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Marburg Grüne Welle mit Smartphone-App
Marburg Grüne Welle mit Smartphone-App
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00:17 21.06.2018
Der Verkehr in Marburg soll besser fließen mithilfe einer neuen App: SiBike soll Entlastungen sowohl für den Fahrrad- wie auch den Autoverkehr bringen. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Als „denkwürdigen Moment“ bezeichnete Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies die offizielle Einführung von SiBike am Freitag. Zusammen mit Stefan Eckert von Siemens und begleitet von Bürgermeister Wieland Stötzel stellte er die Smartphone-App auf dem Elisabeth-Blochmann-Platz offiziell vor: „Sie bringt Entlastung sowohl für den Fahrrad- als auch für den Autoverkehr“, sagte der Radverkehrsdezernent Spies und hofft: „Wenn es einen besseren Fahrradverkehr gibt, dann steigt vielleicht der ein oder andere Autofahrer doch um.“ Und er appellierte: „Seien Sie dankbar für jeden Radfahrer.“

Marburg ist weltweit die erste Stadt, in der einige Ampelschaltungen mit der SiBike-App gesteuert werden können. „Nach anderthalb Jahren Testphase haben wir jetzt Produktreife erreicht und können die App auf dem Markt anbieten“, erklärte Stefan Eckert, Leiter der Siemens-Division Mobility in Süddeutschland.

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Dabei betonte er, dass alle Verkehrsteilnehmer ihren Nutzen haben werden, da es sich um „einen weichen Eingriff“ in die Ampelschaltungen handelt. „Die Verzögerungen liegen im einstelligen Sekundenbereich“, so Eckert weiter, und er betonte: „Keine Ampel für den Autoverkehr wird sofort auf Rot schalten, wenn ein Radfahrer angefahren kommt.“

Und genau das wurde dann auch gleich vor Ort getestet. Mit Rädern des Verleihsystems Nextbike machten sich die Offiziellen auf den Weg. Vorher hatten sie sich die kostenlose App SiBike auf ihr Smartphone geladen und dieses dann in die Hosentasche gesteckt. Vom Elisabeth-Blochmann-Platz radelten sie Richtung Ortenberg. Das Smartphone bestimmte die Position der Radfahrer mittels GPS.

Die App erkannte außerdem den aktuellen Stand der Ampelanlage sowie die Fahrtrichtung und die Geschwindigkeit der Räder. Wer schneller als 20 Kilometer in der Stunde unterwegs ist, wird nicht mehr als Radfahrer erkannt. Als die Gruppe einen virtuellen Auslösepunkt passierte, der übrigens auch auf der Karte in der App verzeichnet ist, meldete die App die Aktivierung an die Verkehrszentrale. Sichtbar wurde diese Verbindung, als auf einer zusätzlichen Anzeige ein weißes Fahrrad aufleuchtete. Der Verkehrsrechner schaltete die Fahrradampel früher auf Grün, weil es die Situation zuließ.

„Der Rechner schaltet situationsabhängig direkt oder zumindest bis zu sechs Sekunden früher als für die Autos auf Grün. Oder er verlängert eine bestehende Grünphase um ebenfalls bis zu sechs Sekunden“, erklärte Stefan Eckert. Außerdem wird eine „Grüne Welle“ für die weiteren Ampeln veranlasst, damit der Radverkehr sie möglichst verzögerungsfrei passieren kann.

In die Routine der Ampelschaltungen wird es demnach keine harten Eingriffe geben. Heißt also, wenn für die anderen Verkehrsteilnehmer gerade eine Grünphase ist, wird diese nicht unterbrochen. Das betonte auch noch einmal der Oberbürgermeister, als er von der kleinen Rundtour zurück zum Erlenringcenter kam: „Wir benachteiligen nicht die Autofahrer! In Marburg gibt es irgendwie einen Kampf zwischen Auto- und Radfahrer und den Fußgängern. Wir wollen alle Verkehrsmittel harmonisch zusammenbringen und aufeinander abstimmen“, fügte er noch hinzu.

Stopps an den Ampeln um 30 Prozent gesunken
 
Die verkehrsabhängige Schaltung für Autos und Busse sei schon längst selbstverständlich, ebenso, dass Fußgänger durch Drücken des Knopfes an der Ampel auf den Verkehr Einfluss nehmen. „Nur die Radfahrer sind bisher ignoriert worden. Das ändert sich jetzt durch die App“, so Stefan Eckert, und Spies pflichtet ihm bei: „Die gleiche Technologie, die Autofahrer auch schon nutzen, von der dürfen jetzt auch die Radfahrer profitieren.“

An die Ampeln, die über die neue Technologie verfügen, klebten Spieß und Eckert gestern noch entsprechende Aufkleber: „Freie Fahrt auch mit dem Rad? Hol Dir die SiBike-App!“ steht dort drauf. Mit dem Scannen des QR-Codes wird der App-Download vereinfacht.

Im Herbst 2016 wurde die SiBike-App in Marburg getestet. Siemens hatte das Projekt auf der Suche nach einer geeigneten Teststrecke für ihre Produktidee an die Stadt Marburg herangetragen, „da es durch Kollegen der Stadtverwaltung eine gute Verbindung zu dem Unternehmen gibt“, so Spies. Der Erlenring bot sich für die Testphase an. Sieben Ampelanlagen wurden dort mit der SiBike-Software ausgerüstet. Zuvor hatte die Stadt die veralteten Steuergeräte der Ampeln erneuert und LED-Fahrradampeln installiert. Rund 83 000 Euro hat das gekostet.

Die Testphase hatte die Technische Universität München begleitet. Die Teilnehmer berichteten, dass sich die Halte an den Ampeln um rund 30 Prozent reduzierten, und dass sie sich, aufgrund der Sichtbarkeit durch früheres Grün, ernster genommen fühlten. Und auch wenn es keine 100-prozentige „Grüne Welle“ gab, so waren sie doch viel zügiger unterwegs, so das Resümee der Tester.

„Wir wollen SiBike auf die Straßenzüge und Kreuzungen mit Radverkehrspotenzial ausweiten und künftig bei Verkehrsplanungen automatisch mit prüfen“, so OB Spies. Die Mehrkosten würden sich bei Neuplanungen auf die Aufrüstung von Fahrradampeln beschränken, da es sich grundsätzlich bei SiBike um eine Software handelt. Nur die müsste beim Nachrüsten einzelner Knoten installiert werden.

von Katja Peters