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Marburg Das Immunsystem braucht Training
Marburg Das Immunsystem braucht Training
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15:00 31.10.2021
Die Grippeimpfung hilft beim Schutz vor der Influenza oder kann ihren Verlauf deutlich abmildern.
Die Grippeimpfung hilft beim Schutz vor der Influenza oder kann ihren Verlauf deutlich abmildern. Quelle: Archivfoto: Thorsten Richter
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Marburg

Ein kleiner Piks in den Oberarm kann Leben retten oder viel Leid ersparen. Das gilt nicht nur beim Schutz vor dem Coronavirus, sondern seit Jahrzehnten auch vor Grippeerkrankungen. Die Saison für Grippeschutzimpfungen im zweiten Corona-Herbst und -Winter hat gerade begonnen. Optimaler Zeitpunkt für die Schutzimpfung mit einem Vierfachimpfstoff ist von Oktober bis etwa Dezember. Etwa 10 bis 14 Tage dauert es, bis der Körper einen Schutz gegen Grippeviren aufgebaut hat. In aller Regel erreicht eine Grippewelle im Januar oder Februar ihren Höhepunkt.

Allerdings gab es auch schon Jahre, in denen sich das Virus deutlich früher ausbreitete. Wie die Grippesaison 2021/2022 verläuft, lässt sich derzeit noch nicht vorhersagen. Im vergangenen Jahr fiel sie weitgehend aus. Das war der Corona-Pandemie, den Lockdowns und dem guten persönlichen Schutz der Menschen geschuldet. Nicht zuletzt auch einer vergleichsweise hohen Impfbereitschaft.

Doch was sich im vergangenen Jahr so positiv auswirkte, könnte in der ausstehenden Grippesaison zu Problemen, sprich zu einer schwereren Grippewelle führen. Darauf weisen auch die Gesundheitsbehörden des Landkreises hin.

Jedes Jahr ein angepasster Impfstoff

Dr. Ortwin Schuchardt, Sprecher der Ärztegenossenschaft „Prima“, erklärt den Grund dafür mit einem einfachen Bild: „Unserem Immunsystem fehlen jetzt ein paar Trainingseinheiten“, sagt der Stadtallendorfer Mediziner. Gerade deshalb sei die Grippeschutzimpfung jetzt besonders wichtig, um das Immunsystem darauf einzustellen, dass es sich gegen die Viren zur Wehr setzt. Jetzt normalisiere sich das menschliche Verhalten immer mehr, deshalb kehrten auch Erkältungskrankheiten und Atemwegserkrankungen zunehmend zurück. Auch wegen eines möglicherweise schwächeren Immunsystems. „Gleiches gilt auch bei den Magen-Darm-Erkrankungen“, sagt der Allgemeinmediziner nach seiner Wahrnehmung.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt eine Grippeschutzimpfung für Menschen ab 60 Jahren, für Menschen mit chronischen Erkrankungen wie zum Beispiel Diabetes Mellitus oder Herz-Kreislauferkrankungen und Schwangere. Bei ihnen kann eine Infektion mit dem Influenzavirus verheerende Folgen haben, eine Grippeerkrankung kann unter anderem auch Lungenentzündungen und andere schwerwiegende Erkrankungen auslösen. Die können auch zum Tode führen.

Zusätzliche Belastung der Krankenhäuser

Bei der besonders schweren Grippewelle 2017/2018 starben etwa 25 000 Menschen in Deutschland. Warum sollten sich aber nicht nur Menschen ab 60 und chronisch Kranke mit einer Impfung vor dem Grippevirus schützen? Das Gesundheitsamt des Kreises Marburg-Biedenkopf warnt zum Beispiel, dass eine schwere Grippewelle zusätzlich zu einer vierten Corona-Welle die Krankenhäuser zusätzlich belasten könnte. Aber es gibt auch ganz individuelle Gründe. Auch eine Influenza kann Spätfolgen haben, auch bei jüngeren und bis dato gesunden Betroffenen, erläutert Hausarzt Dr. Ortwin Schuchardt. „Je nach Verlauf der Influenza können die Patienten noch lange Zeit unter erheblichen Erschöpfungszuständen oder auch Atemnot leiden“, erläutert der Mediziner.

Auch Menschen, die ständig Kontakt mit anderen haben, etwa in Pflegeberufen, sollten sich in jedem Fall regelmäßig mit einer Impfung vor der Influenza schützen.

Die Grippeimpfung muss in jeder Saison wiederholt werden. Denn das Virus wandelt sich ständig. Darum muss auch der Impfstoff in jedem Jahr angepasst werden. Die Prognose, welcher Virustyp in einer Saison besonders zum Tragen kommen dürfte, trifft die Weltgesundheitsorganisation WHO. „In den vergangenen Jahren waren diese Festlegungen der WHO sehr passgenau“, sagt Mediziner Schuchardt. Hinzu komme, dass inzwischen Vierfachimpfstoffe im Einsatz seien. Sie richten sich gegen mehrere unterschiedliche Grippevirenstämme gleichzeitig.

Und wie steht es aktuell um die Impfbereitschaft? „In meiner Praxis registriere ich in diesem Jahr eine gute Impfbereitschaft in den verschiedenen Altersgruppen“, erklärt Schuchardt.

Auf den Impfschutz achten

Eine gute Nachricht kommt von den Apotheken, die die Versorgung der Ärzte mit dem aktuellen Grippe-Impfstoff sicherstellen: „Es gibt derzeit keine Lieferschwierigkeiten“, sagt Dr. Susanne Rück, die Sprecherin der Apotheken in Marburg und im Umland. Das war im vergangenen Jahr in den entscheidenden Monaten der Impfkampagne anders. Rück weist darauf hin, dass sich Grippeschutzimpfungen auch mit einer Corona-Impfung kombinieren lassen.

Für Patienten über 60 Jahre hat sie noch einen Zusatzhinweis. Sie erhalten besondere Impfstoffe gegen die Influenza, die stärker wirken. Es gebe dabei zwei Varianten, höher dosierte Impfstoffe und Impfstoffe mit Wirkverstärkern. „Es gibt von Patienten die Rückmeldung, dass die Impfstoffe mit Wirkverstärker sehr viel besser vertragen werden“, erläutert die Pharmazeutin.

Und da Apotheken für Vorbeugung sind, gibt sie allen Patienten den Rat, den Grippeimpftermin gleich doppelt zu nutzen. Dies sei eine gute Gelegenheit, auch nach den nötigen Standardimpfungen schauen zu lassen – gegen Tetanus zum Beispiel. „Nehmen Sie Ihr Impfbuch mit und lassen Sie es vom Arzt durchschauen“, rät Pharmazeutin Rück.

Von Michael Rinde

31.10.2021
31.10.2021