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Marburg Vier Bände für den Eintrag von besonderen Gästen
Marburg Vier Bände für den Eintrag von besonderen Gästen
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17:57 15.10.2021
Von alt bis neu: Die vier „Goldenen Bücher“ der Stadt Marburg präsentieren (von links) Stadtarchiv-Leiterin Sandra Baumgarten, die Archiv-Mitarbeiterinnen Stina Dörr und Nadine Englert sowie Jose Adao, Mitarbeiter aus der Stadtverwaltung.
Von alt bis neu: Die vier „Goldenen Bücher“ der Stadt Marburg präsentieren (von links) Stadtarchiv-Leiterin Sandra Baumgarten, die Archiv-Mitarbeiterinnen Stina Dörr und Nadine Englert sowie Jose Adao, Mitarbeiter aus der Stadtverwaltung. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Ein Eintrag in das Goldene Buch der Stadt Marburg ist so etwas wie ein Ritterschlag für einen offiziellen Gast der Stadt. Und zudem ist es auch immer eine besondere Zeremonie, bei der die Verantwortlichen der Stadtregierung im Rathaus zum Empfang mit einem anschließenden Eintrag in das Goldene Buch bitten.

Eigentlich gibt es mittlerweile bereits vier dieser Goldenen Bücher. Und leider hat keines von ihnen einen goldenen Einband. Aber wieso ist das Goldene Buch eigentlich gar nicht golden, und seit wann gibt es diese Institution überhaupt? Dies waren nur zwei der Fragen, denen die OP jetzt bei einem Besuch im Marburger Stadtarchiv auf den Grund ging.

Warum sind die Bücher nicht in Gold eingefasst?

Die für die Organisation rund um das Goldene Buch bei der Stadtverwaltung zuständige „Zeremonienmeisterin“ Sabrina Heun vom städtischen Fachdienst zur Unterstützung kommunaler Gremien hatte für den Pressetermin extra das aktuelle Buch mit ins Stadtarchiv genommen, wo die drei Vorgänger-Bände aufbewahrt werden. Streng genommen handelt es sich bei Buch Nummer vier um eine Art gehobener „Loseblattsammlung“. Denn erst wenn eine gewisse Anzahl von Einträgen erfolgt ist, soll daraus ein gebundenes Buch werden.

Wieso alle vier Bücher nicht in Gold eingefasst hat, das kann Heun zwar nicht direkt beantworten. Wahrscheinlich hat das aber auch mit der Dokumentation einer gewissen städtischen Sparsamkeit zu tun. Allerdings sind alle vier Bücher stattliche Bände, die jeweils schon von außen sichtbar sehr repräsentativ gestaltet sind – auf unterschiedliche Weise von dezent bis auffällig ist jeweils das Marburger Stadtwappen eingearbeitet. Während Exemplar Nummer eins jedoch irgendwann im Lauf der Zeit seinen Einband verloren hat, sind die Bücher Nummer zwei und drei in Leder eingefasst und das neue Buch liegt in einem großen Karton.

Aber zurück zum Anfang: Das erste Goldene Buch der Stadt Marburg hatte offiziell eigentlich den Namen Gästebuch und wurde erstmals im Jahr 1927 in Gebrauch genommen. Vor rund 100 Jahren lag die Stadt Marburg damit in Deutschland durchaus im Trend der Zeit. Zum ersten Mal benutzt wurde das Gästebuch beim Schlossfest mit Kaffee im Rittersaal des Marburger Schlosses, bei dem das 400-jährige Bestehen der Marburger Universität gefeiert wurde. Und zum Start gab es gleich eine „Massen-Eintragung“, bei der sich anscheinend nahezu alle Gäste der Feierlichkeiten mit ihrem Namenszug verewigten. In dieser Form wiederholte sich das später nicht mehr.

Erst nach der nationalsozialistischen Machtergreifung im Jahr 1933 wurde das Goldene Buch wieder aus der Schublade geholt. Zur Amtseinführung trug sich gleich einer der höchstrangigen NS-Funktionäre ein – der damalige preußische Ministerpräsident und spätere Luftfahrtminister Hermann Göring kam zur Amtseinführung des Oberpräsidenten Prinz Philipp von Hessen nach Marburg. Bis 1944 gab es nur noch einige wenige weitere Anlässe für Einträge, wie beispielsweise die Erinnerungsfeier für den Marburger Medizin-Nobelpreisträger Emil von Behring im Jahr 1940.

Jede Menge exotische Einträge

Die große Stunde des Goldenen Buches der Stadt Marburg begann erst wieder fast zwei Jahrzehnte nach dem Krieg, als die Tradition wieder aufgenommen wurde. In dem zweiten Goldenen Buch (Laufzeit 1963 bis 1996) und dem dritten Buch (1996 bis 2015) findet man eine Art „Who’s who“ der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft wieder – vom damaligen Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher über Hessens Ministerpräsident Holger Börner bis hin zum katholischen Erzbischof Johannes Dyba. Es finden sich aber auch jede Menge „exotischere“ Einträge wie die Unterschrift von „Ohnsorg-Theater“-Star Heidi Kabel, die aus Anlass ihres Geburtstags im Jahr 1987 im Rathaus empfangen wurde. Aber auch der Dichter, Befreiungstheologe und Friedenspreisträger Ernesto Cardenal gab sich die Ehre im Goldenen Buch, ebenso wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (2007 beim Besuch zur Eröffnung der Anlage für die Grippeimpfstoff-Produktion von Novartis Behring) oder der Dalai Lama, der 2009 von der Philipps-Universität auf dem Schloss mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet wurde.

In Band zwei und drei der Goldenen Bücher wurde ein besonderer Wert auf die grafische Gestaltung der Texte gelegt, die den jeweiligen Unterschreibenden ankündigten. Dafür verantwortlich waren zwei Beschäftigte aus dem Bauamt: Willi Abel (bis 1978) und Manfred Ritter (bis 2015). Nach Ritters Verabschiedung in den Ruhestand wurde das jedoch umgestellt. Die Schrift sieht jetzt zwar täuschend ähnlich aus, heißt aber „Dauphin“ und wird nicht mehr in Handarbeit hergestellt.

OB ist verantwortlich dafür, wer sich einträgt

Seit 2016 ist das nun vierte Goldene Buch in Benutzung. Und es hat mittlerweile 18 Einträge. Verantwortlich dafür, wer sich darin eintragen darf, ist jeweils der Oberbürgermeister als Chef der Stadtregierung. Zuletzt hatte der dänische Stadtplaner Jan Gehl das Vergnügen, und er schrieb als einer der wenigen „Einträger“ nicht nur seine Unterschrift hinein, sondern noch einen kleinen Zusatzspruch.

Der nächste Eintrag ist übrigens schon terminiert: Am 28. Oktober wird sich ein Oscar-Preisträger anlässlich seines Besuchs in Marburg eintragen.

Und wer weiß: Vielleicht könnte die Anzahl der Einträge ins Goldene Buch im kommenden Jahr wieder deutlich ansteigen. Denn im Jubiläumsjahr „Marburg 800“ erwartet die Stadt Marburg bekanntermaßen eine große Anzahl von prominenten Gästen, die zum 800. Stadtgeburtstag gratulieren wollen.

Von Manfred Hitzeroth