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Marburg Wenn Zuhause kein sicherer Ort ist
Marburg Wenn Zuhause kein sicherer Ort ist
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09:57 30.04.2021
Ein junges Mädchen hält sich die Hände vor ihr Gesicht. Die Corona-Pandemie ist für viele Kinder eine große Belastung.
Ein junges Mädchen hält sich die Hände vor ihr Gesicht. Die Corona-Pandemie ist für viele Kinder eine große Belastung. Quelle: Themenfoto: Nicolas Armer
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Marburg

Ohrfeigen, ein Schlag auf den Po oder Demütigungen: Gewalt galt früher in vielen Familien als normale Erziehungsmethode – doch sie kann bei Kindern zu seelischen Schäden führen. Heute wüssten Eltern immerhin, dass körperliche Gewalt nicht erlaubt ist, sagt Renate Oberlik, Vorsitzende des Kinderschutzbundes Marburg-Biedenkopf: „Aber Gewalt ist weiterhin ein Problem.“ Laut einer repräsentativen Studie des Universitätsklinikums Ulm vom vergangenen Jahr hält immer noch jeder sechste Befragte eine Ohrfeige für angebracht, 42 Prozent halten einen Klaps auf den Po für ein zulässiges Erziehungsmittel. Und in der Corona-Krise ist die Gefahr für Kinder noch größer. Darauf macht der Kinderschutzbund anlässlich des Tages der gewaltfreien Erziehung an diesem Freitag aufmerksam. „Das vergangene Jahr war für Familien kein einfaches“, sagt die Vizepräsidentin des Kinderschutzbundes, Ekin Deligöz, laut einer Mitteilung. „Und nach allem, was wir absehen können, werden auch die kommenden Wochen geprägt sein von Schul- und Kitaschließungen und von Isolierung im eigenen Haushalt. Für einige Kinder aber ist das eigene Zuhause kein sicherer Ort.“

„Häusliche Gewalt ist im Moment total versteckt“, warnt Oberlik. „Wenn beide Eltern zuhause sind, wie kann die Frau oder wie können die Kinder sich dann vor häuslicher Gewalt schützen?“ Zudem leiden Kinder nicht nur unter körperlicher, sondern auch unter psychischer Gewalt – etwa Drohungen, Demütigungen oder Vernachlässigung. Und dieses Problem nehme zu, je weniger Zeit Eltern für ihre Kinder haben, sagt Oberlik. Also gerade in der Pandemie mit den Herausforderungen von Homeoffice und Distanzunterricht.

Viele leiden still: Corona macht Kindern Angst

Hinzu kommt die allgemein bedrückende Situation in der Corona-Pandemie. Sie belastet auch Kinder, die zuhause nicht unter Gewalt leiden. Alltagsstruktur, soziale Kontakte und Bewegung fehlen, Kinder haben Angst, zu erkranken oder geliebte Menschen anzustecken. Viele leiden still, werden traurig und depressiv, warnt der Kinderschutzbund. Auch das Jugendamt der Stadt Marburg bestätigt, dass viele Familien unter einem Gefühl der Hilf- und Perspektivlosigkeit leiden. „Bundesweit wird festgestellt, dass besonders die Jugendlichen im Alter 12 bis 16 Jahren unter der Situation leiden“, teilte die Pressestelle der Stadtverwaltung auf OP-Nachfrage mit. „Bei Mädchen gibt es deutlichere Rückzugstendenzen und depressive Symptomatik, bei Jungen mehr Verhaltensauffälligkeiten mit aggressivem Verhalten und übermäßigem Medienkonsum.“

„Wie stark die Kinder belastet sind, zeigt sich auch daran, dass wir eine 70-prozentige Steigerung an Beratungsgesprächen am Kinder- und Jugendtelefon Marburg zu verzeichnen haben“, berichtet Oberlik. Seit dem Sommer habe auch die Zahl der E-Mail-Beratungen um 40 Prozent zugenommen – darunter seien im Vergleich zu früher mehr 9- bis 13-Jährige. Schulstress, Versagensängste, Überforderung, häusliche Gewalt – das sind Themen, die die Kinder in der Beratung ansprechen.

Seine Beratungsangebote für Kinder und Eltern konnte der Kinderschutzbund per Telefon und E-Mail in der Pandemie nicht nur aufrechterhalten, sondern sogar ausweiten. Doch die Präventionsangebote in Schulen fallen Corona-bedingt aus, auch die Spielstube am Richtsberg musste der Verein vergangene Woche schließen. „Ich glaube, es ist im Augenblick richtig, aber für die Kinder ist es schlecht“, sagt Oberlik. So sei die Spielstube ein wichtiges Angebot für unter Dreijährige, die oft in beengten Verhältnissen wohnen und zuhause nicht deutsch sprechen.

Kinderschutzbund schlägt Unterricht im Freien vor

Die Interessen von Kindern müssten in der Pandemie stärker berücksichtigt werden, fordert der Kinderschutzbund deshalb – und macht einige Vorschläge, wie man ihre Lage verbessern könnte: Zum Beispiel durch Unterricht im Freien, Lüftungsgeräte in Klassenräumen, das Zulassen der Aktivitäten von Sportvereinen, spezifische Angebote für Kinder finanziell benachteiligter Eltern, aber auch Gespräche über Corona, um Kindern die Angst zu nehmen. Denn die große Sorge des Verbandes ist: Einige Kinder werden in der Pandemie abgehängt, zum Beispiel, weil sie nicht die technischen Möglichkeiten haben, am Online-Unterricht teilzunehmen. Davon berichten laut Oberlik auch Lehrerinnen und Lehrer. Durch einen Spendenlauf zum Weltkindertag im September konnte der Kinderschutzbund Marburg einige Kinder mit Tablets versorgen. Doch die Befürchtung, dass einige Kinder in der Pandemie den Anschluss verpassen, bleibt. „Alle Jugendhilfeorganisationen müssen zusammen sehen, wie kommen wir wieder an diese Kinder heran“, sagt Oberlik. Es müsse ein Hilfenetz aufgebaut werden, das sie dabei unterstützt, wieder teilzuhaben an allem, was Kinder brauchen: Spaß am Leben und Lernen, Freundschaft und Liebe.

Das Kinder- und Jugendtelefon Marburg-Biedenkopf hat sein telefonisches Beratungsangebot für Kinder ausgeweitet. Kinder und Jugendliche, die Gewalt erfahren oder Sorgen und Nöte haben, können von Montag bis Samstag zwischen 14 und 20 Uhr die Telefonnummer 116 111 anrufen. Die E-Mail-Beratung ist unter www.nummergegenkummer.de erreichbar. Die Familienberatungsstelle hat ihr Angebot um telefonische, Video-Beratung und „Walk-and-Talk“-Beratung erweitert. Sie ist montags und mittwochs von 9 bis 12 Uhr sowie donnerstags von 14 bis 16 Uhr unter 0 64 21 / 6 71 19 erreichbar.

Recht auf gewaltfreie Erziehung

Seit 2000 ist Gewalt ​in der Kindererziehung gesetzlich verboten. Im Bürgerlichen Gesetzbuch heißt es seither in Paragraph 1631, Absatz 2: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ An dieses Recht erinnern der Kinderschutzbund und andere Organisationen am 30. April mit dem „Tag der gewaltfreien Erziehung“, der International als „No hitting day“ bekannt ist.  Wie viele Kinder in Marburg Opfer häuslicher Gewalt geworden sind, konnte die Stadtverwaltung auf OP-Anfrage nicht beziffern. Sie teilte aber mit, dass das Jugendamt der Stadt Marburg 2020  insgesamt 168 Fälle von Kindeswohlgefährdung bearbeitet hat. Im Jahr 2019 waren es demnach 158 Fälle.

Von Stefan Dietrich