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Marburg HIV-Infizierter darf nicht weiterstudieren
Marburg HIV-Infizierter darf nicht weiterstudieren
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17:00 01.05.2022
Frank Martin will Zahnarzt werden – doch die praktischen Kurse darf er derzeit an der Philipps-Universität
Frank Martin will Zahnarzt werden – doch die praktischen Kurse darf er derzeit an der Philipps-Universität Quelle: Hans Wiedl (Symbolfoto)
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Marburg

Frank Martin ist Ende 20 und will Zahnarzt werden. Den vorklinischen Teil seines Studiums hat er schon geschafft. Nun will Frank Martin, der in Wirklichkeit anders heißt, auch die praktischen Kurse absolvieren – doch er darf nicht. Die Philipps-Universität hat ihn von den Kursen ausgeschlossen, weil er HIV-positiv ist. Seit zwei Jahren weiß er nicht, ob er sein Studium fortsetzen darf – oder ob alles umsonst war. So etwas mache einen Menschen auf Dauer depressiv, sagt Martin. „Ich habe sehr viele Selbstgespräche geführt, um mir selber immer wieder zu sagen, dass das nicht das Ende der Welt ist“, erzählt er. „Aber es ist Lebenszeit, die weg ist.“

Die Probleme beginnen für ihn Anfang 2020 bei einer betriebsärztlichen Untersuchung, zu der alle Studierenden vor den klinischen Semestern gehen müssen. „Dabei kam meine HIV-Infektion ans Tageslicht“, erzählt Martin. „Die Betriebsärztin hat sofort deutlich gemacht, dass sie nicht garantieren könne, dass ich weiter studieren kann.“

Dabei gebe es kein Verbot für HIV-Infizierte, beispielsweise als Zahnarzt oder Chirurg zu arbeiten, sagt Holger Wicht, Sprecher der Deutschen Aidshilfe. Denn nach Aussage von Fachleuten kommt es praktisch nicht vor, dass ein Zahnarzt das Virus auf Patienten überträgt. Erst recht nicht, wenn die HIV-Infektion mit Medikamenten behandelt wird, die die Viruslast senken. Martin nimmt solche Medikamente und lässt alle drei Monate einen Test beim Arzt machen. „HIV ist bei mir im Blut nicht mehr nachweisbar und damit auch nicht übertragbar“, sagt er. Das hatte sein Hausarzt, den er von der Schweigepflicht entbunden hatte, der Betriebsärztin auch mitgeteilt.

Vor Jahren waren Martins Laborwerte erhöht

Allerdings fand die Ärztin in Martins Krankenakten die Information, dass vor einigen Jahren, weit vor Beginn der praktischen Kurse, die Werte kurzfristig erhöht waren. Damals habe er die Einnahme der Medikamente unterbrochen, berichtet Martin. Grund dafür waren Nebenwirkungen: Gemeinsam mit dem Arzt wollte er herausfinden, ob er ein anderes Präparat besser verträgt.

Das ist Jahre her, und Frank Martin findet: „Es tut nichts zur Sache. Welche Relevanz haben meine medizinischen Werte von damals für meine heutige Tätigkeit?“ Zudem gehe es bei den Kursen gar nicht um besonders verletzungsträchtige Tätigkeiten, sondern beispielsweise darum, bei einem anderen Studenten einen Abdruck vom Gebiss zu machen. „Es geht gar nicht um den Infektionsschutz“, ist Martin überzeugt, „sondern darum, Leute wie mich loszuwerden.“

Er fühlt sich schikaniert und gedemütigt. Immer wieder habe er zur Betriebsärztin gehen müssen, erzählt Martin, habe immer aufs Neue sagen sollen, welche Medikamente er nehme, auch Fragen zu seinem Sexualleben sollte er beantworten. Schließlich entscheidet eine von der Betriebsärztin einberufene Expertenkommission: Ein Jahr lang soll Martin jeden Monat einen Labortest abgeben, der zeigt, dass seine Virenmenge unter der Nachweisgrenze liegt. Jeder Test kostet ihn 145 Euro. Erst danach soll entschieden werden, ob er weiter studieren darf.

„Ich habe acht von zwölf Tests vorgelegt“, berichtet Martin, „bis ich realisiert habe, dass die mich aus der Sache nicht rauslassen. Ich war kurz vor dem Zusammenbruch und habe festgestellt, ich brauche Hilfe.“ Nach dem ersten Staatsexamen wendet sich Martin an die Deutsche Aidshilfe und geht gerichtlich gegen seinen Ausschluss vom Studium vor.

Verwaltungsgerichtshof gibt der Universität Recht

Rechtsanwalt Jacob Hösl hat gegen die mittlerweile vier Bescheide, mit denen die Universität Frank Martin von den Kursen ausschließt, Widerspruch eingelegt. Gegen den ersten hat er bereits eine Klage erhoben, über die noch nicht entschieden ist. Außerdem hatte Hösl einen Antrag auf eine einstweilige Verfügung eingereicht, dass Martin sofort wieder an den Veranstaltungen teilnehmen kann. Vor dem Verwaltungsgericht Gießen hatte er damit Erfolg, doch der Hessische Verwaltungsgerichtshof (VGH) hob das Urteil auf und gab der Universität Recht.

In dem Beschluss vom 1. Februar folgt der VGH der Argumentation der Universität, dass „die Studierenden untereinander Übungen durchführen, (...) wobei auch scharfe Instrumente zum Einsatz kämen, sodass Verletzungen hierbei entstehen können und auch regelmäßig entstehen“. Zudem sei das Semester so weit fortgeschritten, dass dem Studenten eine erfolgreiche Teilnahme an den Kursen ohnehin nicht mehr möglich sein.

Hösl findet diese Entscheidung „einfach nicht nachvollziehbar“. „Der VGH hat sich mit der eigentlichen Sachfrage nicht befasst – dass man differenzieren muss zwischen Verletzungsgefahr und Infektionsrisiko“, kritisiert er. Denn bei der Blut-zu-Blut-Übertragung von HIV müssten beide Personen zeitgleich verletzt sein und es müssten erhebliche Mengen Blut fließen. Die Universität müsse sich an die Vorgaben der medizinischen Fachverbände halten.

Uni: Keine vergleichbaren Fälle bekannt

Die Marburger Universität will zu dem Fall mit Hinweis auf das laufende Verfahren nichts sagen. „Zu konkreten Details im laufenden Fall äußern wir uns nicht“, teilt Christina Mühlenkamp von der Pressestelle der Universität mit. Generell sei der Infektionsschutz in den klinischen Studienabschnitten Teil des Gesundheitsschutzes. Die Universität spreche sich gegen jede Form der Diskriminierung aus, betont Mühlenkamp: „Das Studium an der Philipps-Universität steht grundsätzlich jedem offen, unabhängig von geschlechtlicher Identität, Nationalität, ethnischer Herkunft, Religion, Alter, sexueller Orientierung oder gesundheitlichen Einschränkungen.“ Die Universität sei immer bemüht, Lösungen für den Einzelfall zu finden – auch in laufenden Gerichtsverfahren.

Nach Aussage des Arbeitsmediziners Hubertus von Schwarzkopf gab es an der Philipps-Universität bereits zwei ähnliche Fälle bei Humanmedizinern. Mühlenkamp teilt hingegen mit: „Vergleichbare Fälle an der Universität Marburg sind der Hochschulleitung nicht bekannt.“

Gehen andere Universitäten auch so mit HIV-Infizierten um? „Wir wissen von einer weiteren Universität, wo HIV als Problem gesehen wird“, sagt Holger Wicht. „Zum Glück ist es aber nicht die Regel – und es ist ganz klar diskriminierend.“ Doch ein Wechsel an eine andere Universität ist für Frank Martin kaum möglich. Er müsste dann mit jemandem tauschen, der im selben Semester ist. Und er will auch gar nicht wechseln. „Ich möchte hierbleiben – ich habe hier Freunde gefunden“, sagt er. „Ich will einfach in Ruhe und Frieden Zahnmedizin studieren.“

Von Stefan Dietrich

13:00 Uhr
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30.04.2022