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Marburg Stephanie Theiss gewinnt Wahl-Krimi der Grünen
Marburg Stephanie Theiss gewinnt Wahl-Krimi der Grünen
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15:54 10.01.2021
Stephanie Theiss (vorne) ist die Direktkandidatin der Grünen für die Bundestagswahl – sie setzte sich knapp gegen Marion Messik (rechts) durch. Nadine Bernshausen, Kandidatin zur OB-Wahl in Marburg, gratulierte den beiden. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

„Das hatten wir auch noch nicht“, sagte Grünen-Kreissprecher Hans-Werner Seitz am Samstag (9. Januar), als nicht alle Mitglieder Platz im Kinosaal des Cineplex fanden, um während der Kreismitgliederversammlung die Bundestagswahl-Direktkandidatin zu wählen. Denn aufgrund des ausgeklügelten Hygienekonzepts fanden nur rund 60 Mitglieder Platz im Saal – es waren aber 80 Grüne gekommen. Doch das Team um Cineplex-Chefin Marion Closmann reagierte schnell und professionell auf die Situation: Die draußen wartenden Mitglieder wurden in einem weiteren Kinosaal untergebracht, der Ton dorthin übertragen – die Versammlung konnte beginnen.

Dass der Satz von Seitz auch als Credo der Veranstaltung hätte gelten können, konnte da noch niemand ahnen. Nach einer Video-Grußbotschaft von der Grünen Europa-Abgeordneten Anna Cavazzini trat – nach Auslosung – zunächst Stephanie Theiss zu ihrer Bewerbungsrede ans Mikrofon. „16 Jahre aktive Verhinderung von Klimapolitik – und das im vollen Bewusstsein des Klimawandels. 16 Jahre mussten wir zusehen, wie sich soziale Konflikte und soziale Ungleichheit weiter verschärften“, startete sie ihren Frontalangriff auf die derzeitige große Regierungskoalition. Die Grünen seien die Partei, bei der „zwischen Umwelt und Wirtschaft kein Oder steht – wir denken das Soziale und das Globale immer mit und wissen, dass es keine einfachen Lösungen für die komplexen Probleme unserer Zeit gibt“, so die 32-Jährige. Die Zeit nach Corona müsse „endlich im Zeichen des sozial-ökologischen Wandels stehen“, forderte Theiss.

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Längst seien die Grünen nicht mehr nur urban, sondern auch im ländlichen Raum angekommen, wo sich zahlreiche neue Ortsverbände gegründet hätten. „Unsere Vorstellung einer sozial-ökologischen Politik ist endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, so Theiss – dieser Wandel sei auch in den Parlamenten zu spüren. „Aber die Erfolge halten sich in Grenzen, solange wir auf der Oppositionsbank sitzen.“

Patt im ersten Wahlgang

Sie habe gelernt, dass es wichtig sei, Kompromisse einzugehen – „aber dabei nie den grünen Kompass aus den Augen zu verlieren“. Für Theiss steht fest, dass „die Vereinbarkeit von Ökologie, sozialen Fragen und Wirtschaft nicht einfach“ sei, „aber sie ist notwendig, um unsere Zukunft auch für die kommenden Generationen gut zu gestalten“. Der Klimawandel sei bereits heute „zur unsichtbaren Hand hinter vielen sozialen Verwerfungen geworden“. Sie wolle dazu beitragen, attraktive und greifbare Zukunftsbilder zu schaffen, „die zeigen, dass Nachhaltigkeit nicht Verzicht, sondern die Aussicht auf ein besseres Leben bedeutet“. Es brauche ein neues Verständnis von Arbeit ohne Ausbeutung von Menschen und Ressourcen, positive Anreize für die Wirtschaft, „ohne bestehende Gräben weiter zu vertiefen“.

Für die zweite Bewerberin Marion Messik steht fest: „Die Gesellschaft ist gespaltener denn je“ – das zeige sich nicht nur an der jüngsten Kapitol-Erstürmung der Trump-Anhänger, sondern auch „an der versuchten Stürmung des Reichstags durch sogenannte Querdenker, die sich dann auch noch in den Bundestag eingeschleust haben und Abgeordnete unter Druck zu setzen“. Es gelte also, für „eine wehrhafte Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt“ zu kämpfen. „Was mich antreibt ist es, Menschen zusammenzubringen“, sagte die 39-Jährige – das sei ein Grund, warum sie für den Bundestag kandidieren wolle.

Der Lockdown in der Corona-Krise wirke wie ein Brennglas, zeige, wo die Probleme in der Gesellschaft lägen. „Wir können diese Krise nur bewältigen, wenn wir auch die soziale Krise mit in den Blick nehmen. Unsere grüne Vision ist doch eine Gesellschaft, die allen Bürger*innen die gleichen Rechte und gleichen Chancen ermöglicht“, so Messik. Diese Chancengleichheit brauche es auch bei der Gesundheitsversorgung – der Weg der Krankenhausfinanzierung müsse weg von Fallpauschalen hin zu einer „Belohnung auch des gesellschaftlichen Auftrags – und keine neoliberale Denke“.

Der Druck auf die Beschäftigten sei immens gestiegen, „die Pflegekräfte stimmen mit den Füßen ab und verlassen den Beruf. Die Sofortprogramme sind da ein Tropfen auf dem heißen Stein“, sagte Messik. Geradezu fassungslos mache es sie, „wie von anderen Parteien die Themen soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz gegeneinander ausgespielt werden. Da können wir nur erfolgreich sein, wenn wir das zusammen denken“, so Messik – denn unter den Folgen der Umweltzerstörung würden die als Erstes leiden, „die am wenigsten dazu beigetragen haben und auch nicht die Mittel haben, sich den Veränderungen anzupassen“. Es brauche auch eine echte Agrarwende, „wir brauchen eine Landwirtschaft, die mit der Natur arbeitet und zukunftsfähig ist“. Für Messik ist klar: „Jetzt kommt die letzte Legislaturperiode, in der wir dem Klimawandel noch etwas entgegensetzen können.“ Daher sei Grün die richtige Antwort.

Auf die Reden folgte die Abstimmung – und die endete im ersten Wahlgang, nachdem die Stimmzettel mehrfach ausgezählt wurden, mit einem Patt von 39:39. Im zweiten Wahlgang setzte sich dann Stephanie Theiss denkbar knapp mit 39:37 durch – sie wird also die heimischen Grünen bei der Bundestagswahl vertreten, Marion Messik ist die Ersatzkandidatin. Übrigens: Hätte es auch im zweiten Wahlgang ein Patt gegeben, wäre die Kandidatin im Losverfahren bestimmt worden.

von Andreas Schmidt