Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Gutachter ringen mit Unklarheiten
Marburg Gutachter ringen mit Unklarheiten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:19 11.02.2019
Die Angeklagte, Ex-Krankenschwester Elena W., sitzt im Landgericht zwischen ihren Verteidigern. Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Marburg

Für eine wie zuletzt gutachterlich vermutete angeborene Lungenproblematik und auch andere organische Fehlbildungen oder Erkrankungen fanden die beauftragten Rechtsmediziner bei Lenis Obduktion – wofür sie drei Monate nach ihrem Tod, Mitte Februar 2016, exhumiert wurde – keine eindeutigen Beweise. Denn das für diese Erkrankung typische Zusammenspiel einer zu dicken Herzkammerwand und auffälligen Lungenschlagadern habe man „so nicht festgestellt“, sagt Professor Marcel Verhoff mit Verweis auf eine „nur etwas zu dicke“ Kammerwand. Ein anderes wesentliches Merkmal, eine Veränderung des Lungengewebes, ein sogenannter Lungenumbau, sei für die Rechtsmediziner „nicht klar sichtbar“ gewesen. Und auch das Verhältnis von Herzgröße zu Gesamtgewicht sei „normal, nicht schädlich“ gewesen.

Vielmehr bezeichnete Verhoff die Entwicklung der 440 Gramm leichten Leni – ein Ausgangsgewicht, bei dem weniger als 50 Prozent überleben – auf rund drei Kilogramm seit der Frühgeburt als „absolut beeindruckend“. Nach OP-Informationen galt das Mädchen vor der Vergiftung mit dem Narkosemittel Midazolam als stabil und stand sogar wenige Tage vor der Entlassung aus dem Uni-Klinikum auf den Lahnbergen. Problem, wie auch bei den toxikologischen Befunden im Fall Leni: Weil es keine vergleichbaren Fälle, keine Forschungsarbeiten zu den Wirkweisen oder gar dem Zusammenspiel der verschiedenen Faktoren wie der möglichen Vorerkrankung, Vielfachmedikation samt nicht vorgesehener Arzneien plus Stresssituation wie etwa künstlicher Beatmung gibt, können die Gutachter viele denkbare Todesursachen ebenso wenig bestätigen wie ausschließen.

Anzeige

Lungenhochdruck "ist nicht klar zu identifizieren"

„Bei der medizinischen Vorgeschichte, bei dem, was das Frühchen alles über sich ergehen lassen musste, kann die etwas zu dicke Herzkammer, kann der entstandene und wachsende Druck das eigentliche Problem gewesen sein. Es spricht nichts gegen einen Lungenhochdruck. Klar zu identifizieren war das bei der Untersuchung aber nicht.“ Verhoffs grundsätzliches Urteil: „Eine Todesursache ist nicht festzustellen.

Umso kurioser wirkte es gestern auf Prozessbeobachter, dass es eine Gewebeuntersuchung, die den vermuteten Lungenhochdruck – also die vom Sachverständigen angenommene aber von Rechtsmedizinern so nicht eindeutig festgestellte Todesursache – nie gegeben hat. Wieso? Nach Angaben des Frankfurter Rechtsmediziners sei das von Ermittlerseite aus Marburg nie beantragt worden – trotz eines sich offenbar im Zuge der Ermittlung erhärtenden, auch angeklagten Tötungsverdachts.
Die Proben von Lunge und Herz sind aber noch vorhanden, werden nun auf Bitte des Vorsitzenden Richters Dr. Frank Oehm untersucht. Jedoch: Das Verfahren kann rund ein Jahr dauern, also so lange, wie der Prozess insgesamt terminiert ist.

Nur unwesentlich eindeutiger fiel das Giftstoff-Gutachten aus. Demnach wurden in Blut und Urin Midazolam-Konzentrationen entdeckt. Nach Angaben des Toxikologie-Professors Stefan Tönnes handele es sich um eine Milligram-Konzentration „am, auf Erwachsene bezogen, unteren Ende der therapeutischen Mittelwirksamkeit“.

Haarprobe der Angeklagten stellt Gericht vor Rätsel

Allerdings: Die Proben stammen von Zeitpunkten mehrerer Stunden nach der Verabreichung, und da sich Midazolam recht schnell abbaue und auch nur etwa zwei Tage im Körper nachweisbar sei, müsse der tatsächliche Wert höher gelegen haben. Wie hoch genau, ist unklar. Jedoch: „Für eine Überdosierung gibt es keine Zeichen.“ Dass sich der Gesundheitszustand des ansonsten wohl gesunden Frühchens nach der Midazolam-Verabreichung rapide verschlechterte, es beatmet werden musste und wenige Tage später starb, ist jedoch Fakt. Ein Verlauf, den es laut Nebenklage-Anwältin Elke Edelmann ohne die unzulässige Arznei-Verabreichung nicht gegeben hätte. Die Eltern sehen darin den Auslöser für den Tod ihrer Tochter, weshalb sie von der Strafkammer bereits seit dem Prozessauftakt einen Hinweis auf eine mögliche Mord-Verurteilung verlangen.

Unklar bleibt auch der Befund der Haarprobe der Angeklagten. Von Elena W. wurde drei Wochen nach dem letzten Fall, der Ketamin-Vergiftung des Frühchens Johanna im Februar 2016, eine entsprechende Probe entnommen. Darin wurden zwar geringe Spuren sowohl von Midazolam als auch Ketamin – dem Stoff, der offenbar nur der überlebenden Johanna verabreicht wurde – gefunden. Allerdings hält es Toxikologe Tönnes angesichts der minimalen Konzentration für „sehr unwahrscheinlich“, dass die Angeklagte sich nach Medikamentenkontakt Reste der Mittel versehentliche in die Haare rieb oder sie als Drogen konsumierte. Begründung: In diesen Fällen wären die Werte höher und die Verteilung im Haar anders strukturiert. Klar ist nur: Irgendwie habe es eine Kontamination von außen gegeben.

von Björn Wisker

Fortsetzung: 13. Februar um 9 Uhr

Rückblick auf die vergangenen Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

Anzeige