Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Wohnhäuser oder Gewerbegebiet?
Marburg Wohnhäuser oder Gewerbegebiet?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:00 26.01.2022
Auf einer Fläche zwischen dem Gewerbegebiet Gisselberg und dem Ort könnte ein Mischgebiet entstehen, in dem auch Wohnbebauung möglich ist. 
Auf einer Fläche zwischen dem Gewerbegebiet Gisselberg und dem Ort könnte ein Mischgebiet entstehen, in dem auch Wohnbebauung möglich ist.  Quelle: Stefan Dietrich
Anzeige
Gisselberg

Sollen im Gebiet „Die Hofweiden“ Flächen für Gewerbetreibende entstehen – oder stattdessen ein Mischgebiet? Die geplante Umwidmung einer 1,5 Hektar großen Fläche im Norden von Gisselberg sorgt für Kritik von ansässigen Gewerbetreibenden. Sie befürchten, dass es zu Konflikten kommen könnte, wenn direkt neben ihren Betrieben Wohnhäuser entstehen.

Wer von Marburg kommend nach Gisselberg fährt, sieht auf der rechten Seite der Gießener Straße zunächst mehrere Gewerbebetriebe in der Straße „An den Weiden“. Dann kommt eine bisher unbebaute Fläche, bevor hinter einem Graben die ersten Wohnhäuser stehen. Die Lücke ist seit dem Jahr 2000 als Gewerbegebiet ausgewiesen. Doch nun will die Stadt die Fläche zum Mischgebiet umwidmen, in dem auch Wohnbebauung möglich wäre.

„Die Eigentümer der Flächen haben eine Umwidmung der Flächen beantragt, weil sie unter anderem Wohnungen bauen möchten“, teilte Patricia Grähling von der Pressestelle der Stadt auf OP-Anfrage mit. Seit 2016 laufe ein reguläres Verfahren zur Umwidmung.

Ortsbeirat Gisselberg hat sich für geplante Änderung ausgesprochen

„Der Magistrat hat am 31. Oktober 2016 beschlossen, ein Bauleitplanverfahren einzuleiten. Die Stadtverordnetenversammlung hat dann im November 2017 die Aufstellung des Bebauungsplans, 1. Änderung, einstimmig beschlossen“, erklärte Grähling weiter.

Der jüngste Verfahrensschritt war die Beteiligung der Öffentlichkeit – Bürgerinnen und Bürger konnten bis Anfang Januar Stellungnahmen zu der geplanten Umwidmung einreichen. Das haben auch zwei Kfz-Händler und ein Motorradhändler getan, die nördlich der betreffenden Fläche ihre Werkstätten haben, berichteten sie der OP.

Ihre Befürchtung: Wenn quasi direkt gegenüber dreigeschossige Wohngebäude entstehen, könnten sich die künftigen Anwohner über den Lärm der Werkstätten ärgern. Beispielsweise seien Abgasuntersuchungen von Motorrädern, die häufig am Samstagmorgen stattfänden, zwangsläufig laut. Auch die nächtliche Anlieferung von Autos sei ein Problem, wenn in der Nachbarschaft Menschen schlafen. Die Autohändler befürchten deshalb ein erhebliches Konfliktpotenzial – und eventuell zusätzliche Kosten, etwa für Lärmschutz. Der Ortsbeirat Gisselberg hat sich im Dezember hingegen für die geplante Änderung ausgesprochen, wie Ortsvorsteher Gernot Günther auf OP-Anfrage sagte. „Wir haben der Vorlage zugestimmt vor dem Hintergrund, dass dort Wohnungen entstehen sollen mit einem Anteil von 30 Prozent Sozialwohnungen“, sagte Günther. „Es ist ja bekannt, dass es nicht genug Wohnungen gibt.“ Die Bedenken der Gewerbetreibenden könne er zwar verstehen. „Aber auf der anderen Seite der Gießener Straße ist ja auch Wohnbebauung, das war bisher kein Problem.“

Stadt: Guter Übergang von Gewerbe und Wohngebiet

Aus Sicht der Stadt würde ein Mischgebiet sogar „einen guten Übergang“ zwischen „bestehender Wohnbebauung und bestehendem Gewerbe“ schaffen. Laut dem Änderungs-Plan, der der OP vorliegt, sollen in dem Gebiet nach einer Umwidmung unter anderem eine Künstlerwerkstatt und Wohnungen entstehen. Die Eigentümer der Fläche wollten sich auf OP-Anfrage zunächst nicht zu ihren Plänen und der Kritik daran äußern. Zur Begründung hieß es, es gebe noch keine konkrete Rückmeldung zu den eingegangenen Stellungnahmen.

Doch wie passt die Umwidmung eines bestehenden Gewerbegebietes zur Aussage von Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD), dass Marburg dringend neue Gewerbeflächen braucht? Auf diese Frage erklärt die Stadtverwaltung, Marburg benötige insbesondere Gewerbeflächen, deren Nutzung nicht durch angrenzende Wohnbebauung eingeschränkt sei.

„Der Stadt Marburg hilft die betreffende Gewerbefläche bei ihrem zukünftigen Bedarf also nicht weiter – die Fläche ist klein, eingeschränkt nutzbar durch die Nähe zur Wohnbebauung und hat bereits einen Eigentümer“, erklärte Grähling. Zudem werde in der Stadt Marburg auch Wohnraum benötigt – „insbesondere auch in Mehrfamilienhäusern und in Form von Sozialwohnungen“, ergänzte sie.

Vor einer abschließenden Beurteilung werde die Stadt erst die eingegangenen Stellungnahmen auswerten, erklärte Grähling. Dann werde der Bebauungsplanentwurf überarbeitet und der Stadtverordnetenversammlung zum sogenannten „Offenlagebeschluss“ vorgelegt. In der dann folgenden 30-tägigen Offenlage könnten erneut Stellungnahmen eingereicht werden.

Danach müsste die Stadtverordnetenversammlung noch einen entsprechenden Satzungsbeschluss fassen, damit die Umwidmung wirksam wird.

Von Stefan Dietrich

Marburg Kritik an vierter Magistratsstelle - Posten-Gefeilsche auf Kosten der Steuerzahler
26.01.2022