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Marburg Warum die Kinderimpfung wichtig ist
Marburg Warum die Kinderimpfung wichtig ist
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12:00 01.11.2021
Eine Dosis des Corona-Impfstoffs von Biontech/Pfizer. Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA will den Biontech-Impfstoff für die Altersgruppe von fünf bis elf Jahren zulassen.
Eine Dosis des Corona-Impfstoffs von Biontech/Pfizer. Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA will den Biontech-Impfstoff für die Altersgruppe von fünf bis elf Jahren zulassen. Quelle: Mike Morones/The Free Lance-Star/AP/dpa
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Angesichts gestiegener Corona-Inzidenzen in jüngeren Altersgruppen setzen Kinderärzte auf zügige Covid-19-Impfungen für unter Zwölfjährige. Warum er darin auch Vorteile für Erwachsene sieht, erklärt Professor Harald Renz, Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin am Universitätsklinikum, im OP-Interview.

Warum sollen Kinder geimpft werden?

Obwohl Kinder deutlich weniger an (schwerem) Corona erkranken als Erwachsene, besteht in dieser Altersgruppe dennoch ein Risiko für schwere Erkrankungen und auch für Komplikationen wie zum Beispiel Myokarditis (Herzmuskel-Entzündung). Die Impfung schützt zum einen die geimpften Kinder selbst (nach neuesten Daten 91 Prozent gegenüber symptomatischem Covid), zum anderen reduziert die Impfung die Verbreitung des Virus von den Kindern in die Erwachsenen-Welt hinein, wodurch die Gruppen mit höherem Risiko noch mal zusätzlich geschützt werden. Damit reduziert sich auch die Verbreitung des Virus in die nicht-geimpften Bevölkerungsteile.

Stehen Kinderimpfungen zur Verfügung?

Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA lässt jetzt gerade den Biontech-Impfstoff für die Altersgruppe von fünf bis elf Jahren zu. Hier wird ein Drittel der Dosis gegenüber der Erwachsenen-Dosis verimpft. Die klinischen Daten zeigen wenige Nebenwirkungen, aber einen deutlichen Schutz vor der Covid-Erkrankung. Bei den Impfnebenwirkungen wird bei Kindern und Jugendlichen insbesondere die Myokarditis diskutiert. Diese ist aber sehr selten, und wenn, dann kommt sie eher nach der zweiten Impfung und bei jüngeren Männern vor. Das Risiko für die Myokarditis ist aber höher nach Covid-Infektion, als nach Impfung – daher eher ein Argument auch hier für die Impfung.

Kinder und Jugendliche leiden besonders unter der Pandemie. In Amerika alleine haben 140 000 Kinder mindestens einen Erziehungsberechtigten verloren. Kinder- und Jugendmediziner und Psychiater berichten vermehrt über Essstörungen, Depressionen und Suizid-Gedanken bei Kindern und Jugendlichen. Die amerikanische Pädiatrie-Gesellschaft hat einen „nationalen Notstand für die mentale Gesundheit bei Kindern“ ausgerufen. Kinder sind widerstandsfähig, aber nicht stabil. Hier sind wir alle gefordert, etwas zur Stabilisierung der Lebens- und Gesundheitssituation für Kinder und Jugendliche zu tun.

Professor Harald Renz beantwortet Fragen zur Corona-Pandemie. Quelle: Thorsten Richter

Was ist mit der neuen Variante Delta-Plus?

Diese Variante ist erstmals im Juni 2021 in England beschrieben worden. Mittlerweile hat sie sich so verbreitet, dass jetzt zirka 6 Prozent der Gesamt-Infizierten in England leben. Auch in Deutschland, Dänemark und außerhalb von Europa ist sie in mehreren Ländern nachgewiesen worden. Sie hat zusätzlich gegenüber der Delta-Variante zwei weitere Mutationen im Spike-Protein, die allerdings auch schon früher in anderen Varianten nachgewiesen worden sind.

Die ersten Erkenntnisse legen nahe, dass es bei dieser Variante zu einer um etwa 10 Prozent höheren Ansteckung kommt, aber wohl nicht zu schwereren Verläufen (die Delta-Variante hatte im Vergleich zu Alpha eine etwa 50 Prozent höhere Übertragbarkeit). Auch hier gilt: Erst kompletter Impfschutz schützt wirklich, nach der ersten Dosis ist man auch hier nur zirka 10 Prozent geschützt, während nach der zweiten Dosis der Impfschutz auf etwa 95 Prozent hochschnellt. Und auch hier gilt: Umso höher die Ansteckrate des Virus mit seinen Varianten, umso schwerer wird es sein, eine Herdenimmunität zu erreichen, weil dann die Hürde für die Herdenimmunität immer höher gesetzt ist. Also: Gegenwärtig kein besonderer Grund zur Beunruhigung, aber wir müssen die Situation im Auge behalten.

Hintergrund: Myokarditis

Eine Herzmuskelentzündung wird in der Fachsprache „Myokarditis“ genannt. Wie viele Menschen jedes Jahr neu daran erkranken, lässt sich schwer beziffern, da viele gar nicht merken, dass sie betroffen sind. Am häufigsten erkranken junge Männer. Eine Herzmuskelentzündung gilt auch als wichtige Ursache für den plötzlichen Herztod bei Sportlern. In mindestens jedem zweiten Fall ist eine Virusinfektion der Grund für eine Myokarditis. Meistens bemerken Betroffene erste Anzeichen einer Myokarditis einige Wochen nach einer durchgemachten Infektion. Typische Symptome sind beispielsweise Atemnot oder Schmerzen in der Brust.