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Marburg Gute Laune ist da, gutes Wetter fehlt noch
Marburg Gute Laune ist da, gutes Wetter fehlt noch
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20:11 19.05.2021
Endlich wieder ein Gläschen mit Freunden: Heidi und Werner Licht (vorne) genießen mit Ute Trouvain ein Getränk vom Café Lotte in der Frankfurter Straße.
Endlich wieder ein Gläschen mit Freunden: Heidi und Werner Licht (vorne) genießen mit Ute Trouvain ein Getränk vom Café Lotte in der Frankfurter Straße. Quelle: Nadine Weigel
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Landkreis

Die Aufregung hat ihn um 4 Uhr aus dem Bett getrieben. Acht Stunden später blickt Andreas Schwarzer in den wolkenverhangenen Himmel. „Das Wetter spielt leider nicht so mit“, sagt der Küchenchef der Fleckenbühler Brasserie in Schönstadt stirnrunzelnd.

Egal, seine gute Laune lässt sich Schwarzer nicht nehmen an diesem Freudentag, dem er und sein Team so lange entgegenfieberten. „Täglich haben wir die Inzidenzzahlen gecheckt und so sehr gehofft, dass sie unter 100 bleiben“, erinnert sich Schwarzer lachend. Nun ist alles bereit. Tische und Bänke stehen blank geputzt auf dem frisch gemähten Rasen. Auf das Willkommensschild haben sie ein großes, rotes Herz gemalt. Seit gut einer Stunde ist die Brasserie auf Hof Fleckenbühl geöffnet, doch es kommen lediglich Menschen, die sich ihr Mittagessen abholen. „Zwei Leute waren eben schon hier, um draußen am Tisch einen Cappuccino zu trinken, aber sie wollten dafür keinen Test machen“, bedauert Schwarzer. Dabei bieten die Fleckenbühler Corona-Schnelltests an. Und das sind nun mal die Regeln im Landkreis Marburg-Biedenkopf am ersten Tag der Corona-Lockerungen: Die Außengastronomie ist mit tagesaktuellem Test und mit Abstands- und Hygieneregeln erlaubt. Andreas Schwarzer hofft, dass es nur am schlechten Wetter liegt, dass während der ersten Stunde noch niemand Essen am Platz bestellte. „Die letzten Wochen waren schon sehr deprimierend, der Kontakt zu Gästen hat uns allen wirklich sehr gefehlt, deshalb hoffe ich, dass bald welche zu uns kommen“, sagt er lächelnd.

Mehr los ist im Marburger Südviertel. Vor dem Café Lotte in der Frankfurter Straße sind alle Tische besetzt. „Ach, was hat mir das gefehlt hier“, sagt Ute Trouvain und nimmt einen Schluck Weißwein. Die Marburgerin war gerade auf dem Markt im Südviertel, kaufte Blumen und sitzt nun mit ihren Freunden Heidi und Werner Licht vor ihrem Lieblingscafé. „Ich habe es so vermisst, mich mit Menschen draußen zu treffen. Unglaublich“, sagt die Witwe. Einmal geimpft ist Frau Trouvain. Deshalb hat die elegante Dame, der man ihre 79-Jahre nicht ansieht, einen Corona-Schnelltest gemacht. „Das ging hier im Lotte ganz einfach, die fünf Euro zahle ich gern.“ So sieht es auch Werner Licht. Auch er hat den Test vor Ort gemacht. Seine Frau Heidi ist schon einen Schritt weiter und braucht keinen Test. Sie ist vollständig geimpft. „Hier ist das wertvolle Stück Papier“, sagt sie und holt aus ihrer Handtasche den Impfnachweis hervor – sorgfältig mit einer Klarsichtfolie geschützt. Das Ehepaar feiert am Donnerstag seinen 55-jährigen Hochzeitstag und stößt einen Tag zuvor schon einmal darauf an. „Schön, dass wir jetzt wieder hier draußen ein Gläschen trinken können.“

Weiter nach Gladenbach: Im Sommer sitzt Wilfried Wilhelm jeden Tag vor dem Eiscafé Cortina. Gestern nutzte er gleich die Chance, es erneut zu tun. Vorher ließ er sich noch in der Blankenstein Apotheke testen, dann bestellte er sich einen Kaffee und sprach mit den Tischnachbarn. „Es waren einige da“, erzählt der 69-Jährige, den das wechselhafte Wetter nicht stört, da er mit einer warmen Jacke ausgestattet ist. Das Wetter ist wohl auch der Grund, dass die sonst ständig besetzten Tische spärlich belegt sind, aber „wenn alles vorbei ist, explodiert es wieder“, ist Wilhelm überzeugt, schließlich gab es „so eine brutale Einschränkung noch nie“.

Auch Kim Haarmann findet es schön, wieder zum Kaffeetrinken gehen zu können, auch wenn es erstmal nur draußen ist. Es sei ein Anfang, auch wenn das Wetter nicht mitspielt, meint die 24-Jährige aus Mornshausen just in dem Moment, als ein Regenguss vom Himmel fällt. Die Gastronomen freuen sich auf die Wiedereröffnung, weiß sie nicht nur aus dem Familienbetrieb – das Kornhaus steht nach der Corona-Zwangspause ebenfalls vor der Wiederöffnung. Gestern gönnte sie sich einen Latte macchiato, den sie ohne Test ordern konnte. Sie brauchte nur die am Tag zuvor vom Landkreis erhaltene Bescheinigung über ihre überstandene Corona-Infektion vorzuzeigen.

Ganz anders präsentiert sich die Gastronomie am Biedenkopfer Marktplatz am Nachmittag, nämlich unbelebt. Die Kunden des Eiscafés genießen ihr Eis im Auto, die Sitzgelegenheiten des Café am Markt sind hochgeklappt, nur die „Kneipe am Markt“ bietet offensichtlich einen Service im Freien an. Zwei Männer sitzen an einem Tisch.

Die Sehnsucht nach einem frisch gezapften Bier trieb D. Becker zu seiner Stammkneipe, wo er seinen Bekannten traf. Dem Alleinstehenden macht die Öffnung der Gaststätten und das Sprechen mit anderen Menschen viel aus, denn „zuhause fällt einem die Decke auf den Kopf“. Und um die heimische Gastronomie nach deren langer Durststrecke zu unterstützen, teilt Becker am Telefon einem weiteren Freund mit, dass die Kneipe geöffnet ist und der Wirt auch Schnelltests anbietet.

Unmut über Kontrollen

Ordnungsamt und Polizei machten gestern Durchfahrtskontrollen in der Oberstadt, was bei Gastronomen Unmut auslöste. Denn auch heimische Lieferservice-Fahrer wurden darauf hingewiesen, dass diese Fahrten, die während der Sperrzeiten stattfinden, nach der Öffnung der Außenbestuhlung reduziert werden müssten. „Aktuell haben wir durchaus Verständnis, dass die Gastronomen erst nach und nach von der Lieferung von Speisen wieder auf den regulären Betrieb umstellen“, sagt Bürgermeister und Ordnungsdezernent Wieland Stötzel auf Nachfrage der OP. Er macht deutlich, dass die Fußgängerzone aber ein verkehrsberuhigter Bereich sei, in dem der Fußgängerverkehr Vorrang habe. „Je mehr die Oberstadt frequentiert wird, umso weniger kann auch der Lieferverkehr nach 11 Uhr noch toleriert werden.“ Stötzel betont, dass gestern noch keine Verwarnungen ausgesprochen worden seien.

Stimmen unserer Social-Media-Nutzer

Auf unseren Social-Media-Kanälen sowie über unseren Messenger-Dienst haben wir unsere Follower gefragt, ob sie sich über die Lockerungen freuen. 89 Prozent der 4 000 Teilnehmer stimmten für „Ja“, 11 Prozent für „Nein“. Auf die Frage „Wer geht direkt einen Latte im Café trinken?“ antwortete 34 Prozent der Teilnehmer mit „Ich, auf jeden Fall“ und 66 Prozent mit „Nein, ich warte lieber noch“.
Die Gründe für das „Noch Warten“ sind unterschiedlich:
„Ich werde warten, bis ich den vollen Impfschutz habe. Das wird planmäßig Ende Juni der Fall sein und ist somit absehbar. Daher warte ich lieber noch ein paar Wochen, bin dann aber geschützt.“
„Zu viele Menschen auf einem Haufen.“
„Keine Lust auf Schnelltest.“
„Weil das Wetter schlecht werden soll und ich nicht draußen sitzen möchte.“
„Die Auflagen für einen Besuch sind noch zu aufwendig.“
„Weil alle auf einmal überall hin stürmen und wieder alles überfüllt sein wird.“
„Weil wir immer noch mitten in einer Pandemie sind. Ist nicht notwendig.“
„Ich habe einen Risikopatienten zu Hause, der noch nicht geimpft ist.“
„Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.“

Von Nadine Weigel, Gianfranco Fain

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