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Marburg Schlagabtausch im Sporthallen-Streit
Marburg Schlagabtausch im Sporthallen-Streit
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20:00 18.12.2019
Gibt es genug überdachte Sportflächen in Marburg, oder nicht? Jedenfalls wird es einen von der Opposition geforderten Hallenneubau – etwa an der Elisabethschule – weiterhin nicht geben. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

„Wir brauchen für Schulen und Vereine, für Hobby- und Breitensport neue ­Kapazitäten“, sagt Lisa Freitag, FDP-Stadtverordnete. Der seit Jahren grassierende Flächenmangel in der Universitätsstadt, einer auch vom Staatlichen Schulamt schon festgestellten „Unterdeckung“ sei mit den Klagen von Vhs-Kursteilnehmern über ihr Kurs-Aus in der Uferstraßen-Turnhalle endlich öffentlich geworden (OP berichtete).

„Es hilft nichts, die Augen vor der Situation zu verschließen.“ In den vergangenen zehn Jahren sei im Sportsektor zu wenig passiert, neben „unbefriedigenden Langzeit-Provisorien“ wie der Temmlerhalle seien mit Kletter- und Boxhalle nur „Spezialbedarfe befriedigt“ worden, für den Breitensport-Bereich, allem zwischen Badminton und Bodenturnen sei „nichts Benötigtes geschaffen“ worden.

Das bestätigt Hennig Köster (Linke): „Die Stadt muss endlich tätig werden, denn wir haben eine viel höhere Nachfrage­ als es Angebote gibt. Von dem Mangel, den ewigen Kompromissen wissen wir seit Jahren. Die Lösung ist leicht: Eine neue Halle muss her.“ Ob diese nun Vier- oder Zwei-Felder-Halle, Kombi-, Multi- oder Campus-Halle genannt werde, sei nebensächlich.

Sportförderung sei auch eine soziale Frage – und das Geld für einen Neubau sei etwa durch eine Gewerbesteuer-­Erhöhung zu beschaffen. Die Grünen, die den Antrag gemeinsam mit der FDP stellten, verweisen auf den Zeitdruck: „Die brenzlige Situation schieben wir seit Jahren vor uns her. Und selbst wenn wir in 2020 Planungen beginnen, dauert es noch lange bis eine nötige Halle­ steht“, sagt Hans-Werner Seitz, Stadtverordneter.

Hintergrund

Hallenzeiten bekommen nur Vereine, Sport- und Freizeitgruppen, die im Vorfeld einen Antrag auf Nutzung der Sportanlagen gestellt haben. Die Belegung wird von der Stadtverwaltung nach eigenen Angaben kontrolliert, die Teilnehmer vor Ort gezählt.

Die in der ZIMT mit SPD und BfM regierende CDU, die als Oppositionsfraktion und im letzten Kommunalwahlprogramm immer wieder Sporthallen-Neubauten – etwa im Schulviertel und in Michelbach – forderte, wich bei der Abstimmung von ihrem Kurs jedoch ab. Offizieller Grund: Es fehle nächstes Jahr das Geld für solch 
eine Millioneninvestition, wie der Stadtverordnete Roger Pfalz sagt.

Hintergrund ist die Tatsache, dass man für den aktuellen Haushaltsausgleich etwa 20 Millionen Euro vom städtischen Sparbuch nehmen muss. Geldmangel? Das taugt laut Lisa Freitag nicht als Argument. Nicht, wenn Magistrat und ZIMT-­Regierung bereits den Neubau des Hessischen Landestheaters oder das „Haus der Nachhaltigkeit“ forcierten.

Aus Kreisen der ZIMT-Regierung ist ohnehin ein anderer Grund für die Antrags-Ablehnung zu hören: Koalitionsräson. Man wolle den Partner SPD nicht mit einem Pro-Sporthallen-Votum – mit einer Zusammenarbeit mit den oppositionellen FDP, Grünen und Linken – düpieren.

Laut CDU-Fraktionschef Jens Seipp wolle man aber nicht „planlos eine Halle fordern“. Ja, es gebe viel Bedarf und man wolle mehr Sportflächen – aber eine Bauplanung zu beginnen sei wie „den vierten vor dem ersten Schritt zu machen“. Wie die SPD, deren Fraktionschef Matthias Simon die OP-Berichterstattung zum Flächenmangel als falsch bezeichnet, verweist Seipp auf eine vorher nötige Bedarfsermittlung über einen neuen Sportentwicklungsplan.

Grund: Es gebe ein verändertes Sport- und Freizeitverhalten in der Stadt, das müsse man erst erfassen. Dieses Werk zu erstellen wird laut Magistrat aber mindestens zwei Jahre dauern. „Schauen, prüfen, abwarten? Das löst kein einziges Problem“, entgegnet FDP-Frau Freitag.

Spies: "Abdeckung aller Bedarfe"

Kurios: Einen grundsätzlichen Neubau-Bedarf hat bereits der erste Sportentwicklungsplan vor fast zehn Jahren festgestellt (OP berichtete). Auch deshalb sind die Grünen irritiert. Vor fünf Jahren habe man schon die wiederum mehrere Jahre zuvor benannten Bedarfe ermittelt und gekannt.

Doch sei – auch in der letzten Regierungszeit von Rot-Grün – vieles liegengeblieben. „Sport, Schule und Vereine unter einem Dach zusammenzubringen, um auch den Anforderungen des fortschreitenden Ganztagsschulsystems besser gerecht zu werden, war, ist und bleibt doch die Idee“, sagt Seitz.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) spricht hingegen von einer „Abdeckung aller Bedarfe“. Gleichsam kündigt er als Ziel die „Übererfüllung von Bedarfen im Sportbereich“ an. Das solle­ dann auf den Entwicklungsplan folgen. Aktuell gebe es in den Sportstätten zehn freie Zeitblöcke – alle zwischen 15 und 17 Uhr, also in den für Schul- und Jugendbereiche vorgesehenen Zeiten. Schulen sollten für ­ihre Angebote entsprechend kein Problem mit Belegungen haben.

Im konkreten Belegungszeiten-Streit mit etwa zwei Dutzend Vhs-Kursteilnehmern in der Uferstraßen-Turnhalle hält Spies den vom Sportamt angebotenen Elisabethschulen-Gymnastikraum für „zumutbar“. Es werde „nie gelingen, dass jede Gruppe die Halle zu der Zeit in dem Umfang bekommt, wie sie es selbst will.“ Trotzdem werde man das Gespräch mit den Kritikern suchen.     

von Björn Wisker