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Marburg „Grüner Wehr“: Es ist stabil – vielleicht
Marburg „Grüner Wehr“: Es ist stabil – vielleicht
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13:59 24.11.2020
Das „Grüner Wehr“ in Marburg. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Das „Grüner Wehr“ ist standsicher – jedenfalls theoretisch. Um definitive Aussagen zur Stabilität des jahrhundertealten Bauwerks machen zu können, seien dort aber weitere Untersuchungen, konkret Bohrungen und Öffnung an mehreren Stellen des Baukörpers, nötig.

So oder so wird dem Weidenhausen-Wehr bescheinigt: Es ist sanierungsfähig. Das geht aus dem Gutachten hervor, das ein Fachbüro erstellt hat und das am Montagabend vorgestellt wurde.

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Die Experten sehen eine Standsicherheit des Wehrs auf Grundlage vorangegangener Schadensgutachten und Berechnungen zwar als gegeben. Aber eben nur theoretisch. Denn die Einschätzung fußt auf einer Modellrechnung ausgehend von einem Längsschnitt zu einer Reparatur im 19. Jahrhundert. Ins Innere des Wehrs hat man nicht geschaut.

Standsicher wäre das Bauwerk demnach nur, wenn es in den vergangenen Jahrzehnten zu keinen weiteren gravierenden Schäden gekommen wäre. Da es aber durchaus zusätzliche äußerlich sichtbare Schäden gebe, könne ohne eine Innenraum-Untersuchung keine definitive Stabilitätsaussage gemacht werden. „Zur Gewährleistung einer ausreichenden Standsicherheit sind Maßnahmen erforderlich“, heißt es von den Ingenieurbüros Björnsen, Kayser und Böttges, Barthel und Maus.

Gutachter schlagen Bauarbeiten vor

Im Frühjahr, kurz nach Beginn der Untersuchungen, gaben die Gutachter verwaltungsintern einen Zwischenstand. Damals hieß es bereits, sie gingen – vorbehaltlich weiterer Berechnungen – von einer Standsicherheit aus (OP berichtete). Die Stadtverwaltung schätzte eine nur oberflächliche Sanierung bei Bekanntwerden der Pläne vor rund drei Jahren als „nicht ausreichend, grundlegende Arbeiten sind erforderlich“ ein. Denn das Wehr weise „erhebliche Mängel“ auf, die Anlage sei „nicht mehr dauerhaft standsicher“.

Die von den Gutachtern bestätigten, schon in vorherigen Untersuchungen genannten Schäden: offene Fugen im Mauerwerk und vermutlich verrottete Holz-Spundwände. „Das sind die Schwachpunkte“, heißt es von den Gutachtern. Denn diese Beschädigungen führten unter anderem zu Ausspülungen und Setzungen. Die Folge: Es seien mindestens äußerliche Sanierungsarbeiten nötig, etwa der Austausch der Steine, um Fugen abzudichten und das Legen einer mit Naturstein versehenen Betonplatte am Fuß des Wehrs, um Unterspülungen zu verhindern. Auch sollten die Ufermauern instand gesetzt werden.

Je nach Ergebnis weiterer Untersuchungen im Wehr-Inneren könnte es zudem nötig werden, die innere Auffüllung zu verbessern. Das wäre laut Gutachter zwar ohne Neubau möglich – zumal das Bauwerk im Falle der Detail-Überprüfungen bereits offen für entsprechende Bauarbeiten wäre. Aber der Eingriff wäre umfassend: Sowohl die Bausubstanz, als auch die Ufervegetation und das Flussbett würden angetastet.

Wie viel kostet die Sanierung?

Heißt: Es drohen die von vielen Anwohnern gefürchtete Baustraße durch die Lahn und Baumfällungen. Auch müsse es laut der Gutachter nicht nur für jedwede Bauarbeiten, sondern auch für die Detail-Untersuchungen zur Standsicherheit Wasserhaltungen – also eine Trockenlegung von Teilbereichen, die überprüft werden – geben.

Kostenschätzung der Gutachter für die Sanierungsmethode: 3,6 Millionen Euro. Die Ursprungsplanungen, einen Abriss und Neubau samt Kanurutsche und Wartungspodest, hatten in etwa dasselbe Volumen: 3,5 Millionen Euro. Kritiker wie die Bürgerinitiative fordern seit Jahren eine schonende, denkmalgerechte Sanierung statt des von der Stadtverwaltung lange favorisierten Neubaus.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) spricht nach der Vorstellung explizit von einem „ersten Gutachten“ dazu, wie es mit dem Wehr weitergeht. Wie zuvor schon Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) bekräftigte er: „Kanurutsche und Podest wird es nicht geben.“

Eine Entscheidung, wie es mit dem Wehr weitergehen soll – ob es eine Sanierung samt vorhergehender Detailuntersuchung oder doch ein Neubau wird –, soll im Herbst 2021 fallen. Einen wie auch immer gearteten Baubeginn strebt der Magistrat erst nach dem Jahr 2022, nach dem Geburtstagsjahr „Marburg 800“ an.

So kam es zum Neu-Gutachten

Dass es überhaupt zu dem Neu-Gutachten kam, hängt mit dem andauernden Protest in Weidenhausen zusammen. Neben dem Ortsbeirat, vor allem dem ehemaligen Vorsitzenden Wolfgang Grundmann, kämpfte eine Bürgerinitiative für den Stopp der Ursprungs-Pläne. Diese hätten neben einem Abriss und Neubau des Wehrs auch die Errichtung einer Kanurutsche und eines Wartungspodests am Trojedamm vorgesehen.

Dagegen sammelte die BI Tausende Unterschriften, um für den Erhalt des Baudenkmals, das als eines der zentralen Postkarten-Motive Marburgs gilt, zu kämpfen. Nach Monaten des Widerstands kündigte der Magistrat im Frühsommer 2018 an, das Bauwerk abermals untersuchen lassen zu wollen – das nun die Ergebnisse vorlegende Fachbüro wurde sodann von BI-Vertretern vorgeschlagen.

Anfang dieses Jahres begannen die Experten dann mit den Untersuchungen, im Sommer lag die Einschätzung vor. Dass das Ergebnis erst jetzt, also Ende November vorgestellt wird, liegt laut Magistrat an bis dato „offen gebliebenen Fragen“ und sprachlichen Unklarheiten.

Von Björn Wisker