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Marburg Gib Aids (k)eine Chance!
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15:58 16.06.2021
Die rote Schleife ist das markante Symbol der Solidarität mit HIV-Infizierten und Aids-Kranken. Vor 40 Jahren wurde das Virus entdeckt – Infizierte werden immer noch stigmatisiert.
Die rote Schleife ist das markante Symbol der Solidarität mit HIV-Infizierten und Aids-Kranken. Vor 40 Jahren wurde das Virus entdeckt – Infizierte werden immer noch stigmatisiert. Quelle: Oliver Berg
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Vier Jahrzehnte ist es her, dass die US-Amerikanische Gesundheitsbehörde erstmals von einem Erreger erfahren hat, Der später als HI-Virus bezeichnet werden sollte. Fünf homosexuelle Männer hatten eine schwere Lungenentzündung entwickelt – Auslöser war offenbar ein ungewöhnliches Virus. Das war im Juni 1981.

Ausgerottet wurde das Virus vis dato immer noch nicht: Ende 2019 lebten in Deutschland 90 700 Menschen mit einer HIV-Infektion. Im selben Jahr haben sich rund 2 600 Menschen mit dem HI-Virus infiziert, das die Aids-Erkrankung hervorrufen kann. Aids steht für „Acquired Immunodeficiency Syndrome“ und bedeutet „Erworbenes Immunschwächesyndrom“.

Was hat sich medizinisch verändert?

Mitte der 80er kam das erste Medikament zur Therapie von HIV-Infizierten auf den Markt. Die Therapie mit dem Präparat namens Retrovir war in der damalig üblichen hohen Dosis mit vielen Nebenwirkungen verbunden.

Erst im Jahr 1996 bei der elften internationalen Welt-Aids-Konferenz in Vancouver wurde ein Medikament vorgestellt, das in der Lage war, die Viruslast unter die Nachweisgrenze zu drücken – in der Aids-Forschung bis heute ein revolutionärer Schritt.

Das meint auch Mario Ferranti, Geschäftsführer des Vereins Aids-Hilfe Marburg: „Die Therapieform aus 1996 war ein Meilenstein in der Aids-Forschung.“ Vorher hätte man den Krankheitsverlauf lediglich herauszögern können, heute sei man schon in der Lage, bei früher Diagnose und kompetenter Therapie, die volle Lebenserwartung zu erfüllen, berichtet er weiter. Es sei sogar möglich, die Virusvermehrung fast zum Stillstand zu führen, erklärt Ferranti.

Durch immer neuere Therapieformen, die auf der Entdeckung aus 1996 aufbauen, könnten Menschen mit einer HIV-Infektion sogar so gut therapiert werden, dass sie gar nicht mehr ansteckend seien, auch nicht über ungeschützten Geschlechtsverkehr. Auch das Kinderkriegen sei für viele HIV-Infizierte kein Tabu-Thema mehr. Es sei möglich, eine Infektion der Babys fast auszuschließen.

„Man muss allerdings dazu sagen, dass der Zugang zu diesen Therapiemöglichkeiten meist nur in den westlichen Industrieländern gegeben ist. In vielen Teilen der Welt gibt es bis heute hohe Infektionsraten“, stellt Ferranti klar. Alleine bis zum Jahr 2019 sind laut Robert Koch-Institut (RKI) 690 000 Menschen an Aids gestorben.

Aids eine Krankheit von Schwulen?

Rund um den Ausbruch der Immunkrankheit Aids baute sich eine hohe Mauer von Klischees, Stigmata und Vorurteilen auf. Die New York Times hatte 1981 einen Artikel veröffentlicht, der den Ausbruch der Krankheit eng mit männlicher Homosexualität in Verbindung brachte. Seitdem kam es immer wieder vor, dass die Medien Aids als Schwulen-Krankheit bezeichneten. Sogar US-Forscher betitelten die später als Aids bekannte Krankheit als „Gay Related Immune Deficiency“ (GRID), was so viel wie „Schwulen-Immunschwäche“ bedeutet.

In Deutschland standen sich zwei Lager gegenüber: Diejenigen, die auf Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus’ setzten – beispielsweise durch Kenntlichmachung von Infizierten –, und diejenigen, die auf Aufklärungsarbeit setzten, was sich schließlich durchsetzen sollte.

Mit Kampagnen wie „Gib Aids keine Chance“, die stark zur Enttabuisierung von Kondomen beitrug, und „Wissen verdoppeln“, die Menschen mit einer HIV-Infektion in einem ganz normalen Alltag zeigen, sei man laut Mario Ferranti zwar auf dem richtigen Weg, allerdings sei HIV immer noch „mit einem Werteurteil verbunden, was stark mit Sexualmoral und falscher Lebensweise verknüpft ist“, erklärt der Geschäftsführer der Aids-Hilfe Marburg e.V. Viele Menschen sähen die Krankheit als „Quittung für einen unmoralischen Lebenswandel“ an. In der Wissenschaft habe sich in den vergangenen 40 Jahren bezüglich Aids und HIV viel getan, der Weg der Entstigmatisierung der Krankheit sei allerdings noch weit.

Derselben Meinung ist auch Holger Kleinert, ein selbst betroffenes, aktives Mitglied des Netzwerks LSBT*IQ Hessen: „Das Diskriminierungspotenzial ist leider immer noch geblieben.“ Eine HIV-Infektion werde nach wie vor mit Randgruppen in Verbindung gebracht – „seien es Homosexuelle, Huren, Drogenkonsumenten oder afrikanische Wurzeln“.

Medizinisches Personal und Diskriminierung

Holger Kleinert habe schon vieles aus der HIV-Positiven-Community gehört: „Wenn man als HIV-Infizierter zur Erstanmeldung zum Zahnarzt geht, füllt man einen Bogen mit persönlicher Krankheitsgeschichte aus, in der auch HIV abgefragt wird“, berichtet er. Bisher sei niemand über eine zahnärztliche Behandlung angesteckt worden. Vor allem wenn der HIV-Infizierte gut therapiert ist, sei die Ansteckungsgefahr gleich null. „Mir erzählen Leute, sie seien bei Ärzten gewesen und wurden bis zum Schluss warten gelassen, damit nach ihnen keiner mehr behandelt wird“, erzählt Kleinert.

Er selbst habe bisher keiner solchen Diskriminierungen erleben müssen. „Ich glaube, der Grund dafür ist, dass ich offen mit meiner HIV-Infektion umgehe, ich lege das den Leuten lieber direkt auf den Tisch. Dazu muss man sagen, dass ich auch großes Glück habe, dass mein Umfeld da so gelassen reagiert“, erzählt er. Er habe bei einem Projekt mitgearbeitet, bei dem verschiedene Arztpraxen angerufen wurden und die Anrufer behaupteten, positiv zu sein. „Da gab es alle möglichen Szenarien, manche wollten mich erst als letztes versorgen, andere wollten erst noch einmal mit dem Chef reden, wieder andere sagten, ich solle das noch mal sagen, wenn ich vor Ort bin.“

Dabei sei das medizinische Risiko, bei einer ärztlichen Behandlung angesteckt zu werden, laut RKI unwesentlich gering, erklärt Kleinert. Er ist Mitbegründer des Vereins Pro Plus Hessen, der sich gegen die Diskriminierung von HIV-Positiven einsetzt.

Von Larissa Pitzen

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