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Marburg „Handwerk braucht Mobilität“
Marburg „Handwerk braucht Mobilität“
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11:58 26.02.2021
Ein Auszubildender arbeitet mit Hammer und Stechmeißel an einem Werkstück. Handwerksbetriebe benötigen zukunftsfähige Standorte.
Ein Auszubildender arbeitet mit Hammer und Stechmeißel an einem Werkstück. Handwerksbetriebe benötigen zukunftsfähige Standorte. Quelle: Sebastian Gollnow/dpa
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Marburg

Vor der Kommunalwahl am 14. März hat auch das heimische Handwerk seine Wünsche und Forderungen für eine mittelstandsfreundliche Kommunalpolitik formuliert. „Die Verbindung von Handwerk und Kommunen ist traditionell sehr eng“, erklärt Heinrich Gringel, Präsident der Handwerkskammer Kassel, dazu. „Auf der einen Seite spielt das Handwerk als verlässlicher und stabilisierender Faktor eine wesentliche Rolle für den regionalen Arbeits- und Ausbildungsmarkt. Auf der anderen Seite sind die Kommunen wichtige Auftraggeber für die Handwerksbetriebe.“

Diese Partnerschaft gelte es zum gegenseitigen Nutzen fortzuführen und gerade im aktuell schwierigen wirtschaftlichen Umfeld weiter zu stärken, betonte Gringel. Aufgrund ihrer Entscheidungskompetenz für wichtige Politikbereiche direkt vor Ort schaffen die Kommunen demnach wichtige Rahmenbedingungen für die mehr als 16.600 Betriebe im Kammerbezirk Kassel, die mit ihren rund 92.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen Umsatz von 9,6 Milliarden Euro im Jahr erwirtschaften und circa 7.400 junge Menschen ausbilden.

„Handwerksbetriebe benötigen zukunftsfähige Standorte“

„Handwerksbetriebe benötigen zukunftsfähige Standorte, die hinsichtlich verkehrsmäßiger und digitaler Infrastruktur funktionsgerecht erschlossen, ausreichend kleinzellig parzelliert, kurzfristig verfügbar und langfristig bezahlbar sind“, verdeutlichte der Kammerpräsident. Um unnötigen Verkehr zu vermeiden und gleichzeitig die Ortskerne zu stärken benötigten die verbraucher- und dienstleistungsorientierten Handwerke möglichst wohnortnahe Gewerbeflächen.

Hinsichtlich der Vergabe öffentlicher Aufträge durch die Kommunen betonte Gringel die Forderung des hessischen Handwerks nach einer strikten Einhaltung der Vorschriften der VOB und VOL. „Den Zuschlag darf nicht das billigste, sondern sollte das wirtschaftlichste Angebot erhalten.“

Eine zentrale Bedeutung

Der Kammerpräsident wies weiter auf die zentrale Bedeutung der verpflichtenden Einhaltung der Vergabefreigrenzen bei der freihändigen Vergabe und der beschränkten Ausschreibung hin. Außerdem dürfte das bereits jetzt schon komplizierte Vergaberecht nicht weiter überfrachtet werden – etwa durch weitere bürokratische Belastungen und vergabefremde Anforderungen.

„Handwerk braucht Mobilität“, erläutert Gringel weiter, „das heißt, erfolgreiche Wirtschaftsstandorte benötigen eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur. Deshalb ist es unbedingt erforderlich, den Investitionsstau in der kommunalen Verkehrsinfrastruktur abzubauen und ausreichende Haushaltsmittel für Verkehrsinvestitionen sicherzustellen, sowohl für die Instandhaltung als auch für einen bedarfsgerechten Ausbau des Straßennetzes.“

Handwerksbetriebe müssen ihre Kunden in der Regel direkt vor Ort mit ihrem Fahrzeug erreichen und für diese erreichbar sein. Deshalb sei es für das Handwerk wichtig, dass bei der beabsichtigten Reduzierung von Durchfahrtsverkehr, Parksuchverkehr und großteiligem Lieferverkehr die Bedürfnisse des kleinteiligen Wirtschaftsverkehrs nicht aus dem Blick geraten.

Ausbau des ÖPNV

Parallel dazu ist ein weiterer Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs für Gringel unabdingbar. „Für die berufliche Bildung im ländlichen Raum ist die Erreichbarkeit zum Beispiel von Berufsschulen, Ausbildungsstätten und -betrieben ein entscheidender Standortfaktor in der Konkurrenz um Ausbildungsplätze und Arbeitsstellen.“ Dazu würden auch bedarfsgerechte und digital gut ausgestattete Berufsschulen gehören – ebenso, wie der grundlegende Erhalt von Berufsschulen in der Fläche. Eine wichtige Aufgabe für die Schulträger, denn die Zukunft des Handwerks hänge vom Ausbildungsnachwuchs ab.

Auch die Festlegung des Hebesatzes für die Gewerbesteuer durch die Kommunen stelle einen wesentlichen Faktor für die Attraktivität eines Gewerbestandortes dar. Handwerksbetriebe seien standortgebunden und würden auch nicht mit Abwanderung auf Steuer- oder Abgabenerhöhungen der Kommunen reagieren wollen. „Damit eine faire Partnerschaft zwischen Handwerk und Kommunen auch morgen noch funktioniert, muss bei kommunalen Steuern und Abgabe Maß gehalten werden“, fordert der Kammerpräsident.

Infrastruktur zur den Werkunterricht

Weiter machte Gringel deutlich, dass es für die hessischen Handwerksbetriebe schwierig geworden sei, ausreichend ausbildungsreife Schulabgänger aller Schulformen für eine handwerkliche Ausbildung zu gewinnen. Unabhängig von der Schulform seien hierzu starke Hauptschul- und Realschulgänge mit intensiven berufsvorbereitenden Elementen nötig. „Hier ist ein Ansatz für uns, dass sich Schülerinnen und Schüler wieder stärker handlungsorientiert, forschend und konstruierend mit unserer Lebenswirklichkeit auseinandersetzen, beispielsweise in einem Werkunterricht, den das hessische Handwerk mehrfach gefordert hat. In jedem Fall ist die entsprechende Infrastruktur dafür bereitzustellen.“

Von unseren Redakteuren