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Marburg Diese Züge stinken den Ortenberg-Anwohnern
Marburg Diese Züge stinken den Ortenberg-Anwohnern
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10:55 20.02.2020
Auf den Gleisen stehende Züge und Güterwaggons reihen sich zwischen Nordstadt und Ludwig-Schüler-Park auf. Für Ortenberg-­Bewohner sind vor allem die Kurhessenbahnen ein Ärgernis, wenn diese mit laufenden Motoren auf Einsätze warten Quelle: Björn Wisker
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Gestank und Geknatter: Viele Anwohner haben sich in den vergangenen Monaten bereits beim Ordnungsamt, mal bei der Bahn, mal bei anderen Stellen über Lärm und Geruchsbelastung beschwert – erfolglos. Eine „Unmenge stinkenden Diesel-Feinstaubs“ werde in die Luft geblasen und trage „zur weiteren Verlärmung“ des schon Stadtautobahn geplagten Ortenbergs bei, sagt Pit Metz, Vorsitzender der Ortenberggemeinde.­ Neben den direkten Gleis-Anwohnern zwischen Phil-Fak und Nordstadt seien vor allem die spielenden Kinder und deren Eltern im Ludwig-Schüler-Park betroffen.

Aber wieso werden die eigentlich dort abgestellten Züge­ überhaupt immer wieder laufen gelassen? Die Motoren könnten in der Zeit, wo sie rund um den Hauptbahnhof warten, laut Kurhessenbahn nicht völlig abgestellt werden, da jeder­ Zug erst nach circa fünf ­Minuten wieder betriebsbereit wäre. Und da es offenbar an Ausweichstellen rund um den Bahnhof keinen Stromanschluss gibt, der Fahrzeugen überall ein elektrisches Stand-by ermöglichen könnte, muss der Motor die permanente Betriebsbereitschaft – offenbar speziell für das Heizen der Fahrgasträume – übernehmen. „Und warum muss das ausgerechnet direkt vor einem Wohngebiet und an einem Spielplatz passieren?“, sagt Metz.

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Schuld ist ein Vertrag

Der Stadt ist das Problem bekannt, man habe mit Bahn-Vertretern schon „mehrmals über das Problem gesprochen“. Wie die Verwaltung auf OP-Anfrage mitteilt, besteht zwischen ihr, der Deutschen Bahn, DB Security, Bundespolizei und Landespolizei seit 2018 eine Kooperationsvereinbarung zur Regelung von Sicherheitsangelegenheit am Hauptbahnhof. Es gebe vierteljährliche Treffen, bei denen ­neben Sicherheitsfragen auch allgemeine Entwicklungen am Bahnhof besprochen würden.

Das Problem ist aber ein grundsätzliches: Wegen eines seit Dezember 2017 geltenden Vertrages zwischen der Deutschen Bahn und der Kurhessenbahn dürfen einfahrende Züge der Kurhessenbahn nicht mehr im Bahnhof auf demselben Gleis bis zur Weiterfahrt bleiben, sondern müssen die Gleise für anderen Zugverkehr freimachen. Daher weichen die Züge der Kurhessenbahn in solchen Fällen auf Gleis 80, das Nebengleis am Ortenberg, aus.

Die Lokführer warten dort auf eine Information der Deutschen Bahn bezüglich eines Zeitrahmens, in dem sie wieder in den Bahnhof fahren dürfen. Die Lokführer müssten wegen der kurzfristigen Information durch die Deutsche Bahn jederzeit fahrbereit sein, man könne daher die Züge nicht abschalten und dann minutenlang auf die Fahrbereitschaft warten.

"Hier wird mit der Gesundheit von Menschen gespielt"

Die Ortenberggemeinde hat sich indes – nachdem eine Initiative mit dem Ortsbeirat Campusviertel bei der Bahn im vergangenen Jahr ergebnislos blieb – vor einigen Wochen an die heimischen Spitzenpolitiker gewendet, von Oberbürgermeister­ Dr. Thomas Spies (SPD) über die Landtagsabgeordneten Jan Schalauske (Linke), Dirk Bamberger (CDU) und Bundestagsabgeordneter Sören Bartol (SPD) gewandt, um die Bahn zu einem „vernünftigen Verhalten“ zu bewegen.

Die monatelang herrschende Ignoranz und auch die Nicht-Verlegung nötiger Stromkabel, sei „skandalös, hier wird mit der Gesundheit von Menschen gespielt“, sagt Metz. Die Kurhessenbahn teilt zumindest mit, dass Verkürzung der Aufenthaltszeit das Ziel sei, das auch ­allen Lokführern mitgeteilt wurde – und jüngst soll es laut ­Beobachtern tatsächlich etwas besser geworden sein.

von Björn Wisker

Hintergrund

Feinstaub, Stickoxide und Co.: Laut der Lufthygienischen Jahresberichte Hessens hat sich die Marburger Luftqualität in den vergangenen Jahren verbessert. Die Einschätzung fußt vor allem auf den übermittelten Daten der einzigen Marburger Messstation, die in der Universitätsstraße steht. Bei Untersuchungen der Deutschen Umwelthilfe im Jahr 2018 zeigten sich jedoch vor allem in der Bahnhofstraße – also einem dem Ortenberg geografisch deutlich näheren und Stadtautobahn-nahen Gebiet – stärkere Verschmutzungswerte.

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