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Marburg Ausverkauf statt versprochener Zukunft
Marburg Ausverkauf statt versprochener Zukunft
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10:00 17.07.2021
Ein Blick in die Produktion der Gießerei in Lollar.
Ein Blick in die Produktion der Gießerei in Lollar. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

Fast auf den Tag genau vor vier Jahren wurde in der Bosch Lollar Guss GmbH groß gefeiert: Am 18. Juli 2017 ging die Erweiterung der Gießerei in Lollar offiziell mit einer Einweihung an den Start. 40 Millionen Euro hatte das Unternehmen in die Erweiterung investiert, um neben dem – bereits damals rückläufigen – Kesselguss und dem technisch anspruchsvollen Kundenguss auch Bremsscheiben fertigen zu können. Davon sollte auch Buderus Guss in Breidenbach profitieren – „die erfolgreiche Umsetzung dieser Entscheidung wird die Zukunft dieser beiden Unternehmen ganz entscheidend verändern und mitbestimmen“, hatte damals Gerhard Pfeifer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Buderus Guss GmbH gesagt.

Und Uwe Glock, damals Vorsitzender des Bereichsvorstands von Bosch Thermotechnik, hatte zur Erweiterung und der Kooperation mit Breidenbach betont: „Wäre es nicht dazu gekommen, wäre es in Lollar – so hart es auch klingt – früher oder später zu Ende gegangen, die Gießerei hätte schließen müssen.“ Doch nun habe der gut 300 Jahre alte Standort in Lollar wieder eine Zukunft.

Was ist von dieser Zukunft nun, vier Jahre später, noch übrig? Nicht viel, vermuten Betriebsräte und IG Metall nach der Ankündigung von vergangener Woche, dass die Gießereien in Breidenbach, Ludwigshütte und Lollar verkauft werden sollen. Doch geben sie sich kämpferisch. Stefan Sachs, erster Bevollmächtigter der IG Metall Mittelhessen, sagte am Freitag während eines Pressegesprächs: „Die IG Metall und ihre Beschäftigten hier in Mittelhessen werden sich von Bosch nicht irgendwohin verticken lassen.“ Man sei auf konstruktive Zusammenarbeit eingestellt, „aber auch auf Konfrontation“, so Sachs. Dazu sei „alles aus dem gewerkschaftlichen Werkzeugkoffer der IG Metall“ denkbar. Man sei nicht auf Krawall gebürstet, aber auf Krawall vorbereitet, „das Unternehmen kann sich aussuchen, wie es das gerne hätte“. Denn: „Uns geht es um die Beschäftigten, die Arbeitsplätze, um Tarifbindung und vieles mehr in diesem Zusammenhang“. Ob es schon Kaufinteressenten gebe, sei der Gewerkschaft nicht bekannt.

Für Oliver Scheld, den ersten Bevollmächtigten der IG Metall Herborn, steht fest: „Natürlich kann Bosch als Unternehmen entscheiden, einen Betriebsteil zu verkaufen. Die Begründung, dass man strategisch nicht mehr zu einem Unternehmen passt, das Technologieführerschaft in der Automobilindustrie für sich beansprucht, können wir nicht nachvollziehen.“ Verhindern könne man den Verkauf nicht, aber: „Wir wollen in den Kaufprozess einbezogen werden und wir wollen Mitsprache und Mitbestimmung bei der Auswahl, wer die Standorte übernehmen wird.“

Einen rechtlichen Anspruch gebe es zwar nicht, doch sei „der Zulauf in die IG Metall in den letzten Tagen gestiegen“. Man wolle mit jedem Kaufinteressenten Gespräche führen und Vereinbarungen treffen „zur Sicherheit der Tarifbindung und für die Zukunft der Standorte und Beschäftigten“, so Scheld. „Wer uns übernehmen möchte, der muss mit unseren Forderungen konform gehen, eine Beschäftigungs- und Standortsicherung über 2023 hinaus mindestens bis 2030.“ „Rein am Verhandlungstisch ist dieser Konflikt nicht zu führen“, ist sich Scheld sicher – daher hofft er auf Unterstützung „von den Beschäftigten, der Bevölkerung und der ganzen Region“.

Elf Betriebsversammlungen habe es seit Bekanntwerden der Verkaufspläne gegeben – „die Kolleginnen und Kollegen waren zunächst in einer Schockstarre“, verdeutlicht Klaus Fischer, Betriebsratsvorsitzender der Gießerei in Lollar. Doch sei klar: „Es gab ein Leben vor Bosch – und es wird ein Leben nach Bosch geben.“

Oliver John, Betriebsratsvorsitzender von Buderus Guss in Breidenbach, berichtete von viel Ärger in der Belegschaft. „Wenn man überlegt, was wir in den letzten Jahren gegeben haben, um den Betrieb ins Laufen zu bringen, wie zum Beispiel Sonderschichten, und wenn man sieht, wie die Leute auf der letzten Rille gelaufen sind und sie dann gesagt bekommen, dass sie verkauft werden“ – dann sei das durchaus nachvollziehbar. Groß seien nun „Angst und Unsicherheit, was da jetzt wohl kommt“, doch klar sei: „Wir werden bis zum Letzten dafür kämpfen, dass wir unsere Belegschaft behalten und dass sie ihr Geld verdienen.“

Sein Stellvertreter Dietmar Schneider verdeutlichte, dass es mit der Geschäftsführung regelmäßige Info-Runden gebe, um aktuelle Themen aufzuarbeiten. „Wir haben immer wieder gefragt, ob es etwas Neues gebe – und die Antwort lautete immer nein. Wir wurden also die ganze Zeit belogen.“ Vielleicht sei der Verkauf ja auch eine „Chance auf einen Neuanfang ohne Bosch“.

Von Andreas Schmidt