Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Sie hat wie ein Engel gewirkt!“
Marburg „Sie hat wie ein Engel gewirkt!“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:58 25.06.2021
Gisela Rother wird heute 98 Jahre alt.
Gisela Rother wird heute 98 Jahre alt. Quelle: Foto: Larissa Pitzen
Anzeige
Marburg

Der Kaffee ist gekocht, der Kuchen steht bereit, der Duft von Jasmin liegt in der Luft. Dem Geburtstagsempfang im Garten steht nichts mehr im Wege. Langsamen Schrittes nähert sich das Geburtstagskind und nimmt Platz. Während die 98-Jährige aus ihrem Leben erzählt, gießt Gisela Rothers jüngere Schwester den Kaffee ein.

Die zwei Schwestern wachsen in einer Pfarrersfamilie mit insgesamt neun Kindern in Nossen in Sachsen auf. Ein Abitur abzuschließen, ist in Rothers Jugend für Mädchen fast ausgeschlossen. Das hält Gisela Rother aber nicht davon ab, sich in die Welt der Bücher zu stürzen und ihren späteren Kindern, einem Sohn und einer Tochter, sogar die Grundlagen des Klavierspielens beizubringen.

Nach ihrem Schulabschluss macht Rother eine Ausbildung zur Buchhändlerin in Madgeburg. Noch während des Krieges im Jahr 1942 heiratet die damals 19-Jährige ihren ersten Mann. Für die Hochzeit kommt ihr Mann vom Krieg nach Hause. Nach der Hochzeit folgt das erste Kind, ein Sohn. Bei einem Flugzeugangriff auf Magdeburg wird ihre Wohnung völlig zerstört. Daraufhin zieht sie mit ihren zwei Kindern, dem Sohn und einer jüngeren Tochter, zurück in ihr Elternhaus nach Nossen.

Helfen? – selbstverständlich!

Als die Russen vor der Besetzung von Sachsen und Thüringen stehen, entsteht ein Flüchtlingsstrom. „Wenn wir in Nossen aus dem Fenster geschaut haben, haben wir die Flüchtlinge aus dem Osten beobachten können“, sagt sie, „Man konnte sehen, wer auf seiner Flucht beraubt wurde und nur mit einem Rucksack flüchtete und wie andere Menschen mit großen Pferdewagen durchs Land zogen.“ Zu dieser Zeit arbeitet Gisela Rother in der benachbarten Wäscherei. Zudem sammelt sie die Uniformen, die die Soldaten auf die Straße geworfen hatten, um in Zivil weiterzulaufen und nicht als Soldat erkannt zu werden, reinigt und färbt sie. Die aufbereitete Kleidung verteilt sie an die Flüchtenden, die es nötig hatten. „Es war für mich eine Selbstverständlichkeit zu helfen“, sagt sie. Auch ihre jüngere Schwester ist angetan von der Hilfsbereitschaft Rothers: „Sie hat wie ein Engel gewirkt“, sagt sie begeistert.

Nachdem ihr Mann nicht von der Front zurückkommt, zieht Gisela Rother mit ihren Kindern in ein kleines Bauernhaus ins Erzgebirge, um sich von ihren Eltern unabhängiger zu machen. Dort bekommt sie allerdings keine Witwenrente, da ihr Mann als verschollen und nicht gefallen gilt. „Es hieß immer, er sei im Osten“, sagt die 98-Jährige. Erst 1953 kommt dann die Sicherheit – ihr Mann gilt als Kriegsgefallener. Ihr einziges Bargeld ist der Erlös ihrer Pilzsuche. Oftmals steht sie morgens auf, zieht sich ihre Kleidung an und verlasst das Haus, um im Wald Pilze zu sammeln, die sie schließlich verkauft. „Damals haben wir fürs Pfund noch 1,50 Mark bekommen“, erinnert sie sich. Außerdem verdient sie sich mit dem Abschleifen und Lackieren von Möbelstücken etwas dazu. Blutige Hände und Entzündungen sind die Folge. Nachdem sie nach ein, zwei Jahren feststellt, dass das Leben im Erzgebirge mit sehr viel Elend verbunden ist, schickt sie ihre Kinder zu ihren Eltern und macht sich auf Arbeitssuche. In Dresden wird sie fündig und beginnt eine Stelle als Bibliothekarin an der Universität, welche sie dann bis zu ihrer Rente behalten würde.

Nach Marburg kommt Rother im Jahr 1993 durch einige Familienmitglieder, die vor mehreren Jahrzehnten in den Westen gegangen sind. „Nach der Wende konnte man dann ganz legal in den Westen umziehen“, erklärt Rother. Sie mietet sich eine kleine Wohnung mit einer ihrer Schwestern. Ihren Lebensabend genießt sie seit 2003 in der Wolff’schen Stiftung.

Die 98-Jährige erfreut sich an ihren netten Mitbewohnern in der Wolff’schen Stiftung in Marburg. „Die sind alle total hilfsbereit, mit denen kann man sich toll unterhalten“, sagt Gisela Rother. Zudem sei sie glücklich, dass auch ihr 78-jähriger Sohn nun zu ihren Mitbewohnern gehört und sie somit regelmäßigen Kontakt pflegen. „Früher haben wir immer noch einen Ausflug an meinem Geburtstag gemacht, mittlerweile ist mir das aber etwas zu anstrengend“, erklärt sie.

Von Larissa Pitzen

Marburg Corona-Fallzahlen - RKI-Inzidenz liegt bei 3,6
25.06.2021
Marburg Corona-Impfung - Impfaktion in Marburg
24.06.2021