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Marburg Großer Impferfolg durch Mut und Kreativität
Marburg Großer Impferfolg durch Mut und Kreativität
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17:54 12.04.2021
Der Marburger Professor Dr. Heinz Jänsch dokumentiert seine Impfung mit dem Smartphone.
Der Marburger Professor Dr. Heinz Jänsch dokumentiert seine Impfung mit dem Smartphone. Quelle: Fotos: Tobias Hirsch
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Marburg

Bereits im vergangenen Jahr, zum Beginn der Corona-Pandemie, hat die Gemeinschaftspraxis von Dr. Ulrike Kretschmann in der Marburger Bahnhofstraße von sich reden gemacht: Im März bauten die fünf Ärzte Ulrike Kretschmann, Ulrich Wortmann, Natalia Khodakina, Julia Winkler und Meike Hofacker Deutschlands erste „Drive-in“-Praxis für Corona-Verdachtsfälle auf. Alle, die von sich glaubten, mit Corona infiziert zu sein, wurden nach telefonischer Anmeldung auf dem Hof vor der Praxis durch das Autofenster untersucht. So konnten die Ärzte ihre Patienten testen, ohne die Praxisräume zu kontaminieren und andere Patienten zu gefährden. Die Idee für diesen „Drive-in“ hat sich das Team von Ulrike Kretschmann aus Südkorea abgeguckt.

Jetzt zum Start der Corona-Impfungen bei den Hausärzten stand Ulrike Kretschmann wie viele ihrer Hausarzt-Kollegen vor einem neuen Problem: möglichst viele Menschen in der vorhandenen Infrastruktur zu impfen. Schnell wurde der Hausärztin klar: „In den Praxisräumen ist das nicht machbar.“ Die Lösung fand sie in direkter Nachbarschaft: ein 400 Quadratmeter großes, leerstehendes Ladengeschäft. Der Vermieter war schnell überzeugt, das Praxisteam begeistert und mit der Hilfe von Freunden und Verwandten verwandelte sich das ehemalige Matratzenlager in der Bahnhofstraße innerhalb weniger Tage in eine Impfstraße mit neun Kabinen, einem großzügigen Wartezimmer und einem Ruheraum, wo die Patienten nach der Impfung auf mögliche Nebenwirkungen hin überwacht werden können. Das Ärzteteam impft dort nur Patienten der eigenen Praxis.

„Das heute war der Höhepunkt meines ganzen Medizinerdaseins“, sagte Kretschmann, nachdem sie am Samstagnachmittag die 151. Impfdosis verabreicht hatte. „Wir haben heute gemeinsam gegen die Pandemie gekämpft, um Corona zu beenden. Das macht mich und das ganze Team unheimlich glücklich. Das war eine großartige Leistung.“ 

Eine 68-jährige Frau aus dem Nordkreis war die Erste, die an diesem Samstag geimpft wurde. „Ich bin sehr froh und erleichtert“, sagte sie nach dem Nadelstich. „Ich habe große Angst, mich anzustecken, weil ich krank bin, ein schlechtes Immunsystem habe und weiß, dass eine Infektion fatale Folgen für mich haben könnte.“ Jetzt freue sie sich, dass sie sich wieder angstfrei in der Öffentlichkeit bewegen kann. „Ich bin froh, dass die Verantwortlichen endlich entschieden haben, dass auch die Hausärztinnen und Hausärzte impfen dürfen.“ Ihre Hausärztin kenne sie am besten, da habe sie ein besseres Gefühl. Die Frau hatte sich gleich am ersten möglichen Tag Ende Februar bei der Impfhotline registrieren lassen, aber bis jetzt noch immer keinen Termin vom Impfzentrum erhalten. „Ich bin seitdem immer nur vertröstet worden“, sagt sie.

So wie ihr erging es auch dem Lungenpatienten Manfred Dörr, der ebenfalls am Samstag seine erste Impfung in der Bahnhofstraße erhielt. „Vom dem großen Impfzentrum bin ich enttäuscht. Dort warte ich seit acht Wochen auf einen Termin. Da haben die ein Riesending aufgebaut, und es tut sich nichts. Bei meiner Hausärztin hingegen hat es jetzt sofort geklappt. Ich bin gleichermaßen begeistert und erleichtert.“ Kretschmann und ihre Kollegen hielten sich am Samstag im Wesentlichen an die Priorisierungsliste. „Wir verfolgen die Priorisierungsliste, impfen aber durchlässig“, sagte Kretschmann. Ihre Risikopatienten, wie zum Beispiel Tumorkranke oder Menschen mit schweren Herzerkrankungen, erhielten ebenfalls eine Impfung. „Für diese Patienten ist die Impfung überlebenswichtig“, betonte die Ärztin.

Viele Patienten, die am Samstag ihre erste Impfung erhielten, lobten die gute Organisation und hatten ein dickes Lob für das gesamte Praxisteam, das seinen freien Samstag opferte, um die Patientinnen und Patienten möglichst rasch zu impfen. „Ich habe es mir viel chaotischer vorgestellt. Aber es gibt keine Wartezeiten, keine Schlangen. Das ist wirklich perfekt organisiert“, sagte Physikprofessor Heinz Jänsch, der seine Impfung mit dem Smartphone dokumentierte.

Auch Carl Pfeil fand seine Impfung „hervorragend organisiert“: „Die Impfmisere hätte verhindert werden können, wenn die Hausärzte schon viel früher mit einbezogen worden wären“, ist sich der 75-Jährige sicher. Bei Kretschmann wurde am Samstag ausschließlich das Vakzin von Biontech verimpft. „Ich war die ganze Woche aufgeregt, hatte Ängste und schlaflose Nächte, dass irgendwas nicht klappt“, gab Kretschmann zu. Und als endlich die Impfstofflieferung ankam, habe sie sogar kurzeitig darüber nachgedacht, in der Praxis zu übernachten, um das kostbare Gut zu bewachen.

Der Aufbau der Impfstraße in dem Matratzenlager sei eine Mammutaufgabe gewesen. „Ohne das Praxisteam und die vielen Helfer hätte es nicht geklappt“, sagt Kretschmann. Die neun Impfkabinen zum Beispiel wurden innerhalb eines Tages von Peter Lather gebaut. Die Stühle wurden beim Weltladen und einer befreundeten Ärztin geliehen.

Kretschmann und ihr Team wollen in ihrer Impfstraße weiterimpfen. „Wir bündeln die Impftermine wieder an einem Tag. Im normalen Praxisalltag wären so viele Impfungen auf einmal nicht umzusetzen“, sagte Kretschmann. Ihr ist es wichtig, so viele Menschen so schnell wie möglich mit dem Impfstoff zu versorgen. „Jeder, den wir heute gepikst haben, landet nicht im Krankenhaus. Wir müssen alle gemeinsam anpacken, um die Corona-Pandemie zu beenden“, betonte Kretschmann und appellierte an ihre Kollegen im ganzen Bundesgebiet: „Es gibt so viele Leerstände, die in Impfzentren verwandelt werden können. Wir müssen nur kreativ und mutig sein, dann bekommen wir unser gewohntes Leben bald wieder zurück.“

Von Tobias Hirsch

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