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Marburg Gutachter sieht Symptome von Narkosemittel
Marburg Gutachter sieht Symptome von Narkosemittel
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09:59 30.08.2019
Beim Frühchen-Prozess sagte am Donnerstag der Sachverständige Professor Peter Roth (Zweiter von links) aus. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Nachdem er sich am Mittwoch, 28. August, nur auf das verstorbene Frühchen Leni konzentriert hatte, widmete sich der Kölner Neonatologe Professor Ralf Roth am Donnerstag dem chronologisch folgenden Fall.

Die kleine Mia lag im Dezember 2015 für einige Tage auf der Neugeborenenintensivstation. Ihr Fall galt eigentlich als unkompliziert. Mia sei ein „Late-preterm-Baby“ gewesen, so der Sachverständige – ihre Geburt in der 36. Schwangerschaftswoche verlief komplikationslos.

Nachdem auf der Säuglingsstation bei Mia Komplikationen aufgetreten waren, wurde sie auf die Intensivstation verlegt. Was dort mit ihrem Kind passierte, macht Mias Eltern noch heute fassungslos: In der Nacht vom ersten auf den zweiten Weihnachtsfeiertag verschlechterte sich der Zustand ihres Kindes drastisch.

Facharzt sieht keine andere Erklärung

Während Mia von der pflegerischen Spätschicht noch als unauffällig bezeichnet wurde, baute sie nach ihrer 23-Uhr-Mahlzeit merklich ab. Der hinzugerufene Arzt beschrieb sie als müde und bewegungsarm – das kleine Mädchen zeige wenig spontane Bewegungen. Um drei Uhr sei sie dann nur schwer erweckbar gewesen, habe Anzeichen des „Floppy-infant-Syndroms“ aufgewiesen, bei dem das Kind eine deutlich verminderte Körperspannung besitzt.

Auch Herzfrequenz und Körpertemperatur nahmen bei Mia plötzlich ab – für den Sachverständigen „ein eindeutig sedierender Effekt“. Hier sei deutlich die Wirkung von Midazolam zu beobachten, so der Kinderarzt. Eine andere plausible Erklärung für Mias Zustand schloss der sonst eher zurückhaltende Facharzt klar aus: „Aus meiner Sicht gibt’s keine“, machte er auf Nachfrage der Staatsanwaltschaft deutlich.

Professor geht von 23 Uhr als Tatzeit aus

Gefunden wurde auf einer „Trockenblutkarte“ eine -Konzentration von 0,76 Milligramm pro Liter. Den Wert ordnete der Sachverständige für das Gericht verständlich ein: „Das sind Konzentrationen, die ich selbst nur gesehen habe bei beatmeten Kindern, die wirklich tief sediert werden müssen.“ Eine Konzentration von 0,1 Milligramm pro Liter im Blut reiche aus, um 
eine sedierende Wirkung zu erzielen.

Die bei Mia gesehene Symptomatik sei „fast bilderbuchhaft“ für die biologische Wirkungsweise des Narkosemittels, so Roth. Der Neugeborenenmediziner äußerte auch seine Theorie, wie das Medikament verabreicht worden sein könne: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Wirkstoff um 23 Uhr mit der Nahrung zugeführt worden sein kann“, erklärte der Sachverständige.

Verteidiger gibt Erklärung ab

Die zweite Möglichkeit – eine Verabreichung über den zentralen Venenzugang – bezeichnete er als „extrem 
unwahrscheinlich“. Nachdem sich der Gutachter am Donnerstag derart deutlich positioniert hatte, sah sich die Verteidigung – nicht zum ersten Mal – zu einer Erklärung gezwungen:

Dietmar Kleiner, einer der Anwälte der Angeklagten Elena W., brachte zum Ausdruck: „Die Verteidigung wird nicht ernsthaft anzweifeln, dass die Symptome auf die Wirkung von Midazolam zurückzuführen sind.“ Am kommenden Mittwoch, 4. September, um 10 Uhr wird der Prozess fortgesetzt. Einen Tag später soll der Sachverständige dann sein Gutachten mit der Behandlung des Falles der kleinen Johanna abschließen.     

von Melchior Bonacker

Rückblick auf die vergangenen Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

1. März: Chefarzt sagt aus: Rätsel um Narkosemittel für Babys

4. März: Angeklagte bricht in Tränen aus

5. März: Pflegedienstleitung sagt aus: "Es hat immer ein bisschen geknirscht"

7. März: Leitende Ermittlerin sagt aus: "DNA der Angeklagten gefunden"

13. März: Erstmals kamen Aussagen der Angeklagten zur Sprache.

15. März: Kooperativ gegenüber Kripo

17. März: Elena W. reagierte mit Tränen auf Haar-Analyse

27. März: Verdacht erhärtet sich

28. März: Ärzte haben unterschiedliche Ansichten

28. März: Wurde Frühchen Leni falsch behandelt?

3. April: Arzt sieht kein Mobbing bei Elena W.

4. April: Krisenstab beschloss, Kripo zu rufen

10. April: Kinderärztin hält Kinderkardiologen für "absolut zuverlässig"

11. April: Medikamente werden von Schwestern bestellt

8. Mai: Aussagen des Ex-Freundes verwirren

10. Mai: Arzt schildert Reanimation

17. Mai: Kinderarzt sagt aus

18. Mai: „Sie verzettelt sich halt gerne“

20. Mai: Experte: Es gibt keine Erfahrungen

8. Juni: Kollegin beschreibt Elena W. als freundlich

12. Juni: Hat Klinikangestellte Zeugen beeinflusst?

18. Juni: Jungschwester hatte schweren Stand

7. Juli: Elena W. war „eine schwache Schülerin“

1. August: Zeugen: „Nett“ oder „hinterhältig“

2. August: DNA von Elena W. auf Dormicum-Verpackung

15. August: Toxikologe äußert sich zu Ketaminspuren

16. August: „Ein totales Chaos“

28. August: Leni galt als „Hochrisikofrühchen“