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Marburg Gottesdienst vor leeren Rängen
Marburg Gottesdienst vor leeren Rängen
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21:30 15.03.2020
Gottesdienst vor fast leeren Rängen. Dekan Burkhardt zur Nieden äußerte sich Sonntag in der Lutherischen Pfarrkirche zu Corona. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Sonntagvormittag, kurz vor 10 Uhr: Die Glocken der Lutherischen Pfarrkirche beginnen zu läuten. Doch wo eigentlich vor vollen Kirchenbänken der offizielle Auftakt der Stadt Marburg und der Evangelischen Kirche zum Hexenjahr stattfinden soll, präsentiert sich wegen der aktuellen Coronakrise ein völlig anderes Bild. Offiziell findet auch aufgrund der Empfehlungen der Landesbischöfin Beate Hofmann überhaupt kein Gottesdienst statt.

Doch die Kirchentore sind weiterhin offen, und rund 20 Unentwegte sind gekommen. Dekan Burkhard zur Nieden hat sich deswegen zusammen mit Landeskirchenmusikdirektor Uwe Maibaum für eine abgespeckte Variante des Gottesdienstes entschieden.

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„Wir sind alle auf der Suche nach einer neuen Form für den Gottesdienst“, sagt Annemarie Berkenhoff-Kröger, die trotz Corona-Krise als Gemeindemitglied gekommen ist. Es sei auf jeden Fall wichtig, auch weiterhin zusammenzukommen. Dazu gehöre auch das gemeinsame Singen. „Man sieht ja ein, dass die Kirche sich dem Ganzen nicht entziehen kann“, sagt Berkenhoff-Kröger. Aber der Gottesdienst stelle auch für viele ältere Menschen einen wichtigen Halt dar. Das sieht auch Ulrike Brodbeck so, die zwar zu einer anderen Gemeinde gehört, aber dieses Mal bewusst den Weg in die Lutherische Pfarrkirche gewählt hat. Für diejenigen, die sowieso unter Einsamkeit leiden, sei der Gottesdienst auch eine Möglichkeit, ein Gemeinschaftsgefühl zu erleben, meint sie.

„Wir halten Abstand zueinander und werden doch zu Nächsten“

Doch wie lange wird das in den kommenden Wochen in den Marburger Kirchen noch möglich sein? Noch ist nicht klar, in welcher Form die sonntäglichen Gottesdienste in den Kirchen weitergehen. Auch Dekan zur Nieden wirkt in seiner Ansprache zunächst ein wenig ratlos. „Es ist der dritte Sonntag in der Passionszeit, und wir feiern das erste Mal seit vielen Generationen in Marburg keinen Gottesdienst – und tun es doch irgendwie“, sagt der Dekan. „Wir haben keine Sprache und keine Muster für das, was in unserem Land passiert“, fügt er an.

Die 20 Kirchenbesucher sitzen in der eigentlich mehrere 100 Personen fassenden Pfarrkirche im weiten Abstand voneinander. „Wir halten Abstand zueinander und werden doch zu Nächsten“, kommentiert Burkhard zur Nieden. „Zwar sind wir uns körperlich fern und werden doch berührt durch Psalm und Evangelium“.

„Wir werden einen Choral miteinander singen“, kündigt der Dekan an. Doch auch diese Form der Gottesdienst-Gestaltung ist neu. Es geht um die Frage, ob die durch alle Hände gehenden Gesangbücher benutzt werden dürfen. Die erste Lösung dafür ist ungewöhnlich und pragmatisch: es geht auch ohne Gesangbücher. „Liebe Gemeinde: Kennen Sie die Liedtexte auswendig“, fragt Maibaum am Klavier sitzend scherzhaft. Das ist aber nicht notwendig, denn der Kirchenmusiker summt erst einmal begleitet von Klaviermusik die gesamte Melodie des Liedes, und danach gibt er jeweils eine Verszeile vor oder singt sie zunächst. Dann stimmt auch die kleine Gemeinde mit ein. So entsteht eine Art eindrucksvoller Wechsel-Gesang.

„Manches Unverzichtbare ist plötzlich unnötig“

Im Wochenpsalm geht es dann um Worte der Zuversicht, wonach Gott die Menschen aus ihrer Furcht errettet. Anschließend reflektiert der Dekan in einer Kurzpredigt über die „atemlosen Tage“, in denen alte Sicherheiten und Selbstverständlichkeiten nichts mehr zählen. „Manches Unverzichtbare ist plötzlich unnötig“, sagt zur Nieden aber auch. Zudem erinnert er auch daran, dass dringende globale Probleme wie der Klimanotstand, der Rechtsextremismus oder die Flüchtlingskrise zwar nach wie vor ungelöst seien, aber angesichts des derzeit alles überschattenden Themas Corona-Epidemie in den Hintergrund getreten seien.

„Wir teilen Unsicherheit, Fragen und Sorgen“, sagt er zum Schluss zum gemeinsamen Gebet. Es gebe das Nichtwissen und die Frage, wem man trauen könne, ebenso wie ein Ahnen, was kommen könne. In das Gebet schloss der Dekan die Kranken und Gefährdeten wie auch die Pflegekräfte und Ärzte sowie die Menschen in China, Iran und Italien und anderen Krisengebieten mit ein und fügte an: „Wir Menschen sind verbunden und aufeinander angewiesen. Wir bitten, dass der Herr uns alle bewahrt in diesen schweren Zeiten“.

Empfehlung der Kirchen

Wie geht das kirchliche Leben im Zeichen der Corona-Pandemie weiter? Erste Empfehlungen dazu gibt Landesbischöfin Beate Hofmann von der Evangelischen Landeskirche von Kurhessen-Waldeck. So werden die Gottesdienste und weiteren kirchlichen Veranstaltungen zwar bis Ende April abgesagt. Die Kirchenräume sollen aber weiter offen gehalten werden und die Glocken sollen auch zu den Gebetszeiten läuten. „Wir regen an, Gebetstexte zum Mitnehmen auszulegen“, heißt es weiter in dem Papier. Zwar sollen Konfirmationen und Jubelkonfirmationen in den Sommer oder Herbst verschoben werden. Trauerfeiern sollen aber weiter stattfinden. „Tote zu bestatten ist ein Werk der Barmherzigkeit“, schreibt die Bischöfin.

Eine klare Regelung gab es für die katholischen Kirchen. „Das Bistum Fulda hat ab sofort alle öffentlichen Eucharistiefeiern und weitere liturgische Feiern abgesagt“, hieß es am Samstag. Diese Regelung gilt bis zum 3. April. Rechtzeitig vor dem 3. April wird neu entschieden, ob und inwiefern diese Regelung fortgesetzt werden muss. „Priester können unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Eucharistie weiter feiern und nehmen dabei insbesondere die Anliegen der jeweiligen Gemeinden mit ins Gebet“. Bei diesen Feiern seien aber die hygienischen Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten. Bischof Dr. Franz Gerber hatte bereits am Freitag bis auf Weiteres die Gläubigen im Bistum Fulda von der Sonntagspflicht entbunden. Ihm sei bewusst, dass dieser Schritt das geistliche Leben der Gläubigen erheblich einschränke. Dennoch habe derzeit Vorrang, der Ausbreitung des Virus durch die Zusammenkunft von Menschen nicht weiter Vorschub zu leisten, teilte die Katholische Kirche mit.

Von Manfred Hitzeroth

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