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Marburg Handwerk ist wieder auf Vorkrisen-Niveau
Marburg Handwerk ist wieder auf Vorkrisen-Niveau
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16:00 03.08.2021
Friseure und Kosmetiker haben immer noch mit den umfangreichen Hygiene- und Gesundheitsschutzmaßnahmen zu kämpfen.
Friseure und Kosmetiker haben immer noch mit den umfangreichen Hygiene- und Gesundheitsschutzmaßnahmen zu kämpfen. Quelle: Magdalena Tröndle
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Marburg

Die aktuellen Corona-Lockerungen haben die wirtschaftliche Erholung weiter verstetigt, zumindest in den meisten Handwerksbranchen – das zeigt die Einschätzung der heimischen Handwerksbetriebe in der aktuellen Konjunkturumfrage. Demnach stieg der Geschäftsklimaindex im Bezirk der Handwerkskammer Kassel von April bis Juni um 11,3 Prozentpunkte auf einen Wert von 111,8 Punkte. Und: Noch vor einem Jahr hatte der Index bei lediglich 98,7 Zählern gelegen – also unter der „magischen Marke“ von 100. „Damit bewegt sich das Geschäftsklima für das regionale Handwerk insgesamt wieder auf einem ähnlich guten Niveau wie Ende 2019 vor der Corona-Krise“, bilanziert der neue Kammerpräsident Frank Dittmar. 818 Mitgliedsbetriebe hatte die Kammer befragt.

Doch nicht alle Branchen können von der positiven Entwicklung profitieren, wie Dittmar einschränkt. „Friseure und Kosmetiker haben immer noch mit den umfangreichen Hygiene- und Gesundheitsschutzmaßnahmen zu kämpfen”, konstatiert er. Und auch im Kfz-Gewerbe bleibe die Lage trotz langsamer Aufhellung schwierig. „Äußerst zufrieden äußert sich dagegen unser Baugewerbe. Allerdings sieht sich ein Teil der Betriebe mit neuen Schwierigkeiten konfrontiert, ausgelöst durch Liefer- und Materialengpässe sowie deutlichen Einkaufspreissteigerungen”, erläutert der Präsident.

Demnach berichten in der jetzigen Sommerumfrage 44,3 Prozent der Betriebe wieder von einer guten aktuellen Geschäftslage – im Vorjahr (VJ) waren es mit 34,7 Prozent noch knapp 10 Prozent weniger gewesen. Weitere 35,5 Prozent schätzen ihre Lage als zumindest befriedigend ein – vor einem Jahr waren es 38,4 Prozent der Unternehmer.

Die positive Entwicklung der Auftragslage – wichtiger Indikator für die wirtschaftliche Erholung – konnte knapp jeder dritte Betrieb verzeichnen, gut zehn Prozentpunkte mehr als noch im Frühjahr. Entsprechend bewegen sich die Auftragsreserven mit 9,1 Wochen wieder auf dem Vorkrisenniveau von Anfang 2019. Der Aufschwung macht sich auch in der aktuellen Umsatzdynamik bemerkbar. Knapp jeder Dritte der Befragten (32,4 Prozent) verbuchte ein Umsatzplus, ein Wert, der in den ersten drei Monaten des Jahres noch bei 14,9 Prozent gelegen hatte.

Kapazitätsgrenzen

Die Kapazitätsauslastung in den Betrieben beträgt aktuell 78,7 Prozent – nach 75,3 Prozent im Vorjahr. Mehr als jeder dritte Betrieb arbeitet inzwischen schon wieder an oder über der Kapazitätsgrenze. Zudem blicken die Befragten wieder etwas optimistischer in die Zukunft: 14 Prozent rechnen bis Ende September mit einer weiteren Verbesserung ihrer Lage – nach 12 Prozent im Vorjahr. 13,2 Prozent erwarten indes eine Verschlechterung – dieser Wert hatte vor einem Jahr noch bei 21,6 Prozent der Befragten gelegen. Die übrigen 72,8 Prozent gehen von einer stabilen Situation aus. Vom Auftragsplus beflügelt erwartet mehr als jeder vierte Handwerksbetrieb für das dritte Quartal weitere Umsatzzuwächse, die Auftragslage prognostizieren die Handwerker als weitestgehend stabil. Hier lohnt sich jedoch ein detaillierterer Blick in die Befragung.

Das Bauhaupt- und das Ausbaugewerbe zeigen sich außerordentlich zufrieden. Neben deutlichen Umsatzsteigerungen gerät die Betriebsauslastung in vielen Betrieben an ihre Grenzen. Sorgen machen jedoch die extremen Preissteigerungen, die nicht immer an die Kunden weitergegeben werden können. Hinzu kommt die sich anbahnende Materialknappheit, die sich durch alle Bereiche zieht – von Holz über Metall bis zu Kunststoffprodukten. Die beschränkten Ressourcen führen jedoch nicht nur den extremen Preiserhöhungen, sondern zunehmend auch zu großen Verzögerungen, heißt es in der Befragung.

Deutliche Spuren

Weiterhin schwierig bleibt die Lage auch im Kfz-Handwerk , auch wenn es gegenüber dem Vorjahr deutliche Aufhellungen gab. Der Autohandel hat sich auch im Sommerquartal nicht erholt, aber die Auftragseingänge haben wieder an Fahrt aufgenommen und die Betriebsinhaber schauen zumindest wieder optimistischer in die Zukunft.

Insgesamt sehr unzufrieden ist das private Dienstleistungsgewerbe – insbesondere Friseure und Kosmetiker –, die branchenübergreifend am meisten unter den Folgewirkungen und den hohen Hygienestandards infolge der Corona-Pandemie leiden. Bei ihnen hat sich die Lage zwar im Vergleich zum Vorquartal wieder verbessert, der Jahresvergleich zeigt jedoch, dass die Unzufriedenheit nach wie vor sehr groß ist. Entsprechend melden mehr als die Hälfte der Betriebe schlechte Geschäfte. Doch zumindest der Blick nach vorne ist wieder optimistischer.

„Auch wenn viele unserer Betriebe ihre Geschäftslage inzwischen wieder als gut bewerten, können noch nicht alle Handwerksbranchen vom Aufschwung profitieren”, bilanziert Dittmar die aktuelle Situation im heimischen Handwerk.

Vor allem bei den Kfz-Betrieben und bei den Handwerken für den privaten Bedarf lasse der Aufschwung noch auf sich warten. „Das Bauhaupt- und das Ausbaugewerbe zeigt sich dagegen außerordentlich zufrieden. Viel Zuversicht gibt es auch bei den gewerblichen Zulieferern, deren Auftragseingänge ein deutliches Plus verzeichnen, die starke Industrienachfrage hinterlässt hier deutliche Spuren“, so Dittmar. Auch die Gesundheits- und Nahrungsmittelhandwerke würden laut Kammerpräsident „von deutlich besseren Geschäften“ berichten. Seine Forderung: „Wir müssen uns alle anstrengen, dass wir die Pandemie auch langfristig in den Griff bekommen, damit die Erholung dauerhaft ist und bei allen ankommt.”

Hintergrund: Konjunktur-Umfrage

Vierteljährlich befragt die Handwerkskammer Kassel rund 820 repräsentativ ausgewählte Betriebe aus Nord-, Ost- und Mittelhessen zur aktuellen Konjunkturentwicklung. Dabei werden sowohl weiche Indikatoren, wie beispielsweise die Geschäftslageeinschätzung, als auch harte Indikatoren wie Auftragseingänge, Umsätze, Beschäftigte, Investitionen und mehr abgefragt.

Das Geschäftsklima errechnet sich aus dem geometrischen Mittelwert der Umfrageergebnisse zur Geschäftslage und zu den Erwartungen.

Das Handwerk im Kammerbezirk Kassel beschäftigt rund 92 200 Mitarbeiter in mehr als 16 800 Betrieben, bildet etwa 7200 junge Menschen aus und erwirtschaftet einen Umsatz von 9,2 Milliarden Euro.

Von Andreas Schmidt