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Marburg Renz über Omicron: „Wo sie aufschlägt, setzt sie sich durch“
Marburg Renz über Omicron: „Wo sie aufschlägt, setzt sie sich durch“
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09:01 30.11.2021
Fluggäste gehen mit ihrem Gepäck am Flughafen Frankfurt. Reisen sind der Haupttransportweg für das Coronavirus, sagt Professor Harald Renz.
Fluggäste gehen mit ihrem Gepäck am Flughafen Frankfurt. Reisen sind der Haupttransportweg für das Coronavirus, sagt Professor Harald Renz. Quelle: Boris Roessler/dpa
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Marburg

Krankenhäuser schlagen Alarm, die EU-Gesundheitsbehörde warnt vor der neuen Corona-Variante Omicron: Professor Harald Renz, Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin am Universitätsklinikum, beantwortet für OP-Leserinnen und OP-Leser Fragen zur aktuellen Corona-Situation.

Was bedeutet Omicron, die neue, zuerst in Südafrika festgestellte Variante des Coronavirus, für uns?

Harald Renz: Diese neue Variante ist in den vergangenen Wochen entdeckt worden. Und zwar zu allererst in Südafrika (Botsuana). Sie zeichnet sich durch circa 30 Mutationen im S- Protein aus, das sind die Anker-Knöpfchen des Virus, um sich an die Schleimhautzellen zu binden. Das sind etwa dreimal so viele Mutationen wie in der Delta-Variante.

Was besorgniserregend ist, ist die rasche Verbreitung dieser neuen Variante. Innerhalb von nur etwa 20 Tagen werden die ganzen neuen Infektionen dominiert durch diese neue Variante in Südafrika. Wo sie aufschlägt, setzt sie sich durch. Ob sie aber auch zu schwereren Verläufen führt, ist bisher noch nicht bekannt. Auch ist nicht bekannt, ob weniger Virus dieser neuen Variante ausreicht, um zu infizieren.

Ebenso ist nach wie vor unklar, ob diejenigen, die sich damit infiziert haben, geimpft waren oder nicht. Das ist eine ganz wichtige Frage, denn sie zielt darauf ab, ob die bis jetzt verfügbaren Impfstoffe potent genug sind, um auch diese neue Variante in Schach zu halten. All das wird in den nächsten Tagen und Wochen intensiv zu untersuchen sein, und dann wird man auch die klinische Bedeutung dieser Variante einschätzen können. Was auch Besorgnis auslöst, ist der Umstand, dass vor allen Dingen jüngere Erwachsene mit dieser neuen Variante infiziert sind.

Mittlerweile ist diese Variante auch in Europa angekommen. Die Ferien-Reisen sind dabei der Haupttransportweg für das Virus. Solche potenziell gefährlichen Varianten entstehen immer gerne dann, wenn eine immun-geschwächte Person viele Wochen das Virus mit sich herumträgt und das Virus ausreichend Nährboden und Zeit hat, sich immer weiter innerhalb desselben Wirts zu vermehren und dabei zu mutieren. Auch deswegen ist es so wichtig, die Risikogruppen aktiv nach Kräften zu schützen.

Welche Covid-19-Patienten sind derzeit in den Krankenhäusern?

Renz: In Deutschland, Hessen und in Marburg gilt gegenwärtig prinzipiell: Zwei Drittel der Intensivpatienten (und ein noch höherer Anteil der Nicht-Intensivpatienten) sind Ungeimpfte. Die allermeisten Hospitalisierungen wären also vermeidbar.

Diese Lage wird noch dadurch dramatisch, weil wir jetzt eine so hohe Anzahl an Infizierten in der Bevölkerung haben und immer ein gewisser Prozentsatz dieser Infizierten leider eben auch sehr schwere Verläufe entwickelt bis hin zur Intensivmedizinpflicht. Das heißt also schon allein rechnerisch, bei hohen Infektionszahlen werden wir auch hohe Nachfrage nach Intensivbetten haben.

Und das dritte Drittel sind Geimpfte. Dabei ist allerdings in den allermeisten Fällen nachvollziehbar, warum diese Geimpften einen so schweren Verlauf haben; nicht notwendigerweise deswegen, weil sie echte „Impfversager“ sind, sondern weil der vollständige Impfschutz schon zu lange zurückliegt, die Impfwirkung also schon wieder nachgelassen hat, oder weil diese Menschen besondere zusätzliche Risikokonstellationen aufweisen.

Sind Kinder die Treiber der Pandemie gegenwärtig?

Renz: Ja, es ist richtig, die höchsten Infektionszahlen sehen wir im Moment in der jüngeren und jüngsten Bevölkerung. Aber das ist ein Zerrbild. Denn in der jüngeren und jüngsten Bevölkerung wird auch gegenwärtig noch am allermeisten getestet. Nämlich in den Schulen, in den Kitas, und so weiter. Das heißt, hier haben wir eine große Datenmenge und natürlich, je mehr man testet, umso mehr Infizierte werden auch entdeckt.

Das ist jetzt von einigen Wissenschaftlern einmal modelliert worden; und wenn man hier alle Aspekte zusammenführt, dann ist es eben nicht so, dass die Kinder die Treiber der Pandemie sind, sondern dass in der Erwachsenengruppe der Bevölkerung zu wenig getestet wird. Deswegen ist es auch der richtige Weg nach vorne, die Testfrequenzen in der erwachsenen Bevölkerung deutlich heraufzufahren – siehe auch die neuesten Bestimmungen für die Arbeitsplatztestungen.

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