins tägliche Leben seien tief. Aber Kohrell, liiert und Vater einer 12-jährigen Tochter, will kämpfen und es schaffen, wenn er es auch für sicher hält, dass er vor April keinen Gast bedienen darf.

Inzwischen ist sein Onlineangebot schokofee.de mit Pralinen und handgeröstetem Kaffee sowie 30 exklusiven Teesorten angelaufen.

In seinem kleinen Geschäft mit Poststelle und Lottoannahme in Gilserberg, in dem Marco Kohrell schon seit fünf Jahren seine Mutter beschäftigt, werden die in der eigenen kleinen Manufaktur hergestellten Pralinen jetzt zum Outletpreis angeboten. Mit diesen zusätzlichen Standbeinen will sich Kohrell über Wasser halten.

Von Anne Quehl

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