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Marburg „Hair“ begeistert Publikum
Marburg „Hair“ begeistert Publikum
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15:58 14.06.2021
Das Hessische Landestheater Marburg feierte am Samstag auf der Schlossparkbühne Premiere mit dem Flower-Power-Musical „Hair".
Das Hessische Landestheater Marburg feierte am Samstag auf der Schlossparkbühne Premiere mit dem Flower-Power-Musical „Hair".  Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

„Unglaublich, aber wahr. Wir sind wieder live hier“, ruft Metin Turan als Reporter vom Dienst ins Mikrofon. Und er verspricht 90 Minuten nonstop die besten Songs und die schicksten Klamotten. Da sind sie schon längst auf der Bühne, die Hippies aus dem Flower-Power-Musical „Hair“. Ja, genau so sahen viele auch in Deutschland aus in den 70er-Jahren, als etwas verspätet die Hippie-Welle aus den USA in die BRD geschwappt war.

Hosen mit Schlag, lange Mäntel, sackige Kleider, Batik-Tücher, mindestens schulterlange Haare – dazu gibt es einen Joint in der Größe einer Schultüte. Ausstatter Jörn Fröhlich hat den Darstellerinnen und Darstellern lange Perücken und bunte Kleider verpasst und den sieben Musikern zudem wilde Bärte angeklebt.

Gut ein Jahr nach der ursprünglichen Planung kommt das Flower-Power-Musical „Hair“ dank sinkender Corona-Inzidenzzahlen dann doch noch auf die Freilichtbühne im Marburger Schlosspark – wenn auch Corona-bedingt in einer etwas abgespeckten Distanz-Version. Am Samstagabend (12. Juni) fand die Premiere statt. Sie wurde von den 182 Zuschauerinnen und Zuschauern in der ausverkauften Freilichtbühne stürmisch mit langem Beifall gefeiert.

Und erst nach einer Zugabe durfte das Ensemble gehen – es hätten aus Sicht des Publikums wohl ruhig noch mehr Zugaben sein dürfen, denn gehen wollte irgendwie niemand. Alle, sowohl die Menschen auf der Bühne als auch die hinter der Bühne und das Publikum vor der Bühne, waren sichtlich froh, endlich wieder live Theater spielen und Theater erleben zu können. Und auch das Wetter spielte mit. Was will man mehr.

Tolle Songs

Auch die OP-Sondervorstellung für Abonnentinnen und Abonnenten am Sonntagabend (13. Juni) war ausverkauft. OP-Geschäftsführerin Ileri Meier und Intendantin Carola Unser begrüßten die Gäste. Der komplette Erlös dieser Vorstellung wird von der OP wie bei den vorherigen Sommertheatern an das Landestheater für dessen Jugend- und Kinderarbeit gespendet.

Regisseurin Carola Unser musste wegen der Corona-Pandemie auf den eigentlich geplanten großen Bürgerchor verzichten. Dennoch ist „Hair“ für das kleine Marburger Theater eine große Produktion geworden. Mit elf Darstellerinnen und Darstellern sowie einer siebenköpfigen Live-Band setzt es das 1968 in New York uraufgeführte Musical in Szene. Hinzu kommt ein vierköpfiger und großartiger Backgroundchor.

Proteste gegen den Vietnamkrieg

„Hair“ spielt in den späten 1960er-Jahren in New York vor dem Hintergrund der Proteste gegen den Vietnamkrieg. Die Texte stammen von Gerome Ragni und James Rado, die mitreißende Musik mit zahlreichen Hits wie „Aquarius“, „Manchester England“, „Ain’t Got No“ oder „I Got Life“ hat Galt MacDermott komponiert.

Gesungen wird in Englisch. Aber das Landestheater hat ein kleines Heft gedruckt mit allen Texten in Deutsch, damit man weiß, worum es in den Liedern geht. Es gibt die Hefte an der Kasse. Eine richtig gute Idee.

Der Traum vom Frieden

Die Handlung ist schnell erzählt: Claude Hooper Bukowski (Christian Simon) kommt aus der Provinz nach New York. Er ist einberufen worden, soll nach Vietnam, in einen mörderischen Krieg, der die Menschen in den USA polarisiert. In New York trifft er auf die Hippie-Gruppe um Berger (Simon Olubowale), Dionne (Zenzi Huber), Woof (Ben Knoop) und Jeannie (Franziska Knetsch).

Sie lehnen den Krieg ab, träumen von Frieden, von der Kraft der Liebe, von Flower-Power. Obwohl sich Claude bei den Hippies wohl fühlt, ist er hin- und hergerissen zwischen seiner patriotischen Erziehung und den Idealen der Hippies. Am Ende entscheidet er sich für den Krieg. Das Musical endet traurig.

Sehr politisches Stück

Den Hippies gegenüber stehen die alten weißen Männer wie der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson, Väter, die wollen, dass ihnen die Kinder „keine Schande machen“, Kapitalisten, die vom Krieg profitieren. Gemeinsam gespielt in wechselnden Rollen werden sie von Daniel Sempf, Jürgen Helmut Keuchel und Sven Brormann. In weiteren Rollen sind Fanny Holzer und Ioana Nitulescu vom Schauspielstudio Marburg zu sehen, einer gemeinsamen Einrichtung des Landestheaters mit der Kunstuniversität Graz.

Eine besondere Position hat Metin Turan als Reporter. Er ordnet die Handlung politisch ein, erklärt, vergleicht, zieht Bezüge zu den Kriegen der Gegenwart, zur Umweltzerstörung: „Das Konzept ist, dass die Weißen die Schwarzen losschicken, um ihre asiatischen Brüder zu töten und ein Land zu verteidigen, das sie der First Nation (den Indianern) gestohlen haben“, sagt er mehrfach.

Gute-Laune-Musical

„Hair“ ist kein klassisches Gute-Laune-Musical, sondern ein sehr politisches Stück, das bis heute aktuell ist. Die politischen Bezüge und Auseinandersetzungen werden von Regisseurin Unser immer wieder betont. Zudem haben sie und Ausstatter Fröhlich munter recycelt. Die Bühne für die Band etwa stammt aus dem Open-Air-Stück „Leonce und Lena“ und auch das riesige Maschinengewehr hat man auf der Marburger Bühne schon einmal gesehen.

Die Band, die sich aus heimischen Musikern zusammensetzt, ist richtig gut und auch die Schauspielerinnen und Schauspieler sind den schwierigen Songs fast immer gewachsen. Es macht einfach Spaß, ihnen zuzuhören und zuzuschauen. Das fand auch das Premierenpublikum, das immer wieder Szenenapplaus spendete.

Weitere Vorstellungen

Wer nach langer Abstinenz einen wunderbaren Open-Air-Theaterabend verbringen möchte, sollte sich schnell um Karten bemühen.

Weitere Vorstellungen

Weitere Vorstellungen sind am 15. 16., 17., 19. (ausverkauft), 27. (ausverkauft), 29. und 30. Juni sowie am 1., 3. und 4. Juli jeweils ab 20.30 Uhr auf der Schlossparkbühne. Karten gibt es hier. www.hltm.de

Von Uwe Badouin

14.06.2021
14.06.2021