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Marburg Vierte Welle baut sich schon auf
Marburg Vierte Welle baut sich schon auf
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17:58 18.08.2021
Das Impfzentrum in Marburg wird Ende September abgebaut. Danach bleibt für Impfwillige noch der Gang zum Haus- oder Betriebsarzt.
Das Impfzentrum in Marburg wird Ende September abgebaut. Danach bleibt für Impfwillige noch der Gang zum Haus- oder Betriebsarzt. Quelle: Archivfotos: Thorsten Richter
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Marburg

Die Zahl der Corona-Infektionen steigt wieder – auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Gesundheitsamtsleiterin Birgit Wollenberg spricht von einer großen Herausforderung.

Frau Wollenberg, wie entspannt war dieser zweite Corona-Sommer für Sie bislang?

Wir hatten einen entspannteren Sommer als vor einem Jahr. Wir nutzen die Zeit, uns auf den Herbst vorzubereiten.

Das heißt auf die vierte Welle?

Wir sind bereits im ansteigenden Teil der vierten Welle, das merken wir an den Zahlen – auch im Landkreis. Unser Ziel war eine Inzidenz unter zehn, dann bekommen wir die Kontaktverfolgung der Infizierten in bester Qualität hin. Diesen Wert hatten wir von Mitte Juni bis zum 5. August. Jetzt erleben wir bundes- und hessenweit einen treppenförmigen Anstieg. Wir haben in Israel und Großbritannien gesehen, dass der schnell Fahrt aufnimmt, und die Delta-Variante des Virus sorgt dafür, dass der Anstieg sich sehr steil entwickeln kann.

Was sind die Ursachen?

Es liegt an den Lockerungen seit Juli. Es gibt mehr Kontakte unter den Menschen, die niedrige Inzidenz vermittelt ein Sicherheitsgefühl. Einen großen Einfluss hat die Delta-Variante, die sehr ansteckend ist.

Wer ist am meisten betroffen?

Die Hauptgruppe sind Menschen zwischen 15 und 35 Jahren. Hier in dieser Gruppe liegt die Inzidenz, die im Kreis aktuell rund 28 beträgt, um ein Vielfaches höher als im Rest der Bevölkerung.

Wie ist Ihre Prognose?

Ich erwarte, dass wir bis Ende August einen Kipppunkt erreichen und es dann einen sehr schnellen Zuwachs gibt. In den letzten Tagen hat die Dynamik zugenommen. Das sehen Sie hessenweit. Das ist die normale Entwicklung der Verbreitung der Delta-Variante in einer Bevölkerung, in der die Impfquote noch nicht hoch genug ist.

Wie hoch ist die Auslastung im Impfzentrum?

Mit 150 bis 200 Impflingen täglich deutlich unter den Möglichkeiten. Wir könnten bis zu 2 000 Menschen täglich impfen.

Das Robert-Koch-Institut hat eine Umfrage gestartet, laut der die Impfquote in der Problemgruppe bis 60 Jahre höher sein soll als gemeldet. Was soll man davon als Bürger halten?

Letztendlich kommt es nicht darauf an, was man sagt, sondern, dass man sich impfen lässt. Wir brauchen eine hohe Impfbereitschaft, das ist Schutz für uns alle. Wenige Prozente bewirken da viel. Ein Beispiel: Wenn man die Zahl der Durchgeimpften von 65 Prozent auf 70 steigert, halbiert man die Fallzahlen bei den Infektionen. Das bedeutet mehr Sicherheit und weniger Einschränkungen.

Was muss die Impfkampagne leisten, um mehr zu erreichen?

Es gilt: Je niedriger die Schwelle ist, desto besser. Als die Anmeldung im Impfzentrum wegfiel, haben wir das gemerkt. Dazu gehören Aktionen in Stadtteilen, im Wohnumfeld, in Betrieben. Die letzten Prozente zu holen, ist sehr aufwendig. Da gibt es kein Patentrezept; verschiedene möglichst passgenaue Angebote sind hier der Schlüssel zum Erfolg.

Erreicht man die Menschen in der Stadt oder auf dem Land leichter?

Mir liegen keine kleinräumigen Daten über die Impfquoten nach den Gemeinden vor. Das erschwert die Sache natürlich etwas. Kleinräumige Daten zu Impfquoten würden uns bei der Planung helfen.

Wurde die Impfskepsis unterschätzt?

Der Übergang vom Impfstoffmangel zum Impfstoffüberangebot kam sehr schnell. Lange konnten wir die Bedarfe nicht decken, nun erkennen wir, dass sich doch mehr Menschen nicht impfen lassen als erhofft.

Enttäuscht Sie das als Ärztin fürs öffentliche Gesundheits-wesen?

Ich respektiere, dass jeder seine individuelle Entscheidung trifft. Aber ich habe schon die deutliche Erwartung, dass Menschen, die in medizinisch-pflegerischen Berufen tätig sind, ihrer Verantwortung gerecht werden und sich impfen lassen, wenn ihnen dies aus gesundheitlichen Gründen möglich ist.

Ist hier eine Impfpflicht nötig?

Das ist eine politische Entscheidung, die auf anderer Ebene getroffen wird. Aber Überzeugung ist immer besser als Zwang.

Trotz schleppender Impfkampagne bleibt es bei der Schließung der hessischen Impfzentren zum 30. September?

Das Impfzentrum wird Ende September abgebaut; Erst- und Zweitimpfungen gehen dann wieder in das bekannte Regelsystem über und finden in Hausarzt- und Facharztpraxen und gegebenenfalls in Betrieben statt. Das heißt: Wer sich also im Impfzentrum impfen lassen will, hat dazu noch sechs Wochen Zeit. Über den 1. Oktober hinaus bleiben die mobilen Impfteams erhalten. Sie sind dann aber künftig Teil des Öffentlichen Gesundheitsdienstes und unterstehen den Landkreisen.

Gibt es dafür mehr Personal?

Das mobile Impfen ist sehr personalintensiv. Man muss immer eine Art Minizentrum vor Ort errichten.

Wird die Infrastruktur gegen die Pandemie geschwächt, wenn nicht mehr alle Tests bezahlt werden?

Das Testen ist vor allem wichtig für Menschen, die Symptome für eine Corona-Infektion haben. Diese Diagnostik führen die Haus- und Fachärzte beziehungsweise die von der Kassenärztlichen Vereinigung betriebenen Testzentren auch weiterhin durch. Das ist gerade bei niedrigen Inzidenzzahlen noch wichtiger als das Screening-Testen durch Antigentests. Es ist das A und O, dass bei Symptomen – sei man geimpft oder nicht geimpft – ganz schnell die Frage geklärt wird, ob es Covid-19 ist oder nicht. Dazu brauchen wir Testmöglichkeiten, die sieben Tage die Woche zur Verfügung stehen. Aus meiner Sicht wäre sehr wichtig, dass wir ein Testzentrum behalten. Diese Frage wird vom Land Hessen und der Kassenärztlichen Vereinigung gemeinsam geklärt.

Tests für den Besuch im Fitnessstudio oder beim Friseur sollen ab dem 11. Oktober selbst bezahlt werden. Was halten Sie davon?

Tests sind aktuell ab einer 7-Tage Inzidenz von 35 auf 100 000 Einwohner für Zusammentreffen in Innenräumen notwendig. Dass die Kosten nicht mehr übernommen werden, ist eine politische Entscheidung. Die Kosten dafür wurden bisher aus dem Gesundheitsfonds erstattet, und das hängt ja eng mit unseren Beitragssätzen für die Krankenversicherung zusammen. Wir dürfen nicht vergessen: Es gibt ja die Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Dann braucht man den Test nicht. Und für diejenigen, die dies aus gesundheitlichen Gründen nicht können, soll es ja eine Kostenbefreiung geben.

Welche Sorgen bereiten Ihnen die Reiserückkehrer?

Das wird die Infektionsdynamik noch einmal beeinflussen. Wir sehen das aktuell in Schleswig-Holstein, wo die Fallzahlen mit dem Ende der Schulferien deutlich angestiegen sind. Wir bitten alle Reiserückkehrenden, nicht nur den vorgeschriebenen Test zu machen, sondern sich auch bei den kleinsten Symptomen innerhalb von 14 Tagen nach der Rückkehr erneut testen zu lassen.

Ab welcher Impfquote könnten Sie wieder ruhig schlafen?

Bei einer allgemeinen Impfquote von 80 Prozent der Bevölkerung. Bei den über 60-Jährigen sollte sie 90 Prozent sein.

Ist Ihnen bange vor dem Herbst?

Ja. Auch den Mitarbeitern im Gesundheitsamt stecken die harten Monate noch in den Knochen. Wir haben jetzt schon wieder Respekt davor. Wir haben mittlerweile ein eigenständiges Team von 30 bis 40 Mitarbeitenden in einem Fachdienst Corona eingerichtet. Im Notfall können aber bis zu 120 Mitarbeiter zusätzlich als Reserveteams geholt werden. Es bleibt eine große Herausforderung für uns. Trotz der Impfungen wird es bald wieder hohe Fallzahlen geben. Das muss aber nicht heißen, dass es viele schwere Erkrankungen mit Klinikaufenthalten und Todesfällen gibt. Die vierte Welle wird anders verlaufen als die zweite und dritte. Wenn von Belastungen des Gesundheitswesens gesprochen wird, muss berücksichtigt werden, dass die Gesundheitsämter auch dazu gehören.

Von Regina Tauer

18.08.2021
18.08.2021