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Marburg Gewinne und Verluste: Das sind die Wege zum Sieg in der OB-Stichwahl
Marburg Gewinne und Verluste: Das sind die Wege zum Sieg in der OB-Stichwahl
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13:18 16.03.2021
Newcomerin gegen Favorit: Nadine Bernshausen (Grüne) tritt in der Stichwahl gegen Amtsinhaber Dr. Thomas Spies (SPD) an.
Newcomerin gegen Favorit: Nadine Bernshausen (Grüne) tritt in der Stichwahl gegen Amtsinhaber Dr. Thomas Spies (SPD) an. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Bricht sich die grüne Welle an einem Schutzwall aus SPD und Linken? Nadine Bernshausen (Grüne) hat es zwar in die Oberbürgermeister-Stichwahl gegen Amtsinhaber Dr. Thomas Spies (SPD) geschafft. Aber ein Blick auf die Wahlergebnisse in den einzelnen Stadtteilen zeigt, dass die Newcomerin quer durch die Universitätsstadt massiv Stimmen auf das Stadtoberhaupt aufholen müsste, um ihn vom Rathaus-Chefsessel zu verdrängen. „Wahl-Watschn“ oder Wechselstimmung?

Die OP hat die Direktwahl-Resultate ausgewertet und zeigt, wo noch Bastionen des Sozialdemokraten-Spitzenkandidaten liegen, wo Spies sich stabilisieren könnte und wo der Grünen-Hoffnungsträgerin ein Stimmenzuwachs gelingen könnte.

Spies hatte einen Vorsprung von 2.500 Stimmen

Wie viele Stimmen trennen die Kontrahenten?

Im ersten Wahlgang hat Spies 2.500 Stimmen mehr geholt als Bernshausen.

Wo leben die meisten Wahlberechtigten, wo sind also die meisten Stimmen zu holen?

Die Top-Ten: Südviertel (6.100), Cappel (5.300), Richtsberg (4.800), Ockershausen (4.700), Wehrda (4.400), Altstadt (2.800), Marbach (2.600), Campusviertel (1.900), Michelbach (1.600) und Schröck (1.350).

Die Altstadt könnte knapp an Bernshausen gehen

Wer liegt in diesen Stadtteilen vorn?

Nur das Campusviertel und die Altstadt – sowie Weidenhausen – konnte Bernshausen gewinnen, die Altstadt dabei recht knapp. In allen anderen Stimmbezirken, ob im Zentrum oder im großen Außenstadtteil Michelbach führt Spies, meist deutlich mit elf bis zwölf Prozent. Hauchdünn ist sein Vorsprung nur im Südviertel (0,5 Prozent).

Minus im zweistelligen Prozentbereich

Wo hat Spies Wähler verloren, wo ist Bernshausen schwach?

Im Vergleich zum Direktwahl-Ergebnis 2015 gibt es keinen Stadtteil, wo die Grüne nicht um ein Vielfaches besser abgeschnitten hätte. In den kleinen Orten Dilsch-, Borts- und Ronhausen holte sie zwar mit 7 bis 10 Prozent ihre stadtweit schwächsten Resultate, doch selbst die bedeuteten eine Vervielfachung des vorherigen Ergebnisses.

Die Verluste des Amtsinhabers sind indes dramatisch, bewegen sich um ein Minus im zweistelligen Prozentbereich. Besonders viele Wähler sprangen in Michelbach (minus 17 Prozent), aber auch in Cappel (minus 11 Prozent) und Wehrda sowie Marbach (je minus 10 Prozent) ab. Die Hochburgen waren und bleiben, trotz Verlusten im einstelligen Bereich, Richtsberg und Waldtal.

Taktik von Spies

Wo liegen Potenziale für Bernshausen, welche Taktik wird Spies verfolgen?

Für Spies liegt einer von zwei Schlüsseln zur Verteidigung seines Vorsprungs in den Außenstadtteilen. Zwar fuhr Bernshausen dort fast überall Grünen-Rekordergebnisse ein. Aber schon alleine die Verkehrspolitik dürfte dort lebende Ex-Bamberger-Wähler mehr zu Spies als zu dessen Herausforderin tendieren lassen. Mobilisiert er speziell in Michelbach, Bauerbach und Elnhausen einen größeren Teil der CDU-Wähler, hält er anderswo das Niveau des ersten Durchgangs, wird ein Sieg für Bernshausen schwer.

Der andere Schlüssel – und dieser dürfte wahrscheinlicher und das genaue Gegenteil vom ersten Weg sein – liegt im Werben um die Gunst der Linken, der Renate-Bastian-Wähler. Die Sozial- und Klimapolitik dürfte die Schnittmenge sein, um etwa in der Altstadt, Weidenhausen und Campusviertel noch stärker zu punkten.

Linken woll nicht weiter Opposition sein

Und das dürfte schwerer wiegen als persönliche Befindlichkeiten speziell im linken Lager, das nicht weiter auf der Oppositionsbank sitzen will. Bereits seit Anfang 2019 stehen die Zeichen auf einem Linksbündnis und Spies soll zudem großes Interesse haben, die Klimaliste samt ihrer eher linkspolitischen Forderungen einzubinden. Also: Auch um Stimmen jener, die zuletzt Mariele Diehl wählten, wird der Amtsinhaber buhlen – und vor Grün-Schwarz warnen.

Für Bernshausen scheint der Weg zum Oberbürgermeister-Amt eben nur über die CDU, die Gunst der eher konservativen Wählerschaft gehen zu können. Die christliche Juristin sendete bereits im Wahlkampf klare Signale, wonach sie keine „typische Grüne“, keine Verbots-Politikerin sei, etwa Autoverkehr nicht aus der Stadt drängen und Einfamilienhaus-Bauten weiter ermöglichen will.

Aufhol-Potenziale in Wehrda

Einige Aufhol-Potenziale könnte es für die Grüne daher in Wehrda und der Marbach geben, sofern sie die dortigen 25 bis 30 Prozent CDU-Wähler von sich überzeugen kann. Auch in dem Gebiet zwischen Blindenstudienanstalt und Ortenberg wird sie eine entsprechende Wählerwanderung anstreben wollen. Kann sie zumindest für die OB-Stichwahl eine faktische Jamaika-Koalition schmieden?

Denn auch die BfM und vor allem FDP, mit der es große Schnittmengen im Schul- und Digitalisierungsbereich gibt, bietet in einigen Bezirken Hunderte mögliche Stimmen für eine Aufholjagd. Und die Klimaliste? Im Parlament erscheint eine Kooperation der Grünen mit der Öko-Gruppe zwar entscheidender als in der Stichwahl; doch Bernshausen braucht auch sie, um 2500 Stimmen aufzuholen.

Bernshausen: Spürbare Wechselstimmung

Klar ist: Bernshausen spricht von einer „spürbaren Wechselstimmung“ – und ein Wechsel dürfte nur mit einer breiten Anti-Spies-Koalition gelingen. Einem Bündnis, dem die Linken, die rot-rot-grüne Regierungsambitionen hegen und die SPD-Spies für einen Sprung ins Rathaus brauchen werden, wohl weniger zuneigen. Klar ist: Bernshausen muss sich entscheiden: CDU, die Bürgerlichen und gleichzeitig die Linken umgarnen, wird nicht gehen.

Wer oder was wird zum Zünglein an der Waage?

Entscheidend ist – und dafür wird die noch offene Sitzverteilung im Stadtparlament zentral – wie sich Wähler der CDU, Linken und Klimaliste am 28. März verhalten. Während die Öko-Sympathisanten wohl eher bei Bernshausen andocken dürften, umgarnt Spies nicht erst seit dem Wahltag die Linken; und deren Klientel wird in der Stichwahl verlässlich bereitstehen.

Bereitschaft für eine „echte Verkehrswende“

Für diese Wähler wird zentral sein, wem sie mehr Bereitschaft für eine „echte Verkehrswende“ – da spielt das Thema Gewerbesteuer-Erhöhung hinein, die die Grünen vor ein, zwei Jahren zumindest mal zaghaft andeuteten – zutrauen. Die CDU, die sich so viel mehr ausrechnete als nur noch auf eine neuerliche Regierungsbeteiligung hoffen zu dürfen, wird sich für die für sie erträglichere Form eines Links-Schwenks entscheiden müssen.

Ein Anti-Spies-Votum? Realistischer ist, dass viele Konservative erst gar nicht zur Stichwahl gehen – was dem Amtsinhaber zugute kommen dürfte. Ohnehin ein Knackpunkt: Wer kann für sich die anderen 50 Prozent, die nicht gewählt haben – also jene Marburger wie etwa Semesterferien-Studenten – an die Urne treiben?

Von Björn Wisker

16.03.2021
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