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Marburg Gewerbeflächen offenbar wichtiger als Acker
Marburg Gewerbeflächen offenbar wichtiger als Acker
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07:57 07.10.2020
Auch der Bau der natürlich von vielen Menschen gewünschten B252-Ortsumgehung für Lahntal, Wetter und Münchhausen geht zulasten von Ackerland. Quelle: Götz Schaub
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Biedenkopf

Zum Parteitag der CDU in Biedenkopf gab es einen Antrag zu besprechen, den Karin Lölkes aus Münchhausen und Ulrich Zick aus Fronhausen gemeinsam einbrachten. Beide sind beruflich Landwirte, Karin Lölkes zudem Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Marburg-Biedenkopf.

Also bezog sich der Antrag inhaltlich auf die Landwirtschaft. Dieses Mal ging es nicht um Düngeverordnungen und andere EU-Vorgaben, sondern um ein ganz anderes Thema, das die beiden Landwirte als ein ernstzunehmendes Problem betrachten; der Flächenverbrauch auf dem Lande zugunsten von Wohnraum, Gewerbe und auch Verkehr.

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Täglich verschwinden in Deutschland annähernd 70 Hektar landwirtschaftliche Fläche für Siedlungs- und Verkehrsflächen. Das könne und dürfe so nicht weitergehen.

Die Bundesregierung wollte eigentlich 2020 den täglichen Verbrauch auf 30 Hektar abgesenkt haben, doch dieses Ziel sei zum Entsetzen der Landwirte in das Jahr 2030 verschoben worden. Zick führte aus: „Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich die landwirtschaftliche Fläche um fast 4.800 Quadratkilometer vermindert.“ Das entspreche 480.000 Hektar.

Landwirte wollen Thema auf Parteitag anbringen

Zum Vergleich: Die derzeitige landwirtschaftliche Nutzfläche in Hessen beträgt rund 770.000 Hektar. „Wird landwirtschaftliche Fläche entwidmet, geht sie für immer verloren“, sagt Lölkes. Dabei würden Landwirte, die die Haupternährer der Bevölkerung sind, immer doppelt herhalten, weil auch für naturschutzfachliche Ausgleichsmaßnahmen immer wieder Acker- und Grünland genutzt werde. In den vergangenen 20 Jahren gingen so 37.000 Hektar landwirtschaftliche Fläche verloren.

Die beiden Landwirte wollten erreichen, dass ihr Anliegen auf dem Landesparteitag und auf dem Bundesparteitag der CDU zum Thema gemacht wird. Als Sofortmaßnahme schlagen sie vor, dass alle Planungen, insbesondere für Siedlungs- und Verkehrsflächen mit dem Ziel einer minimalen Neuversiegelung zu überprüfen sind.

Städte und Gemeinden sollen verpflichtet werden, Leerstandskataster aufzustellen und bei Bauleitplanungen strikt nach dem Prinzip „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“ vorgehen zu müssen. Gewerbegebäude sollen mehrgeschossig und auch auf Industriebrachen beziehungsweise Bestandsimmobilien entstehen.

Keine klare Mehrheit im ersten Versuch

Dagegen rührte sich Widerstand. Insbesondere die Unionspolitiker aus Marburg halten es für unerlässlich, dass sich Marburg weiter ausbreiten kann, insbesondere in den Außenstadtteilen. Und in Sachen Gewerbe müsse es Marburg erlaubt bleiben, mit den umliegenden Gemeinden weitere Gewerbeflächen auszuweisen. Werner Wasmuth schlug vor, den Antrag zunächst im CDU-Kreisvorstand und dann in der Regionalversammlung besprechen zu lassen.

Das wollten Zick und Lölkes nicht. Die abschließende Abstimmung musste wiederholt werden, weil beim ersten Mal visuell keine klare Mehrheit auszumachen war. Versammlungsleiter Dr. Stefan Klenner ließ noch einmal abstimmen, ohne die genauen Zahlen festzustellen, doch stimmten alle überein, dass Wasmuths Vorschlag dann doch mehr Stimmen erhalten hatte. Missmut bei den Unterstützern des Ursprungsantrags.

„So bleibt doch nichts mehr von dem Antrag übrig“, rief einer. Und ja, die durchaus knappe Abstimmung machte deutlich, dass die CDU zunehmend ein Problem mit ihren Stammwählern bekommt, die aus der Landwirtschaft kommen, denn diese Menschen fühlten sich schon mehrfach von der CDU nicht mehr richtig vertreten.

Dass nun die Landwirtschaft sämtlichen anderen Gewerbe untergeordnet wurde, stieß auch auf Empörung. „Die Menschen werden mehr, die Anbaufläche für Lebensmittel weniger. Wohin das führt, muss nicht erläutert werden“, sagte Lölkes bereits bei anderer Gelegenheit.

Standpunkt – von Götz Schaub

Eigene Äcker sichern uns gutes Essen

Neue Straßen, wenn auch gewünscht, neue Baugebiete, wenn auch dringend benötigt, neue Gewerbeflächen, um sich weiter entwickeln zu können: Alles schön und gut, aber in der Summe führt uns das in den Klima-Ruin. Und oben drauf kommt dann noch der Wahnwitz, Bäume umzuhauen für klimafreundliche Windräder im Wald.

In Deutschland wurde über Jahre und wird weiterhin täglich fröhlich versiegelt als gäbe es kein morgen. Doch der Morgen kommt. Und dann wird es ein bitteres Erwachen geben. Reden wir erst gar nicht von den Klimaauswirkungen, das Zusammenschrumpfen von Ökosystemen und Lebensraum für Tiere und Natur, reden wir hier nur ganz schnöde über unser Essen – gesät und geerntet auf Äckern dieses Landes.

Essen als solches werden wir noch über viele Jahre im Überfluss im Lebensmittelmarkt haben. Die Frage wird nur sein, woher es irgendwann nur noch kommt und unter welchen Umständen es angebaut wurde. Die Formel ist denkbar einfach. Je weniger Ackerfläche in Deutschland zur Verfügung steht, umso weniger Essen aus Deutschland landet im eigenen Bauch.

Mag jetzt noch nicht so schlimm sein, aber wenn man das erste Chlorhühnchen aus den Staaten verdaut hat, mit Kartoffeln aus China und Bohnen aus Argentinien, kann plötzlich nichts mehr so wichtig sein, wie die eigene Qualitäts-Ernährung vor der Haustür. Nur dann ist alles zu spät. Da helfen auch keine grünen Dachgärten mehr mit Tomatenanbau. Also, nicht bis 2030 warten, sondern jetzt endlich auch an „morgen“ denken und mehr Ackerflächen erhalten.

Von Götz Schaub