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Marburg Hallen-Rauswurf erzürnt Bürger
Marburg Hallen-Rauswurf erzürnt Bürger
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Vhs-Kurs auf Krawall: Dorothea Schulz und ihre Sportfreundinnen wollen in ihrer Halle bleiben. Die Stadt hat andere Pläne. Quelle: Björn Wisker
Marburg

Sie fassen den Stab mit beiden Händen, halten ihn mal neben sich, mal vor sich, mal über den Kopf – und schütteln ihn. So stark, dass das Flexibar genannte Gerät wild wippt. Das, was am vergangenen Montagabend in einer Klein-Sporthalle in der Uferstraße passiert, dient eigentlich der Muskulatur, speziell der des Rückens.

Doch diesmal ist es ein anderer Schmerz als jener im Rücken, den Dorothea Schulz, Gerda Engel und das Dutzend Mitsportler mit ihren Übungen vertreiben wollen: Die Vhs-Kursteilnehmer kämpfen gegen den Frust an, den die Stadtverwaltung ihnen ­bereitet hat. Denn es ist nicht nur der letzte Semester-Kurstermin bei Übungsleiterin Evelyn Mahla, mit der einige von ihnen seit fast zwei Jahrzehnten in der ­Halle trainieren. Es wird das letzte Mal sein, das sie dort Sport ­machen, diesen Raum nutzen ­dürfen. „Wir werden einfach rausgeschmissen“, sagt Schulz im OP-Gespräch.

Vor kurzem erst sei ihr und den anderen von den städtischen Behörden mitgeteilt worden, dass ihre Kurse künftig nicht mehr zur gewohnten Zeit – montags zwischen 17.30 und 19.30 Uhr – am gewohnten Ort stattfinden können. „Wir sind erbost über diese Basta-Mentalität, dass wir in irgendeinen Raum gestopft werden sollen“, sagt Schulz.

Als Grund nennt die Stadt Umstrukturierungen in der Belegungsplanung. Diese seien nötig, da die Tanzsportgemeinschaft Marburg (TSG) – ein Verein mit mehr als 250 Aktiven, der seit Jahren zwischen Bürgerhäusern in Cappel, Bauer­bach, Wehrshausen und gar Gladen­bach pendelt – neue Räume braucht. Wie die Stadt auf OP-Anfrage mitteilt, hat Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) bereits vor mehr als einem Jahr intern den Auftrag erteilt, passende Räume für die TSG zu finden.

Pikant: Die Tanzsportler sollen nicht nur das Nutzungsrecht zu einzelnen Terminen, etwa den werktäglich umkämpften Frühabend-Terminen, bekommen. Der TSG wird die obere Halle der ­Sophie-von-Brabant-Schule vielmehr nach Schulschluss von der Stadt exklusiv zur Verfügung gestellt – und vorab umgebaut, eigens der nötige Parkettboden verlegt. Kosten: 35.000 Euro.

Grund: Die Tänzer wollen eine eigene, feste Vereinsheimat bekommen. „Unsere Trainingsbedingungen werden seit einiger Zeit immer schlechter. Wir brauchen unbedingt konstante Möglichkeiten, damit die Leistungsstärke unserer erfolgreichen Turniertänzer gehalten und für Kinder sowie alle anderen Aktiven ein verlässliches Angebot gemacht werden kann“, sagt Dr. Carola Seifart, TSG-Vorsitzende, auf OP-Anfrage.

Zuletzt sei etwa in Cappel häufig zu Vereins-Trainigszeiten anderweitig vermietet worden, Resultat: Den von außerhalb anreisenden und zu bezahlenden Spitzentrainern musste abgesagt, Trainings selbst vor Meisterschaften in Mini-Räume verlegt oder eben auch kurzfristig abgesagt werden. „Das ist kein akzeptabler Zustand.“ Von daher sei man – obwohl der Turnraum etwas zu klein sei und man auch weiterhin kein Vereinsheim habe – „total froh“ über den Turnraum als feste Trainingsstätte, die man im Januar beziehen wolle; nach dem laut Stadt vier Wochen dauernden Umbau.

Die Raumnot der einen werde also gelindert, indem für ­andere eine Raumnot „überhaupt erst geschaffen wird“, kritisiert Vhs-Sportlerin Schulz. Für dieses Vorgehen habe man kein Verständnis. „Das ist eine Zwei-Klassen-Behandlung“, ergänzt Gerda Engel.

Nicht der Wunsch der TSG, sehr wohl aber die plötzliche Entscheidung der Stadt sei „bitter und folgenreich“, denn die Gruppe sei über Jahre zusammengewachsen, bringe Junge und Alte, Berufstätige, Rentner und Behinderte zusammen. „Wie Vereine, leisten auch wir hier integrative Arbeit. Wir wollen uns nicht einfach verdrängen lassen, nur weil wir keinen Vereinsstatus haben. Das ist ungerecht.“

Die Verwaltung reagiert bei einem Treffen mit der zehnköpfigen Gruppe, bei dem die OP dabei war, so: „Die Raum-Kapazitäten in der Stadt sind zu gering, mit dem tatsächlichen Bedarf könnten wir noch zwei weitere Hallen ohne Lücken belegen“, sagt Volker Münn, Mitarbeiter im Sportamt. Es sei unmöglich, allen gerecht zu werden. Ähnlich äußert sich Vhs-Leiterin Cordula Schlichte: Es gebe in Marburg einen „Mangel an Sportflächen – und wir verwalten diesen Mangel“.

Es gebe für die Kurse laut Münn noch Möglichkeiten – nur eben nicht im begehrten Zeitfenster zwischen 17 und 20 Uhr. Man wolle diese wie auch andere betroffene Sportler zwar zusammenhalten, man halte eine „räumliche und zeitliche Veränderung in so einer kleinen Stadt aber für zumutbar“, sagt Schlichte.

Unter anderen nutzten auch der VfL Marburg und der Verein Brasa die SvB-Kleinhalle. Doch dort ist man trotz des Wegfalls grundsätzlich froh über die, entgegen der Praxis in anderen Städten, kostenfreie Nutzung der Sporträume.

Die Stadt macht den Vhs-Gruppen (insgesamt vier Kurse mit 68 Teilnehmern) nun dieses Ausweich-Angebot: Sie sollen in ­einen Gymnastikraum in der Elisabethschule gehen. ­Alternativ: das Bürgerhaus Cappel, also die bisherige ­TSG-Hauptstätte. Oder in einer anderen ­Halle nach 20 Uhr.

Kursteilnehmer und Übungsleiterin Evelyn Mahla lehnen das aber ab. „Es ist ein unredliches Angebot. Denn es wird etwas als Lösung verkauft, das keine ist“, sagt Mahla mit dem Verweis auf die für den E-Schulen-Standort geltende mangelhafte Raumgröße („Wir füllen jetzt schon jeden Quadratmeter aus“) beziehungsweise die zu lange An- und Abreise von Nord- und Kernstadt nach Cappel.

Und zwischen 20 und 22 Uhr zu trainieren ist sowohl ihr – die Kurse neben ihren eigentlichen Berufen anbietet – als auch den Teilnehmern zu spät. Die Angst der Vhs-Sportler um Schulz und Engel: „dass mit dem Rauswurf die Gruppe, der 19 Jahre lang laufende Kurs, kaputt ­gemacht wird.“

Stadt und Vhs betonen indes den Stellenwert der Gesundheitsbildung, die 2020 auch weiter­gehen solle – nur wo, das sei eben noch unklar. 

Der Plan vom Bau einer Groß-Sporthalle

Die FDP-MBL-Fraktion im Stadtparlament hat jüngst die Marburger Sporthallen-Situation kritisiert, fordert den schon seit Jahren aufgeschobenen Neubau einer neuen Halle etwa an der Elisabeth­schule. Außerdem will die Fraktion einen grundsätzlich neuen Sportentwicklungsplan. Denn bereits vor rund zehn ­Jahren wurde in einem solchen Plan für die Universitätsstadt „akuter Bedarf“ für ­eine entsprechende neue ­Halle festgestellt – Resultat war der von Architekten in einem Wettbewerb entwickelte Bau einer Campus-Halle im Schulviertel.

Wie aus aktuellen Magistrats-Daten hervorgeht, sind ­alle Sporthallen werktags nahezu komplett ausgelastet. Sowohl im Schulsport von morgens bis nachmittags als auch in den Vereins-Zeiten zwischen 17 und 22 Uhr gibt es keine Freiräume mehr. Die Auslastungsquoten zeigen, dass es eigentlich nur zwischen 15.30 bis 17 Uhr Lücken gibt – also zu einer Zeit, die speziell für Berufstätige unattraktiv ist. Und der Magistrat rechnet ­wegen der jedes Jahr umfangreicheren Ganztagsschul-Angebote gar mit einer „kontinuierlichen Steigerung“ der Hallenbelegungen in den nächsten Jahren. Ab dem Jahr 2021, wenn Martin-Luther- und Elisabethschule komplett auf G9 zurückkehren, müssen bereits zehn zusätzliche Oberstufengruppen sport-infra­strukturell versorgt werden.

Doch die für den Sportbereich zuständige Stadträtin ­Kirsten Dinnebier (SPD) sowie die ZIMT-Regierung aus SPD, BfM und CDU wollen derzeit keinen rund zwölf Millionen Euro teuren Neubau, sondern lieber Ergebnisse einer Bedarfsermittlung, die Fertigstellung eben eines aktualisierten Entwicklungsplans abwarten. Außerdem seien in den vergangenen Jahren neue Hallen – für Boxer am Richtsberg und Kletterer am Ortenberg – gebaut worden. Allerdings existiert seit Monaten die Sporthalle der Schwanhof-Schule nicht mehr, sie wird abgerissen und neu gebaut. Laut des Sportentwicklungsplans gibt es 27 sogenannte gedeckte Sportstätten – darin enthalten sind auch kleine Turnhallen und Bürgerhäuser.

Termin: Über die jüngste FDP-Initiative zum Bau einer neuen Halle wird während der Sitzung des Stadtparlaments am 13. Dezember 2019 entschieden (ab 16.30 Uhr, ­Sitzungssaal in der Barfüßer­straße 50).

von Björn Wisker