Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Mieter entscheiden selbst über Raumtemperatur
Marburg Mieter entscheiden selbst über Raumtemperatur
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:00 21.06.2022
Mieter können selbst dazu beitragen, die Heizkosten zu senken. Eine zentral abgesenkte Temperatur würde dagegen nach Meinung von Gewobau-Geschäftsführer Matthias Knoche wenig bringen.
Mieter können selbst dazu beitragen, die Heizkosten zu senken. Eine zentral abgesenkte Temperatur würde dagegen nach Meinung von Gewobau-Geschäftsführer Matthias Knoche wenig bringen. Quelle: Thorsten Richter
Anzeige
Marburg

Russland hat seine Gaslieferungen gedrosselt – müssen deshalb Mieterinnen und Mieter im nächsten Winter bei niedrigeren Raumtemperaturen frieren? Angesichts eines möglicherweise drohenden Gasmangels hat der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) eine Absenkung der Mindesttemperatur für Mietwohnungen auf 18 Grad tagsüber und 16 Grad nachts ins Gespräch gebracht. Doch der Vorstoß von Verbandspräsident Axel Gedaschko stößt auf Kritik – auch bei der städtischen Gewobau (Gemeinnützige Wohnungsbau GmbH) in Marburg.

Der Vorschlag des GdW-Präsidenten habe ihn „irritiert“, erklärte Gewobau-Geschäftsführer Matthias Knoche auf OP-Anfrage. „Ich halte den Vorschlag, die Mindesttemperatur auf 18 Grad abzusenken, für keinen geeigneten Vorschlag, um wesentliche Einspareffekte bei der Endenergie zu erzielen.“

Der Grund dafür: Bei den meisten Wohnungen kann die Wohnungsbaugesellschaft die Heizung gar nicht drosseln. „Die GeWoBau hat rund 2.650 Wohnungen“, rechnete Knoche vor. „1.550 Wohnungen sind mit Etagenheizungen ausgerüstet. Das heißt, dass die Mieterinnen und Mieter selbst verantwortlich dafür sind, wie hoch die Raumtemperatur ist, zu welcher Zeit die Heizung läuft und wie warm das Wasser sein soll. Auf immerhin fast 60 Prozent unserer Wohnungen haben wir – was den individuellen Energieverbrauch angeht – keinen Einfluss.“

Gewobau ruft Mieter zum freiwilligen Sparen auf

Von den rund 350 Wohngebäuden würden nur 100 über eine Zentralheizung versorgt. „Nur dort hätten wir technisch die Möglichkeit, die Temperatur zu regeln“, erklärte der Geschäftsführer. 35 Gebäude würden über Nahwärmenetze der Stadtwerke versorgt – auch dort könne die Gewobau keine niedrigere Raumtemperatur durchsetzen. „Daher müssen wir auf Freiwilligkeit und Eigenverantwortung setzen“, betonte Knoche.

Über die Themen Energiesparen und richtiges Heizen informiert die Gewobau die Bewohnerinnen und Bewohner laut Knoche regelmäßig in ihrer Mieterzeitung. Doch angesichts der aktuellen Krise will die Gewobau gemeinsam mit der Stadt noch stärker zum Energiesparen aufrufen: „Das ist eine besondere Situation, auf die wir besonders reagieren“, sagte Knoche. „Zurzeit bereiten wir eine Kampagne zum Energiesparen bei Strom und Wärme vor.“

Langfristig muss Verbrauch gesenkt werden

Langfristig hat die Gewobau das Ziel, durch ein Modernisierungsprogramm den Energieverbrauch ihrer Gebäude deutlich zu senken. Für den nächsten Winter werde das aber nicht ausschlaggebend sein, räumt Knoche ein. Derzeit werden nach seinen Angaben rund 95 Prozent der Gewobau-Gebäude mit Gas beheizt. Acht Wohngebäude haben eine Holzpellets-Heizung, vier haben Wärmepumpen, ein Gebäude wird mit Öl beheizt.

Über eine Absenkung der Mindesttemperatur in Mietwohnungen müsste im Übrigen der Gesetzgeber entscheiden. Doch bislang stößt der Vorschlag nicht nur in Marburg, sondern auch bundesweit in der Politik sowie bei Verbänden auf scharfe Kritik. „Es darf nicht so weit kommen, dass Menschen im Winter in ihren Wohnungen frieren müssen“, sagte Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, der Deutschen Presse-Agentur. „Gerade Ältere, Pflegebedürftige und chronisch Kranke halten sich zu Hause auf und sind besonders angewiesen auf beheizte Räume.“ Auch der Deutsche Mieterbund und Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) sprachen sich dagegen aus.

Stadtwerke prüfen Ersatzbrennstoffe

Ist die Gasversorgung im nächsten Winter für die Kundinnen und Kunden der Marburger Stadtwerke gesichert? Auf OP-Anfrage hieß es dazu am Montag nur: „Die Frage der deutschlandweiten Gasversorgung ist auf Bundesebene zu beantworten.“

Allerdings bereiten sich die Stadtwerkeoffenbar auf mögliche Engpässe vor: „Die Stadtwerke Marburg als lokaler Nahversorger befinden sich mit Kunden, die eine Abschaltmöglichkeit haben oder auf Ersatzbrennstoffe umsteigen können, im Gespräch“, teilte Stadtwerke-Sprecher Jonas Becker weiter mit. Privathaushalte seien davon aber nicht betroffen.

Derzeit habe die Drosselung der russischen Erdgaslieferungen keine Auswirkung auf die Gasversorgung in Marburg und die erdgasbetriebenen Busse der Stadtwerke.

Weil Russland die Gaslieferungendrastisch verringert hat, will Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) unter anderem Gaskraftwerke abschalten und durch Kohlestrom ersetzen lassen. Die Stadtwerke nutzen keinen Strom aus Gaskraftwerken, betreiben allerdings am Ortenberg ein Heizkraftwerk mit Erdgas. Dieses wird „aktuell weiterhin mit Erdgas betrieben“, berichtete Becker. „Teile des Kraftwerks können bereits jetzt mit Heizöl betrieben werden.

Inwieweit andere Anlagen alternativ mit anderen Ersatzbrennstoffen oder Heizöl betrieben werden können, wird geprüft“, fügte Becker hinzu.

Von Stefan Dietrich

20.06.2022
20.06.2022