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Marburg Das Krebsrisiko steigt mit jeder Flasche
Marburg Das Krebsrisiko steigt mit jeder Flasche
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18:00 08.11.2019
Burnout, Depression, Angststörungen und andere psychische Erkrankungen liegen laut DAK-Gesundheitsreport weiterhin an dritter Stelle der Krankschreibungen im Landkreis – auch, wenn die Zahl der Fehltage leicht gesunken ist. Quelle: Marijan Murat
Marburg

Die Ausfalltage aufgrund von Erkrankungen haben laut DAK-Gesundheitsreport im Vergleich zum Vorjahr um 0,1 Prozentpunkte abgenommen. Mit 4,8 Prozent gibt es im Landkreis aber einen höheren Krankenstand als im Landesdurchschnitt – der beträgt 4,3 Prozent. Bundesweit lag der Krankenstand bei 4,2 Prozent. Damit waren an jedem Tag des Jahres von 1 000 Arbeitnehmern im Landkreis 48 krankgeschrieben.

Die Fehltage bei den Atemwegserkrankungen wie Bronchitis sanken leicht um zwei Prozent auf 303 Tage je 100 Versicherte. Mehr als jeder fünfte Ausfalltag (21,7 Prozent) erfolgte aufgrund von Muskel-Skelett-Erkrankungen – dennoch gab es gegenüber dem Vorjahr einen Rückgang um acht Prozent auf 381 Fehltage. Rückenschmerzen und Co. liegen aber weiterhin an der Spitze der Erkrankungen.

Platz drei belegen weiterhin psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angstzustände. Auch dort sank die Zahl der Fehltage leicht – um vier Prozent auf 269 Tage. Ihr Anteil am gesamten Krankenstand beträgt 15 Prozent. Und den stärksten Anstieg um mehr als elf Prozent gab es bei Verletzungen – die Zahl der Fehltage stieg auf 209.

Rauchen weiterhin die verbreitetste Sucht

Gravierend auch: Hunderttausende Beschäftigte in Hessen haben laut DAK ein Suchtproblem – „mit gravierenden Folgen für die Arbeitswelt“, wie Medine Erdogan, Leiterin des Servicezentrums Marburg der DAK-Gesundheit zu der Schwerpunktuntersuchung „Sucht 4.0“ sagt. Demnach hat knapp jeder zehnte hessische Arbeitnehmer einen riskanten Alkoholkonsum; ebenfalls rund jeder Zehnte ist zigarettenabhängig; jeder Elfte zeigt ein auffälliges Nutzungsverhalten bei Computerspielen.

Der Krankenstand ist den Daten zufolge bei den Betroffenen deutlich höher, sie seien häufiger unkonzentriert oder kämen öfter zu spät. Und: Derzeit greifen rund sechs Prozent der Erwerbstätigen zur E-Zigarette. Ist dies die „gesündere Alternative“ zur Zigarette? „Das kann man so nicht sagen, denn es liegen noch keine Langzeiterfahrungen oder Zahlen vor“, sagt Dr. Birgit Wollenberg, Leiterin des Gesundheitsamts.

Auch in E-Zigaretten seien gesundheitsschädliche Stoffe enthalten. Das Rauchen ist weiterhin die verbreitetste Sucht, die auch die Arbeitswelt betrifft. Unter den jungen Erwerbstätigen zwischen 18 und 29 Jahren gibt es mit 16,3 Prozent den geringsten Anteil bei den Rauchern. „Wesentlich weniger junge Leute greifen zur Zigarette. Die Kampagnen und Verbote haben durchaus etwas gebracht“, sagt Wollenberg.

Dennoch werde Tabak gänzlich unterschätzt, sagt Dr. Ulrich Schu, Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie: „Bei keinem Bronchialkarzinom steht als Diagnose Tabakabhängigkeit – und auch bei keiner chronischen Bronchitis.“
Ein weiteres Problem ist die Alkoholsucht. Laut Wollenberg wird dieser „immer weit vorne in der Statistik bleiben, weil Alkohol legal und leicht zugänglich ist“.

"Alkohol ist bei uns die Kulturdroge"

Und Schu sagt: „Alkohol ist bei uns die Kulturdroge“, die Bagatellisierung von Alkohol sei sehr hoch. Und: Bei Krankmeldungen würden lediglich Kliniken Alkoholismus angeben, „das macht kein Hausarzt, die Dunkelziffer ist viel höher“. Wollenberg verdeutlicht: „Ein Unfall unter Alkoholeinfluss zählt als Verletzung – dabei war der Alkohol schuld. Das steht aber nicht auf der Diagnose.“

Die Dunkelziffer sei also immens hoch. Hinzu komme: „Bei Rauchen denkt man häufig an Krebs – bei Alkohol jedoch nur selten“, sagt Ulrich Schu. Dabei steige die Gefahr, an Darm- oder Brustkrebs zu erkranken „mit jeder Flasche“.
Prinzipiell, so die Gesundheitsexperten, müssten bei jeder Sucht die Patienten mitwirken – nur so könne die Hilfe durch die Medizin auch wirken.

Erstmals wurde für den Gesundheitsreport auch das Thema „Gaming“ und seine Auswirkungen auf die Arbeitswelt untersucht. Demnach spielen rund 60 Prozent der Erwerbstätigen – Männer und Frauen gleichermaßen – Computerspiele. Neun Prozent gelten als „riskante Gamer“ – das heißt: 290.000 Beschäftigte in Hessen zeigen ein auffälliges Nutzungsverhalten. Vor allem junge Beschäftigte zwischen 18 bis 29 Jahren seien mit 11,6 Prozent riskante Computerspieler.

Jeder elfte Mitarbeiter mit riskantem Spielverhalten gab bei der Befragung an, in den vergangenen drei Monaten wegen des Spielens abgelenkt oder unkonzentriert bei der Arbeit gewesen zu sein. Und bei Erwerbstätigen mit einer Computerspielsucht war es jeder Dritte.

von Andreas Schmidt