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Marburg Die Ölkrise erreicht die Haushalte
Marburg Die Ölkrise erreicht die Haushalte
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08:00 17.03.2022
Unser Redakteur fand am Mittwoch bei Edeka Pinschmidt in Marburg-Ockershausen noch ein Päckchen Mehl im Regal vor. Die Verkaufsfläche für Sonnenblumenöl war dagegen  – wie in anderen heimischen Märkten auch – leergefegt.
Unser Redakteur fand am Mittwoch bei Edeka Pinschmidt in Marburg-Ockershausen noch ein Päckchen Mehl im Regal vor. Die Verkaufsfläche für Sonnenblumenöl war dagegen – wie in anderen heimischen Märkten auch – leergefegt. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Jahrzehntelang war Sonnenblumenöl ein Standardprodukt in heimischen Supermärkten, um das sich niemand sorgen musste. Es war einfach da – in allen möglichen Qualitäten. Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ist das anders: Die Regale mit Sonnenblumenöl sind leergefegt. So wie es vor zwei Jahren zu Beginn der Corona-Pandemie mit dem Toilettenpapier war.

„Unsere Kunden stehen erstaunt vor den Regalen und sind entsetzt“, sagt Barbara Pinschmidt, Mitinhaberin des gleichnamigen Edeka-Marktes. Weil die Auslagen leer sind, weichen ihre Kunden auf andere Waren aus. Rapsöl zum Beispiel, das in einigen Geschäften auch schon ausverkauft ist, oder Vollkorn- beziehungsweise Dinkelmehl, weil auch das herkömmliche Mehl Mangelware ist. Einige Hamsterkäufer habe sie schon darauf hingewiesen, dass „es so nicht geht“. Barbara Pinschmidt hofft, bald Nachschub zu erhalten, kann aber nicht sagen, wann welcher eintrifft.

Vorräte in den Ölmühlen reichen noch bis Ende April

„Die Situation gibt nicht die Realität wieder“, sagt dazu Maik Heunsch. Der Pressesprecher des „Verbandes der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland“ (Ovid) meint, dass Lieferengpässe zwar möglich seien, die Vorräte in den Ölmühlen aber noch bis Ende April oder Anfang Mai reichen. Problematisch könnte es werden, wenn der Nachschub aussetzt, denn die Ukraine liefert 51 Prozent des weltweiten Bedarfs an Sonnenblumenöl, gefolgt von Russland mit 27 Prozent. Wenn diese Mengen längerfristig ausfallen, „wird es schwierig“, sagt Heunsch und erklärt weiter: Es sei zwar noch genug Rohstoff in den Exportländern vorhanden, der werde wegen des Krieges aber nicht verschifft. Selbst wenn der Krieg sofort ende, würde es wegen der zerstörten Infrastruktur mit dem Nachschub wohl nicht mehr so flüssig laufen wie bisher. Eine weitere Frage sei, was selbst nach einem Ende des Krieges mit der diesjährigen Ernte geschehe. Beim Rapsöl drohen laut Heunsch dagegen keine Versorgungsengpässe. Denn während nur 6 Prozent des in Deutschland verbrauchten Sonnenblumenöls aus heimischer Produktion stammt, wird der Raps zum größten Teil in der EU angebaut.

OP-Redakteure hielten am Mittwoch (16. März) in heimischen Supermärkten wie Edeka, Rewe, Tegut oder den Discountern Aldi und Lidl nach Sonnenblumenöl Ausschau – vergeblich. Olivenöl gab es dagegen noch, Rapsöl oder Arganöl nur in einigen Geschäften.

Hamsterkäufe im Edeka Pinschmidt in Marburg-Ockershausen. Sonnenblumenöl ist ausverkauft. Quelle: Thorsten Richter

Die Situation hat Auswirkungen auf andere Branchen: Für Nudeln etwa brauchen Hersteller Mehl und Öl. Pizzerien und Pizzahersteller brauchen Mehl und Öl für ihren Pizzateig, Gaststätten und Restaurants Pflanzenöl zum Frittieren. Bäcker brauchen Öl und Mehl zum Backen – die zentralen Zutaten, die wegen des Ukraine-Krieges knapp werden. Die Gastronomen decken sich zumeist über den Großhandel wie die SB Union in Cölbe ein. „Wir bestellen nach wie vor“, sagt Geschäftsführer Alexander Sauerwein, der auch versucht, die Regale durch Umlagerungen aus anderen Märkten wieder aufzufüllen.

Betroffen ist auch die Gastronomie. „Die Preise steigen extrem, die Ölregale sind leer“, sagt Alexandra Tontara vom Gasthaus „Zur Sonne“. „Alles wird teurer, da muss dann irgendwann auch die Kalkulation überdacht werden.“ Das Problem sind ihrer Ansicht nach die Hamsterkäufer: „Es ist doch alles noch da, es gibt noch keinen Grund für Panik.“

Ihre Kollegen gegenüber bei Edlunds haben kein Problem mit der Sonnenölknappheit. „Wir benutzen in der Küche Oliven- und Rapsöl“, heißt es gelassen.

Sonnenblumenöl als Diesel-Ersatz? Besser nicht!

Das Sonnenöl-Problem ist nicht auf Deutschland beschränkt: Wegen Hamsterkäufen sind etwa in spanischen Supermärkten Sonnenblumenöl und Mehl ausverkauft oder die Abgabe ist begrenzt. Das gleiche gilt für Mehl, das dort derzeit auch nur schwer zu finden ist.

Inzwischen appelliert der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) an die Menschen in Deutschland, Hamsterkäufe zu unterlassen. „Bitte verhalten Sie sich solidarisch und kaufen nur das, was Sie unmittelbar benötigen“, sagte BVLH-Sprecher Christian Böttcher am Dienstag.

Für Hamsterkäufe bei Sonnenblumenöl gibt es womöglich noch andere Ursachen, wie im Internet spekuliert wird. Fahrer älterer Diesel könnten Sonnenblumenöl nutzen, um Geld zu sparen. Denn so manch alter Diesel fährt auch mit Sonnenblumenöl. Zumindest ein Weilchen. Doch das, sagen Experten, könnte letztlich sehr teuer werden, etwa durch einen Motorschaden.

Von Gianfrano Fain und Uwe Badouin