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Marburg Auswege aus brenzligen Situationen
Marburg Auswege aus brenzligen Situationen
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12:58 13.08.2021
Menschen, die zu Gewalt neigen, können trainieren, Konflikte gewaltfrei zu lösen.
Menschen, die zu Gewalt neigen, können trainieren, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Quelle: Karl-Josef Hildenbrand
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Marburg

Als sich am Telefon die „Beratungsstelle Wege aus der Gewalt“ meldet, bekommt sie erst einmal einen Schreck. Gewalt? „Oh, da hab ich wohl auf den falschen Button geklickt“, denkt sie, „mit Gewalt ist ja nichts.“ Aber dass es so nicht weitergehen kann, das ist ihr bewusst, als sie sich im Juni 2020 an die Beratungsstelle wendet. „Ich habe mich eingesperrt gefühlt in meinem eigenen Zuhause“, erzählt die 53-Jährige heute. „Aber ich wusste nicht: Wie komme ich da raus?“

So geht es vielen, die das vertrauliche Beratungsangebot nutzen – obwohl die Situationen so unterschiedlich sind, dass es so etwas wie „den typischen Fall“ gar nicht gibt. Aber „Ich weiß ja gar nicht, ob ich bei Ihnen an der richtigen Stelle bin“, diesen Satz hören Beraterin Sabine Schlegel und ihr Kollege Aaron Herholz in der Gewaltberatungsstelle oft. Viele haben schon an mehreren Stellen vergeblich Rat gesucht.

„Es ist gut, dass Sie da sind“, sagt Schlegel beim ersten Gespräch zu der 53-Jährigen. „Die meisten kommen erst, wenn es schon geknallt hat.“ Die Frau macht sich Sorgen, dass die Situation mit ihrem fast volljährigen Sohn eskaliert. „Es war nie einfach, mit ihm umzugehen, er hatte von Anfang an eine Bindungsstörung“, erzählt sie. „Die ersten Jahre in seinem Leben waren auch nicht einfach“, erklärt die alleinerziehende Mutter. Sie war alkoholsüchtig, der Sohn lebte vom dritten bis fünften Lebensjahr bei Pflegeeltern. Dann schaffte sie es auf dem Hof Fleckenbühl, vom Alkohol wegzukommen – und hoffte, dass nun auch in der Familie alles gut wird.

„Aber als er in die Pubertät gekommen ist, ist das komplett gekippt“, berichtet sie. „Er ist zwar nicht mir gegenüber gewalttätig geworden, aber gegenüber Gegenständen. Er hat ein Bild die Treppe hinuntergeworfen und gegen die Wand geboxt, sodass Löcher im Putz entstanden sind.“ Sie merkt, dass die verbalen Aggressionen von beiden Seiten zunehmen. Und sie hat Angst, dass er sie eines Tages angreifen könnte. „Ich konnte nirgendwo mehr Kraft schöpfen, war erschöpft und hatte keine Lust mehr, nach Hause zu gehen.“

 Beratungsangebote ergänzen sich

„Wenn die Gewaltbelastung zuhause so groß ist, dass ich permanent in Angst lebe, komme ich nicht mehr zur Ruhe“, erklärt Schlegel. Sie und Herholz beraten im Projekt „Wege aus der Gewalt“ (Wege) der Juko Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen: Menschen, die in ihrem Umfeld Gewalt erleben. Männer und Frauen, die selbst gewalttätig geworden sind. Paare und Familien mit Gewaltproblematik. Manchen Ratsuchenden können sie gleich ein anderes Hilfsangebot empfehlen: Frauen, die häusliche Gewalt erleben, können sich an „Frauen helfen Frauen“ oder den Frauennotruf wenden. Um Gewalt in der Erziehung kümmert sich das Projekt „Starke Eltern, starke Kinder“ des Kinderschutzbundes. Männer, die gewalttätig gegenüber ihrer Partnerin geworden sind, lernen bei der Juko im „Stop-Training“, Beziehungskonflikte gewaltfrei zu lösen.

„Wir beraten nicht, wo es schon Angebote gibt“, stellt Schlegel klar. „Wir haben eine sehr gute Kooperationsstruktur.“ Die unterschiedlichen Hilfsangebote sollen sich ergänzen und gemeinsam dazu beitragen, dass potenzielle Opfer vor Gewalt geschützt werden. Und das neue „Wege“-Programm ist keine Konkurrenz dazu, sondern es soll Lücken schließen. „Wir konnten bisher für manche Leute nichts tun“, erklärt Schlegel. Das betraf sogar verurteilte Gewalttäter, die vom Gericht zum „Stop-Training“ der Juko geschickt wurden. Wenn sie glaubwürdig versicherten, dass sie niemals gegenüber ihrer Partnerin gewalttätig werden würden, sondern nur gegenüber anderen Menschen – dann waren sie eigentlich an der falschen Adresse. Dasselbe galt für Frauen, die ihren Partner schlagen – was allerdings viel seltener vorkommt als umgekehrt.

„Dass der Bedarf da ist, also Menschen, die Hilfe brauchen, hat sich schnell gezeigt“, sagt Carsten Degner, der bei der Juko Koordinator für Konflikthilfe, Mediation und Prävention ist. Rund 400 Gespräche haben Herholz und Schlegel in der Wege-Beratungsstelle seit dem Start im April 2020 geführt – trotz Pandemie. Manche Menschen brauchen nur ein oder zwei Gespräche, viele kommen aber monatelang zur psychosozialen Beratung.

„Wir versuchen sehr individuell herauszuarbeiten, welches Angebot können wir machen“, erläutert Herholz. Gerade wenn Gewalttäter vom Gericht der Beratungsstelle zugewiesen worden sind, kann die Beratung den Charakter eines Einzeltrainings haben. „Wir haben da einen breiten Erfahrungsschatz und einen entsprechenden Werkzeugkasten“, sagt Degner. Denn seit 15 Jahren gibt es bei der Juko das „Stop-Training“ gegen häusliche Gewalt. Dass diese Täterarbeit Gewalt verhindern kann, wenn die Kurse mehrere Monate dauern und Gruppenarbeit beinhalten, ist laut Degner durch Studien bewiesen. Klares Ziel ist der Opferschutz durch eine Verhaltensänderung bei den Tätern.

Rechtzeitig aus der Situation rausgehen

„Wir begleiten die Teilnehmer sehr konfrontativ und offen“, stellt Schlegel klar. „Wir lassen nicht zu, dass sie die Gewalt verharmlosen oder Verantwortung von sich schieben.“ Die typischen Formulierungen kennt sie: „Wenn sie das nicht gemacht hätte, wäre es nicht passiert“ oder „Mir ist die Hand ausgerutscht“. „Die Hand ist an meinem Körper“, hält Schlegel dem in ihrer ruhigen und besonnenen Art entgegen, „und ich habe eine Entscheidung getroffen. Und wenn es die Entscheidung war, den entscheidenden Moment nicht zu nutzen, aus der Situation rauszugehen.“

Rechtzeitig aus der Situation rausgehen – das klingt einfacher, als es für manche Menschen ist. „Wenn es die goldenen fünf allgemeinen Regeln gäbe, wie man Gewalt verhindert, dann würden die hier an der Wand hängen“, sagt Degner. Die fünf Regeln gibt es aber nicht – jeder Teilnehmer muss selbst Regeln erarbeiten und sie immer wieder trainieren.

Das fängt damit an, den Punkt zu erkennen, an dem man in einer Auseinandersetzung nicht weiterkommt und deshalb in verbale Gewalt wie Drohungen abgleitet, aus der schließlich körperliche Gewalt werden kann. Gewalttäter müssen also lernen, einen Ausweg aus der Situation zu finden. Der darf nur vom Klienten selbst abhängen, nicht vom Verhalten einer anderen Person. Er könnte so aussehen: „Ich gehe weg und mache Sport.“ Aber das ist den Experten von der Juko noch nicht konkret genug: „Wir fragen dann: Wo steht Ihre Sporttasche?“, sagt Schlegel. „Wenn er die erst noch packen muss oder sie im Schlafzimmer steht, wo die Partnerin ist, funktioniert es nicht. Sie muss gepackt im Auto stehen.“ Ähnlich wie im „Stop-Training“ gegen häusliche Gewalt entwickeln Schlegel und Herholz auch mit Wege-Klienten gewaltfreie Lösungswege.

Zurück zu der 53-jährigen Mutter: Ihre Situation ist natürlich völlig anders als die eines gewalttätigen Mannes – so groß ist die Bandbreite der Fälle in der Beratungsstelle. Und doch geht es auch für die 53-Jährige in der Beratung letztlich darum, einen Ausweg zu finden aus der eskalierenden Situation mit ihrem Sohn. „Ich wusste, ich wollte, dass er auszieht“, sagt die Mutter. „Aber dürfen Eltern ihre Kinder rausschmeißen? Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust.“ Mit Beraterin Schlegel führt sie in den nächsten Monaten „viele Gespräche mit Hochs und Tiefs“. Sie schreibt ihrem Sohn einen Brief, „weil normales Reden nicht mehr möglich war“. Sie beschließt: Wenn die Situation brenzlig wird, kann sie auch die Polizei anrufen. Schließlich mietet die 53-Jährige ein Appartement für den inzwischen 18-Jährigen an – und der Sohn zieht nach anfänglichem Zögern tatsächlich aus.

Zu Besuch kommen darf er weiterhin, er darf dreckige Wäsche mitbringen und sich aus dem Kühlschrank bedienen. „Ich genieße es jetzt, wenn er zu mir kommt, dass es nicht mehr zum Streit kommt“, sagt sie heute. Wenn die Situation doch zu kippen droht, bittet sie ihren Sohn, zu gehen – und das macht er auch. Manchmal fragt sie sich immer noch, ob sie sich richtig entschieden hat. Aber dann denkt sie wieder an die Beratungsgespräche: „Ich habe manchmal eine kleine Frau Schlegel auf der Schulter“, sagt sie, „weil ich genau weiß, was sie sagen würde.“

Die Beratungsstelle „Wege“ der Juko, Krummbogen 2, bietet dienstags von 9.30 bis 11.30 Uhr und donnerstags von 15 bis 17 Uhr offene Sprechstunden an. Sie ist außerdem erreichbar unter Telefon 0 64 21 / 8 89 98 10, E-Mail: gewaltberatung@juko-marburg.de.

Von Stefan Dietrich

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