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Marburg Biontech füllt das Marburger Stadtsäckel
Marburg Biontech füllt das Marburger Stadtsäckel
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20:00 09.11.2021
Einblick in die Impfstoffproduktion bei Biontech in Marburg.
Einblick in die Impfstoffproduktion bei Biontech in Marburg. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Am Dienstag (9. November) hat Biontech seine aktuellen Quartalszahlen bekannt gegeben. Unterm Strich steht ein Gewinn von 7,1 Milliarden Euro in den ersten neun Monaten des Jahres, wie das Unternehmen mitteilte.

Davon profitiert offenbar auch die Stadt Marburg. Denn Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) teilte mit: „Die Universitätsstadt Marburg erwartet eine erhebliche Verbesserung ihrer Gewerbesteuereinnahmen. Konkrete Zahlen können wir noch nicht nennen.“ Dass diese erhebliche Verbesserung vom Biontech-Rekordgewinn stammt, sagt die Stadt nicht – denn es gilt das Steuergeheimnis. Doch hat die Stadt im vergangenen Jahr Gewerbesteuern in Höhe von 103 Millionen Euro eingenommen, für dieses Jahr stehen 110 Millionen Euro im Ansatz – und für den Haushaltsentwurf 2022 gar 121 Millionen Euro. Wenn man nun eine „erhebliche Verbesserung" erwartet, so bleibt dafür eigentlich nur der Pharma-Standort.

Dort ist CSL Behring als größter Akteur auch der wohl größte Gewerbesteuer-Zahler. Wie hoch die Summen sind, die von CSL ins Stadtsäckel fließen, ist unbekannt. Doch ist klar: CSL hat zwar erneut einen Rekord-Gewinn erzielt – doch fällt der nicht so immens viel höher aus, als dass er zu dramatischen Verbesserungen für den städtischen Haushalt führen werde. So bleibt nur der neue Player am Pharma-Standort – Biontech.

Vergleich mit Idar-Oberstein

In diesem Zusammenhang lohnt der Blick nach Idar-Oberstein: Auch dort hat Biontech einen Standort eröffnet – mit etwa 500 Mitarbeitern, also etwas weniger, als in Marburg, wo Biontech knapp 600 Mitarbeitende hat. Wie der SWR berichtet, verzeichnet die Stadt ein Gewerbesteuer-Plus von nahezu 217 Millionen Euro – im Jahr vor Biontech lagen die Einnahmen von Idar-Oberstein laut SWR bei lediglich 13,4 Millionen Euro. In einem Video freut sich der Oberbürgermeister der Stadt, Frank Frühauf (CDU), über den Geldsegen – doch woher die Mehreinnahmen stammen, sagt er nicht.

Noch komfortabler hat sich die Einnahmensituation in der Stadt Mainz entwickelt – dem Stammsitz von Biontech. Die Stadt hatte am Dienstag gar eine Pressekonferenz veranstaltet, um über den „Geldsegen“ zu informieren. Hat Mainz derzeit noch einen Schuldenstand von rund 1,3 Milliarden Euro, so gehe man davon aus, kommendes Jahr schuldenfrei zu sein, teilten Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) und Finanzdezernent Günter Beck (Grüne) laut dpa mit – denn man erwarte in diesem Jahr Gewerbesteuereinnahmen in Höhe von 1,09 Milliarden Euro, wovon laut Schätzungen wohl eine Milliarde von Biontech stamme. Auch das wurde – erneut Stichwort Steuergeheimnis – nicht offiziell bekannt gegeben. Und: Nächstes Jahr rechnet die Stadt Mainz mit weiteren 480 Millionen Euro. In der Konsequenz wolle die Stadt den Gewerbesteuer-Hebesatz von jetzt 440 auf 310 Prozentpunkte senken, um die Mainzer Unternehmen so um gut 350 Millionen Euro zu entlasten.

Spies: Zurückhaltung ist geboten

Und was bedeuten diese Zahlen für Marburg? Folgt man der – spekulativen – Rechnung aus Idar-Oberstein, so könnte das Gewerbesteuer-Plus bei etwa 300 Millionen Euro liegen. Wohlgemerkt das Plus – und nicht die gesamten Gewerbesteuer-Einnahmen. Die betragen dieses Jahr 110 Millionen Euro, für den Haushaltsentwurf 2022 sind 120 Millionen Euro angesetzt.

Aber wenn sowohl Idar-Oberstein und auch die Stadt Mainz bereits ihr immenses Gewerbesteuer-Plus kommunizieren – warum kann Marburg das noch nicht tun?

„Es gilt das Steuergeheimnis. Deshalb ist erst mal größte Zurückhaltung in jeder Hinsicht geboten“, so OB Spies auf OP-Anfrage. „Wir haben erst kurzfristig davon erfahren, dass wir eine erhebliche Verbesserung unserer Gewerbesteuereinnahmen erwarten können. Wir sind nun sowohl in der internen Abstimmung der weiteren Handhabung als auch mit der Aufsichtsbehörde“, sagt Spies. Er gehe im Moment davon aus, „dass wir Ende der Woche Genaueres sagen können“.

Steuer-Plus ist höher als der gesamte Marburger Haushalt

Klar ist jedoch: Sollten wirklich die rund 300 Millionen Euro kommen, dann würde das immense Auswirkungen auf den Marburger Haushalt haben – und bestimmt auch Begehrlichkeiten wecken. Denn: Im Haushalts-Entwurf für kommendes Jahr war der Kämmerer noch von Erträgen in Höhe von 268 Millionen Euro ausgegangen – bei einem Gesamtaufwand von 286 Millionen Euro, was ein Defizit von rund 18 Millionen Euro bedeutet hätte.

Spies mahnt jedoch vor zu großer Euphorie: Es könne „noch keine belastbaren Aussagen hinsichtlich der Gewerbesteuererwartungen“ für die nächsten Jahre getroffen werden – denn es seien erhebliche Schwankungen der Gewerbesteuer möglich, „wie die Vergangenheit gezeigt hat, auch starke Ausschläge nach unten“.

Von Andreas Schmidt

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