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Marburg Bluttat von Treysa ist kein Einzelfall
Marburg Bluttat von Treysa ist kein Einzelfall
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08:00 10.06.2022
Am Dienstagmittag kam es in einem Lebensmittelmarkt in der Wierastraße in Schwalmstadt-Treysa zu einem Schusswaffengebrauch.
Am Dienstagmittag kam es in einem Lebensmittelmarkt in der Wierastraße in Schwalmstadt-Treysa zu einem Schusswaffengebrauch. Quelle: Michael Rinde
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Marburg

Nach Erkenntnissen der Ermittler hatte der 58-jährige Mann aus dem Landkreis Osnabrück im Aldi-Markt in Treysa vier Schüsse auf eine 53-jährige Frau abgegeben, mit der er bis vor kurzem liiert war. Die Frau starb, der Täter tötete sich anschließend durch einen Schuss in den Kopf. Noch am Tattag hatte die Frau Anzeige gegen den Mann erstattet wegen Körperverletzung, Nötigung und Nachstellung. Laut Polizei hatten sich dabei „keine Anhaltspunkte für eine konkrete Gefährdung der Frau“ ergeben. Rund zwei Stunden später fielen die tödlichen Schüsse in dem Discounter.

Die Tat in Treysa habe eine besondere öffentliche Wirkung, weil sie in einem Supermarkt geschehen sei. Aber dass solche Taten immer wieder geschehen, „ist für uns nicht wirklich überraschend“, sagt Rebekka Jost vom Frauennotruf Marburg. Denn statistisch gesehen versuche jeden Tag in Deutschland ein Mann, seine Partnerin oder Ex-Partnerin zu töten. Und jeden dritten Tag gelinge dies auch, nennt Jost verstörende Zahlen über Gewalt gegen Frauen in Partnerschaften.

343 Fälle von sexualisierter Gewalt im Landkreis 2021

Auch außerhalb von Ehen oder festen Beziehungen sei sexualisierte, psychische und körperliche Gewalt an der Tagesordnung, weiß Jost. Diese Gewalt gehe in den allermeisten Fällen von den Männern aus und sei ein gesamtgesellschaftlich und kulturübergreifend bestehendes Phänomen.

Deshalb werben Institutionen wie der Frauennotruf auch dafür, solche Taten als „Femizide“ zu bezeichnen und nicht als „Familientragödie“ oder „Beziehungstaten“ – weil letztere solche Taten als tragische Einzelfälle dastehen ließen, möglicherweise gar dem Opfer eine Mitschuld für seine Ermordung zuwiesen und zugleich überdeckten, dass hinter geschlechtsspezifischer Gewalt gemeinsame Denkstrukturen stehen.

Ähnlich hatte sich vor kurzem schon Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) geäußert. Solche Verbrechen dürften nicht als „Eifersuchtsdramen“ oder „Beziehungstragödien“ verbrämt werden. „Die Justiz muss hier genau hinschauen“, sagte Faeser. „Wenn ein Täter glaubt, die Frau sei sein Besitz, dann kann eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mord aus niedrigen Beweggründen verhängt werden.“

Denn auch wenn jeder Mann, der seine Partnerin angreift, diese Tat aus seiner individuellen Beziehungssituation heraus begehe, handele es sich doch um die immer gleichen traditionellen Rollenbilder und patriarchalischen Strukturen, mit denen der Mann „rechtfertigt“, notfalls die Frau zu töten, wenn sie ihn verlassen will oder verlassen hat, sagt Rebekka Jost.

Solche Täter lebten Beziehungen nicht gleichberechtigt auf Augenhöhe, sondern sehen die Frau als „Besitz“ des Mannes an, der vermeintlich das Recht hat, über sie zu verfügen. Diese patriarchalischen Denkstrukturen seien über alle Bevölkerungsschichten und in allen Altersstufen noch immer verbreitet, stellt Jost immer wieder in ihrer Beratungstätigkeit fest.

Alarmierend sei, so Rebekka Jost, dass Frauen, die schon überlegen, sich vom Partner zu trennen, in Beratungsgesprächen immer wieder auch ihre Ängste vor Stalking, Vergewaltigung oder Tötung äußerten – weil sie nicht sicher sind, wie der Partner auf die Zurückweisung oder Trennung reagiert. „Wie schnell da im Gespräch bei den Frauen die Ängste bis zum Mord durch den Partner führen, finde ich erschreckend“, so die Frauennotruf-Mitarbeiterin weiter.

Im vergangenen Jahr zählte der Frauennotruf in unserem Landkreis in seiner Beratungsarbeit 343 Fälle von sexualisierter Gewalt gegen Frauen – dazu gehören laut dem Jahresbericht des Vereins Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, sexuelle Belästigung und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, Gewalt im Namen der Ehre, angedrohte oder vollzogene Zwangsheirat sowie Stalking.

Faeser fordert härteres Durchgreifen

Die Zahlen der Polizei über Einsätze wegen häuslicher Gewalt, die mit einer Strafanzeige endeten, sind etwas geringer. Laut Polizeisprecher Martin Ahlich gab es vergangenes Jahr 289 solcher Einsätze, bei denen die Polizei wegen Beziehungsstreitigkeiten gerufen wurde, darunter waren 206 Körperverletzungen. Die Tendenz weist im Gegensatz zum Bundesschnitt (plus 5 Prozent) leicht nach unten. 2020 waren es noch 305 Fälle (264 Körperverletzungen), im Jahr 2019 sogar 318 Fälle gewesen. Nicht erfasst sind in diesen Zahlen aber zum Beispiel Beziehungsstreitigkeiten, bei denen am Ende eine Schlichtung stattfand und keine Anzeige gestellt wurde.

Bundesinnenministerin Faeser hatte die Ermittlungsbehörden vor kurzem erst zu einem härteren Durchgreifen bei Fällen von häuslicher Gewalt aufgefordert. „Die Täter müssen direkt, nach dem ersten gewalttätigen Übergriff, aus der gemeinsamen Wohnung verwiesen werden“, sagte Faeser der „Bild am Sonntag“.

Im Treysaer Fall hätte das womöglich die Tat aber auch nicht verhindert. Laut den Ermittlungen hatte es am Abend vor der Tat zwar einen Polizeieinsatz wegen Streits der Beteiligten gegeben. Doch der spätere Täter hatte sich dort laut Polizei nicht aggressiv oder auffällig verhalten und sei dem von der Polizei ausgesprochenen Platzverweis nachgekommen.

Mehr sei oft für die Kollegen auch nicht möglich, erklärt der Marburger Polizeisprecher Martin Ahlich: Die Beamten brauchten für mögliche Gefährdungssituationen immer eine rechtliche Handhabe – vor allem, wenn jemand auf Zeit in Gewahrsam genommen werde. Eine dauerhafte Lösung sei das ohnehin nicht. Ahlich: „Wir können schlichten, einen vorübergehenden Frieden schaffen, von dem wir nicht wissen, wie lange er anhält. Aber wir können damit das ursprüngliche Problem nicht beseitigen, das dem Konflikt zugrunde liegt.“

Der Frauennotruf Marburg ist eine Anlauf- und Fachberatungsstelle bei Vergewaltigung, Belästigung und Stalking. Frauen werden bei der Bewältigung ihrer Gewalterfahrungen unterstützt und begleitet. Weitere Infos: www.frauennotruf-marburg.de

Femizid statt Familiendrama?

In der Berichterstattung über häusliche Gewalt einschließlich schwerer Formen, die für Frauen tödlich enden, gibt es immer wieder auch Kritik an der Bezeichnung der Tat als „Familiendrama“, „Familientragödie“, „Streitigkeiten“ oder „Eifersuchtsdrama“ oder, bei der Auslöschung einer ganzen Familie, als „erweiterter Suizid“. Diese Begrifflichkeiten verstärkten demnach ein weit verbreitetes Bild, dass es sich bei häuslicher Gewalt um „Konflikte“ in Paarbeziehungen handelt. Doch das relativiert und verharmlost häusliche Gewalt gegen Frauen – es geht nicht um „Beziehungsstreitigkeiten“, sondern um Gewalt gegen Frauen durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner, wie zum Beispiel der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in Deutschland (bff) betont.

Er empfiehlt, bei der Beschreibung von häuslicher Gewalt die Taten und die Täter klar zu benennen. Für angemessene Begriffe im Falle der Tötung von Frauen hält der bff „Frauenmord“ oder „Tötung von Frauen“. Auf internationaler Ebene wird demnach häufig der in Deutschland noch wenig genutzte Begriff „Femizid“ verwendet. Dieser Begriff kann sich allerdings auch auf Taten aus Hass auf Frauen allgemein beziehen, nicht nur auf Fälle durch (Ex-)Partner.

Chronologie

Immer wieder kommt es auch im Landkreis zu Gewalttaten innerhalb von Ehen, Familien oder Liebesbeziehungen – oder nachdem diese beendet wurden. Einige aufsehenerregende Fälle aus der Vergangenheit.

  • Dezember 2008: Eine 36-jährige Frau ersticht im Marburger Stadtteil Richtsberg ihren gleichaltrigen Lebensgefährten.
  • April 2010: Ein 55-Jähriger tötet seine Ehefrau in einem Haus in der Biegenstraße mit einem Küchenmesser.
  • Juli 2013: Am Richtsberg ersticht ein 32-jähriger Mann seine schwangere Ehefrau (37).
  • Februar 2014: Ein 31-Jähriger tötet in Breidenbach seine Ehefrau (27) mit 23 Messerstichen.
  • März 2014: Eine 26-jährige Studentin ersticht die neue Partnerin (29) ihres Ex-Freundes vor einem Haus im Marburger Kupfergraben.
  • Mai 2014: Ein 24-jähriger Mann tötet in Marburg seine Schwiegermutter und verletzt seine Ehefrau und seinen Schwager schwer.
  • Januar 2015: Eine 38-jährige Frau tötet in einem Haus in Buchenau ihren Vater mit einem Schwert.
  • Februar 2015: Ein 24-Jähriger sticht an der Wohnungstür in Bottenhorn auf seine Ex-Freundin (17) ein. Sie stirbt später im Krankenhaus.
  • Juni 2017: Im Marburger Südviertel schießt ein Mann auf seine Ehefrau und die gemeinsame Tochter. Die Tochter stirbt, die Frau überlebt mit schweren Verletzungen. Der Mann erschießt sich nach der Tat.
  • April 2019: Ein 45-jähriger Mann verletzt in Cyriaxweimar seine Ehefrau bei einer Messerattacke schwer und flüchtet zunächst mit den gemeinsamen Kindern. Er wird festgenommen.
  • Februar 2022: In Gemünden kurz hinter der Kreisgrenze tötet ein 43-Jähriger seine Ehefrau mit Messerstichen. Er verletzt sich selbst ebenfalls schwer und stirbt später im Krankenhaus.
  • Juni 2022: In Treysa nahe der Kreisgrenze erschießt ein 58-Jähriger eine 53-jährige Frau mit vier Schüssen in einem Supermarkt. Das Motiv der Tat könnte in der Trennung des Paares liegen.

Häusliche Gewalt in Zahlen

im Jahr 2020 wurden bundesweit in der Kriminalstatistik 146 655 Fälle von Gewalt in Partnerschaften registriert. Das waren knapp fünf Prozent mehr als 2019 (139 833).

Opfer wurden innerhalb dieser Taten 148 031 Personen (2019: 141 792; +4,4 %). Davon waren 80,5 Prozent weiblich (119 164) und 19,5 Prozent männlich (28 867).

18,8 Prozent aller in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Opfer waren Opfer von Gewalt in Partnerschaften (148 031).
Opfer und Tatverdächtige waren im Jahr 2020 in etwa 38 Prozent der Fälle ehemalige Partnerinnen und Partner und jeweils zu etwa einem Drittel, gut 32 Prozent, Ehepartnerinnen und Ehepartner sowie bei gut 29 Prozent Partnerinnen und Partner einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft.

Tatverdächtige waren zu 79 Prozent Männer. Häufigste Delikte bei Gewalt in Partnerschaften waren mit 74 Prozent vorsätzliche Körperverletzungen (12 Prozent davon schwere Körperverletzung). Gut 22 Prozent der Fälle betrafen Bedrohung, Stalking, Nötigung. 2,3 Prozent Vergewaltigungen und andere sexuelle Übergriffe. Mord und Totschlag schlägt mit 0,3 Prozent der Fälle zu Buche.

Von Michael Agricola

09.06.2022
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