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Marburg „Grüner Wehr“: BI wittert Gefälligkeits-Gutachten
Marburg „Grüner Wehr“: BI wittert Gefälligkeits-Gutachten
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10:00 04.09.2020
Die Debatte um das Grüner Wehr reißt nicht ab. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Verzögerung bei dem Stabilitätsgutachten zum „Grüner Wehr“ sorgt bei der Bürgerinitiative in Weidenhausen für Verärgerung. Die BI-Mitglieder wittern ein Zeitspiel der Stadtverwaltung, um jahrelang geschmiedete Sanierungs- und Umbaupläne in dem Werk zu verankern.

„Die Untersuchung ist lange abgeschlossen, aber offenbar passt das Ergebnis nicht und es sollen noch gewünschte Inhalte hineingepresst werden“, sagt Joachim Anis, einer der Bürgerinitiativen-Vertreter im OP-Gespräch.

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Dass der Magistrat plötzlich ausdrücklich von einem Gutachten-Entwurf, nicht mehr von einem Gutachten spricht, halten viele in der BI für „mehr als unüblich“, sogar eher für eine „Respektlosigkeit, Beschädigung und Diskreditierung“ der Experten.

Denn tatsächlich gilt das Trio Barthel&Maus/Björnsen, das während der Kontroverse um die städtischen Wehr-Sanierungspläne von der BI als Gutachter vorgeschlagen wurde, deutschlandweit als renommiertes Büro speziell für Wasserbauwerke.

Bauwerk ist 800 Jahre alt

Dass die Entscheidung zum Veröffentlichungsverzug nur – wie es die Stadtverwaltung sagt – wegen sprachlicher Ungenauigkeiten, wegen mangelnder Allgemeinverständlichkeit getroffen wurde, bezweifelt die BI. „Das erscheint eher wie der Versuch, die wesentlichen Aussagen in eine andere Richtung zu drehen“, sagt Anis.

Misstrauisch sind sie in Weidenhausen vor allem angesichts der Tendenz, des von den Gutachtern bereits im Frühjahr gegebenen Zwischenstands zum Wehr-Zustand.

Damals hieß es unter anderem gegenüber Ortsbeiratsmitgliedern, dass es vorbehaltlich weiterer Detailuntersuchungen und mathematischer Berechnungen keine Anzeichen gebe für folgenschwere Verformungen oder eine Bewegung des 800 Jahre alten Bauwerks sowie andere Alarmzeichen, die akuten Handlungsbedarf erfordern ( die OP berichtete ).

„Immer ist von Transparenz die Rede, wir werden aber seit Jahren ständig zu Zurückhaltung gedrängt. Und das Intransparenteste, was man als Kommune machen kann, ist die für Bürger erstmal einzig wichtige Antwort – ist das Wehr stabil oder nicht – zurückzuhalten“, sagt Johannes Linn, BI-Mitglied. Alles deute darauf hin, dass aus dem Werk ein „Gefälligkeitsgutachten“ werden soll.

Stadt: Gutachten muss überarbeitet werden

Von der Expertenantwort auf diese Frage ist die Zukunft des Wehrs, der weitere Verlauf abhängig. Wird saniert? Wenn ja, an welchen Stellen, auf welche Art und Weise, mit welchen Materialien? In der BI geht man nun jedenfalls mehr denn je davon aus, dass die Standfestigkeit nie gefährdet war.

Die Stadtverwaltung teilte zuletzt auf OP-Anfrage mit, dass das Gutachten ihr seit Anfang Juli vorliege. Es sei aber angesichts eines nicht näher spezifizierten Überarbeitungsbedarfs ein Entwurf, kein fertiges Gutachten. Vielmehr müssten „fehlende Auftragsbestandteile ergänzt“ und „bestehende offene Fragen beantwortet“ werden.

Die Veröffentlichung solle dann schnellstmöglich – nicht in einer Präsenz-Infoveranstaltung, sondern über Digitalkanäle – und durch das Gutachterbüro selbst geschehen, wie die Stadt mitteilt. An einem Internet-Format übt die BI, die das Wehr-Gutachten vor der Präsentation lesen will, um wiederum konkrete Nachfragen stellen zu können, ebenfalls Kritik.

Von Björn Wisker