Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Grüner Wehr“: Jetzt sprechen die Gutachter
Marburg „Grüner Wehr“: Jetzt sprechen die Gutachter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:58 25.11.2020
Das Grüner Wehr in Marburg.
Das Grüner Wehr in Marburg. Quelle: Foto: Thorsten Richter
Anzeige
Marburg

An ihrem Urteil hängt die Zukunft des „Grüner Wehr“: Vom Stabilitäts-Gutachten der Ingenieure Thomas Riemke und Ludwig Wenzel verspricht sich ganz Marburg Klarheit darüber, wie es mit dem Bauwerk in der Lahn weitergeht. Wie groß sind die Schäden? Was heißt das für die städtischen Pläne von Abriss und Neubau? Reicht eine Sanierung und wenn ja, in welchem Umfang? Die Wasserbauwerk-Fachmänner erklären im OP-Interview, wieso auch ihr Gutachten keine abschließende Aussage dazu macht, wie es tatsächlich um das Weidenhausen-Wehr steht.

Die Erwartung von vielen ist gewesen, dass man nach dem Gutachten endgültig Bescheid weiß, ob das Bauwerk stabil genug ist und der Abriss-Neubau-Plan verworfen werden kann.

Ludwig Wenzel: Eine Erkundung des Bauwerks war gar nicht unser Auftrag. Eine komplette Schadens- und Bestandsaufnahme des von Wasser überspülten Wehrs hätte viel Aufwand erfordert, da man an mehreren Stellen hätte Untersuchungen anstellen müssen. Dazu hätte es stets Wasserhaltungen, also Trockenlegungen der betroffenen Bereiche geben müssen. Das wäre unverhältnismäßig gewesen. Aber auch mit der Methode, alle Akten, vorherigen Gutachten und Archivmaterial zu sichten, darauf fußend Annahmen zu treffen, das Wehr äußerlich zu betrachten, Drohnen-Aufnahmen bekommen zu haben, Modelle zu entwickeln und Berechnungen anzustellen, ist man über den Wehr-Zustand schlauer geworden.

Sie untersuchten also nur das Äußere, bestätigen die mit bloßem Auge sichtbaren Schäden und leiten Folgen ab?

Wenzel: Wir haben keinen Röntgenblick, können also nicht ins Innere, unter die Oberfläche schauen. Klar ist aber, dass das Wehr Achillesfersen hat. Man muss sich klar machen, dass es sich um ein Bauwerk aus dem frühen Mittelalter handelt. Das Innere, gerade über die ganze Breite des Bauwerks, ist aber die große Unbekannte. Wie es dort aussieht, darüber wissen wir eigentlich nichts. Jedoch gibt es nichts, das ohne Verschleiß ist. Die Frage ist nicht, ob, sondern nur wie viel und an welcher Stelle was im Baukörper verschlissen ist und welche Folgen das hat, wie lange das unbehandelt bleiben kann.

Bildgebende Verfahren zum Hineinschauen waren nicht möglich?

Wenzel: Würde das Bauwerk wie eine Brücke im Trockenen liegen, könnte man etwa mit einem Georadar drüberfahren und vieles Entscheidende ermitteln. Aber nicht nur das Wasser stört, auch dessen fast undurchdringliches Deckwerk verhindert letztlich eine solche Untersuchung des Wehrs. Da liegen zwischen Steinaufbau und dem Kern 50, 60 Zentimeter, in Teilen ein Meter – die Aussagekraft über den Innenzustand wäre nahe null.

Thomas Riemke: Wir waren ja vor Ort und haben uns das Wehr auch aus einem Boot heraus angeschaut. Es gibt klaffende Fugen, auch große Fugen mitten im Bauwerk. Die Schäden sind nicht ganz neu, schon vor 200 Jahren gab es Feststellungen von Baumeistern selbst zum Inneren, etwa dem Fehlen von mindestens Teilen der alten, hölzernen Spundwänden und abgeschliffenen Steinen und Schäden am Wehr-Fuß. Was wir sehen, sind eigentlich genau die Mängel, die Gutachter schon 1965 festgestellt haben. Eine Verschlechterung der bekannten Schäden kann von uns aktuell weder belegt noch ausgeschlossen werden. Wichtig für die längerfristige Standsicherheit wäre es zu wissen, wie es mit den Spundwänden aussieht: Gibt es sie noch, wenn ja, in welchem Zustand sind sie?

Sie empfehlen neben einigen Reparaturen deshalb eine Bestandsuntersuchung, ein weiteres Gutachten speziell zum Wehr-Innenleben.

Riemke: Man kann sagen, dass der Oldtimer von außen ganz gut aussieht, es ist ein bisschen Lack ab und der kann noch eine Weile weiter laufen. Aber da man den Motorraum nicht kennt, nichts über die Lichtmaschine weiß, hat man auch keine Ahnung, ob und wie lange der Oldtimer noch fährt. Deshalb ist es wichtig, in die Motorhaube zu schauen und mit Kernbohrungen eine systematische Schadens- und Bestandsaufnahme, ein Kataster zu machen. Für diesen Schritt braucht es auch keine Wasserhaltung, keine Trockenlegung. Diese Untersuchungen würden nur kleine Schädigungen der Decksteine geben, aber den Wehrkörper nicht stark beeinträchtigen.

Ludwig: Das Gutachten hat ja eine bedingt positive Nachricht, da die rechnerischen Nachweise ergeben, dass der Bestand auch nach aktuellen Bestimmungen und Vorgaben standsicher ist. Das ist ein Fortschritt, denn die Stadt hat nun die Gewissheit, dass das Wehr von der Form her standsicher ist. Der entscheidende, aber eben noch ungeklärte Punkt ist, wie gut der Kern des Wehrs die auf ihn wirkenden Kräfte weggesteckt hat und künftig wegstecken wird. Wenn es im Inneren Alarmzeichen dafür gibt, dass das Gerüst zerbröselt, ist das äußere Schadensbild nebensächlich. Deshalb gibt es kein schwarz-weißes Ja oder Nein zur Stabilität. So oder so: Das Wehr ist reparabel.

Kritiker des Bauprojekts fordern einen maximal schonenden Eingriff. Geht das?

Riemke: Ob nun mit oder ohne eine weitere Bestandsuntersuchung sind Eingriffe in das Ufer und die Lahn selbst aber nicht vermeidbar. Es wird eine Baustelle, also wird eine Baugrube, eine Baustraße angelegt und es wird Natur, wohl auch Bäume zum Opfer fallen. Eine Trockenlegung wird es ebenfalls geben müssen, sowohl bei einer schrittweisen Sanierung als auch bei einem Neubau. Auch ein noch so schonender Eingriff kann nicht die Umgebung ganz verschonen.

Wenzel: Man ist in einer Phase, wo man sich nicht untätig zurücklehnen kann. Das Bauwerk hat über die Jahrzehnte gelitten, hinter dem Punkt Bauwerksschädigung ist ein Ausrufezeichen gesetzt worden. Ohne etwas zu machen, das Wehr unangetastet zu lassen, geht es jedenfalls nicht. Was gemacht werden muss: Das Deckwerk muss geschlossen werden, ganze Steine oder wenigstens Teile müssen ausgetauscht werden. Die vielen Fugen müssen mit Mörtel geschlossen werden. Das Problem des durchströmbaren Deckwerks wäre dann beseitigt.

Im Unterwasser, also am Wehr-Fuß wäre der Einbau einer Stahlbetonplatte, die aber unsichtbar ist und maximal bei Niedrigwasser durchschimmern würde, sinnvoll. Das sind äußere Sanierungen, die nicht direkt ins Bauwerk, in das Denkmal eingreifen. Auch mit dem Anspruch, vom Denkmal so viel wie möglich zu erhalten: Ganz ohne Verluste geht es nicht.

Von Björn Wisker

Marburg Marburger produziert „Falk“ - Vom Praktikanten zum Film-Produzent
23.11.2020
24.11.2020