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Marburg Grüner Siegeszug zwischen Wehrda und Cappel
Marburg Grüner Siegeszug zwischen Wehrda und Cappel
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00:17 31.05.2019
Grün dominiert – die Wiese am Friedrichsplatz als auch das EU-Wahlergebnis. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die Sozialdemokraten, stadtweit auf 16,1 Prozent gefallen, haben auch ihre letzten Hochburgen in der Universitätsstadt verloren. Beispiel Alt-Ockers­hausen: Zählten die Wahllokale bei der Kommunalwahl 2016 mit mehr als 38 Prozent noch zu den SPD-Bastionen, stürzte die Partei dort während des EU-Urnengangs auf weniger als 18 Prozent ab. Ein Grund: Die ungelöste Verkehrsproblematik im Angesicht der künftigen Hasenkopf-Bebauung für bis zu 900 Neu-Bewohner.

Selbst im Waldtal, im Stadtwald und in großen Teilen des Richtsbergs – den mitunter als soziale Brennpunkte geltenden Gebieten – sind sie bis-
weilen um Längen hinter die Grünen gefallen. Einzig in Teilen des Oberen Richtsbergs ist die SPD stärkste Kraft geworden.

Der „Bettina-Böttcher-­Effekt“? Die SPD-Stadtverordnete und ehemalige UKGM-­Betriebsratschefin hatte sich vor 
wenigen Monaten an die Spitze­ der GWH-Proteste gestellt, die grassierende Mieter-­Wut gebündelt und eine­ die ­Bewohner vermeintlich teuer­ 
zu stehen kommende Sanierung der Häuser verhindert (die OP berichtete).

Cappel, Wehrda, Marbach, die Nordstadt, das Hansenhausviertel: Alle einwohnerstarken Stadtteile, jedes einzelne Wahllokal stimmte mehrheitlich für die Grünen. Das Abschöpfen des Wählerpotenzials von Tausenden Klimastreik-Schülern und ihrer Eltern sowie einer seit Jahren andauernden knallharten Oppositionsarbeit im Stadtparlament – Beispiele sind die Anti-Straßenbau-Haltung, Forderungen nach anderer Ausgabenpolitik oder die Aufklärung der SEG-Immobiliendeals – sind Gründe für das Ergebnis.

Die Wähler in ihren Innenstadt-Hochburgen in Südviertel, Oberstadt, Campusviertel und Weidenhausen hielten den Grünen die Treue, zudem gab es in diesen Gegenden aber offenbar viele Linken-Sympathisanten, die sie wählten.

„Allnatalweg“ rupft  Volksparteien in Westdörfern

Ein Phänomen, das eher auf dem nicht eindeutigen Pro-­Europa-Kurs der Bundes-Linken gründen könnte als auf der Oppositionsarbeit der Fraktion im Stadtparlament, die zuletzt oft den Grünen ähnelte. Zum Hintergrund: Bei der Landtagswahl im vergangenen Jahr holten die Linken in ihren Hochburgen wie Oberstadt, Weidenhausen oder Nordstadt fast doppelt so viele Stimmen wie bei der EU-Wahl.

Die in vielen Stadtteilen sichtbare Wählerwanderung von dunkelrot zu grün wird sich bei der Kommunalwahl 2021 so in der Innenstadt wohl eher nicht wiederholen. 
Die Außenstadtteile, eine sichere Bank für die Volksparteien SPD und CDU sind nun reihenweise in Richtung Grün gekippt – vor allem im Westen. Ein Grund: der „Allnatalweg“.

In Elnhausen, der Keimzelle der Anti-West-
umgehungs-BI, liegen die Grünen nur minimal hinter der CDU, die mit dem Alter­nativ-Vorschlag Behringtunnel auch entlang der Pendlerachse Bahnhofstraße bis Behringwerke nicht punkten konnten. Die SPD, deren Fraktion, unterstützt von Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies, den „Allnatalweg“ vorschlug, verlor in Elnhausen 20 Prozentpunkte im Vergleich zur Kommunalwahl.

Auch in den Nachbardörfern ein klares Bild: Michelbach, Wehrshausen und Haddamshausen fallen an Grün, in Dagobertshausen, dem Stadtteil von Grünen-Ortsvorsteher und Pulse-of-Europe-Gesicht Peter Reckling, pulverisiert die Öko-Partei den Rest sogar.

Die CDU bleibt trotz massiver Stimmverluste im Osten Marburgs, wo die Wohngebiets- und Verkehrs-Diskussion erst noch ansteht, stärkste Kraft: Im christlich geprägten Schröck und Ginseldorf sowie in Bortshausen und Ronhausen, wo nicht zuletzt wegen der Windkraft-Diskussion in dem Gebiet die Grünen unterdurchschnittlich abschneiden.

AFD am oberen Richtsberg stark

In Bauerbach, dem Austragungsort der Anti-AfD-Proteste Mitte des Monats haben sich die Konservativen im Vergleich von 2016 zu 2019 allerdings halbiert, die Grünen hingegen beinahe verdreifacht und sind dort stärkste Kraft.

Die AfD, die ihr hessenweit schwächstes Landtagswahlergebnis von 7,5 mit nun 5,4 Prozent unterbot, erzielte erneut am Oberen Richtsberg – einem Gebiet mit vielen russischstämmigen Bewohnern – Top-Ergebnisse von bis zu 30 Prozent.

Auch in Cappel, wo es zwar Verluste gab, steht die Partei, die 2021 mit einem Stadtverband bei der Kommunalwahl antreten 
wird, mit etwas mehr als sieben Prozent besser da als im Gesamtergebnis. Ähnlich sind die Ergebnisse im Stadtwald und Waldtal: Verluste, aber rund zehn Prozent.

von Björn Wisker