Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Wagenplatz-Verein verzichtet auf Umzug
Marburg Wagenplatz-Verein verzichtet auf Umzug
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 06.04.2019
Die Bewohner der Wagenplatz-Siedlung am Ortenberg werden nach der Kritik nicht nach Cappel umziehen. Foto: Björn Wisker
Die Bewohner der Wagenplatz-Siedlung am Ortenberg werden nach der Kritik nicht nach Cappel umziehen. Quelle: Björn Wisker
Anzeige
Marburg

Die einen hören ­Vogelgezwitscher, die anderen Zugbremsen: Um die Zukunft der Wagenplatz-Siedlung, die auf einer Brachfläche am Ortenberg nahe der Alten Gärtnerei steht und die nach Cappel in den bürgerlich geprägten Eselsgrund umziehen könnte, ist ein Konflikt entbrannt. „Die Leute von Gleis X haben sich explizit für eine Wohnform außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft entschieden, wir hingegen haben uns für unsere Lebensweise entschieden. Die wollen nicht leben wie wir, wir wollen nicht leben wie die – also passt das nicht zusammen“, sagt Dr. ­Andreas Krisp im OP-Gespräch.

Der Cappeler ist einer derjenigen, der sich stellvertretend für mehrere Anwohner gegen den Wagenplatz-Umzug wehrt. In eine bestehende und intakte Nachbarschaft wie am „Grund“ lasse sich ein alternatives Konzept wie die Wagenplatz-Siedlung „nicht integrieren“. Bei ­aller grundsätzlichen Akzeptanz für alternative Wohnformen würde die Errichtung einer Wagenplatz-Siedlung in Cappel der Nachbarschaft „ein zu großes Minderheiten-Entgegenkommen abverlangen“. Die Stadt würde angesichts anderer ebenso freier wie geeigneterer Flächen etwa in den Außenstadtteilen einen „unnötigen Konflikt“ heraufbeschwören.

CDU-Stadtverordnete halten Eselsgrund für ungeeignet

Das sieht die CDU genauso: Das ­Gebiet sei für die Zwecke „völlig ungeeignet“, heißt es von Fraktionschef Jens Seipp und der Stadtverordneten Karin Schaffner. Auch Cappels Ortsvorsteher Peter Hesse (SPD) riet seiner Partei und der Stadtverwaltung vor wenigen Tagen, „die Umzugs-Idee nicht durchzudrücken, da diese Wohnform in der Wahrnehmung vor Ort nur ­etwas für Großstädter ist“.

„Wir führen ein normales Leben, nur eben in Wagen statt in Wohnungen“, sagt Marie Rieger, eine der Platz-Bewohnerinnen am Ortenberg. Während andere Marburger ihren Garten oder ihr Haus verschönern, hübsche man selbst die eigene Umgebung, eben einen Wagenplatz auf. Die Gleis-X‘ler seien keine partywütigen Studenten, sondern Berufstätige im Bildungssektor, die zwar selbstorganisiert in Gemeinschaft leben, aber sich nicht abschotten. Im Gegenteil: Der Wagenplatz sei stets ein Begegnungsort, wo es mit den Nachbarn Kuchen-Nachmittage oder Akustik-Konzerte, Kino und Bau-Werkstätten gebe. „Wir suchen den Austausch, wollen mit- und voneinander lernen.“

„Die Menschen vom Gleis X haben sich hier ausgesprochen konstruktiv und angenehm in das Gemeinschaftsleben eingebracht“, bestätigt Pit Metz, Vorsitzender der Ortenberggemeinde auf OP-Anfrage. Sie hätten sich etwa beim Kinderfest während des Stegfestes engagiert. Als Ortenberggemeinde sei man „überrascht und verwundert“, dass die Bewohner ihren Standort verlassen sollten, obwohl für den Platz keine Nachfolgenutzung bekannt und geplant sei. „Eine menschliche Solidar-Gemeinschaft muss halt auch die Unterschiede und Heterogenität aushalten können. Das macht, wie wir finden, Gesellschaft aus.“

Bewohner: „Wie wir leben, sieht nur anders aus“

Nachhaltig leben, bewusst mit verfügbaren Gütern umgehen, Resourcen schonen: Das sei der Wagenplatz-Ansatz. „Was Wasserverbrauch wirklich bedeutet, begreift man, wenn man Kanister schleppen muss“, sagt Mareike Kranz, Wagenplatz-Bewohnerin. Aber ebenso zu leben, zwinge man niemandem auf. „Uns unterscheidet aber viel weniger als uns eint. Wie wir ­leben, sieht nur anders aus.“

Die Bewohner, die alle relevanten Dinge im Kollektiv entscheiden, machen nach der seit Wochen gärenden Kritik in Cappel einen Rückzieher vom Eselsgrund: „Wir wollen in guter Nachbarschaft leben, im Einvernehmen und nicht gegen andere Anwohnern agieren“, sagt Britta­ Fischer. Es sei jedoch „äußerst schade“, dass sich die wenigsten in direkten Kennenlerngesprächen ein Bild machen wollten, es keinen Ängste-Abbau, sondern kategorische Ablehnung gegeben habe.

Die Sorge der aktuell neun Wagenplatz-Bewohner ist, dass sie – nicht zuletzt wegen Vorurteilen wie in Cappel – keine dauerhafte Bleibe finden. Sie leben ohnehin nur noch unter dem Damoklesschwert der Duldung durch die Stadt am Ortenberg. „Wir wollen einfach eine langfristige­ Perspektive“, sagt Fischer. Alles­ was es dazu brauche, sei eine­ ungenutzte Fläche im Stadtgebiet. Doch laut CDU-Parteichef Dirk Bamberger seien aber weder Verwaltung noch Politik in der Pflicht, einen Standort zu finden: „Wenn kein bei der Bevölkerung akzeptierter Platz gefunden wird, muss das auch zur Kenntnis genommen werden.“

von Björn Wisker