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Marburg „Ich will nie wieder in eine solche Situation geraten“
Marburg „Ich will nie wieder in eine solche Situation geraten“
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09:00 23.02.2022
Der Marburger Immobilienmarkt ist lukrativ. Ein Makler, der sich selbstständig gemacht hatte, musste sich nun vor Gericht wegen Steuerhinterziehung verantworten.
Der Marburger Immobilienmarkt ist lukrativ. Ein Makler, der sich selbstständig gemacht hatte, musste sich nun vor Gericht wegen Steuerhinterziehung verantworten. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Weil er Steuern in Höhe von knapp 50 000 Euro hinterzogen haben soll, musste sich ein Marburger Immobilienmakler gestern vor dem Amtsgericht verantworten. Denn gegen einen Strafbefehl in Höhe von 12 500 Euro hatte der Mann Widerspruch eingelegt.

Laut Staatsanwaltschaft hatte der 39-Jährige für das Jahr 2015 weder eine Umsatz- noch eine Einkommens- oder Gewerbesteuererklärung abgegeben. In der Folge wurden die Einnahmen und der Gewinn vonseiten des Finanzamts geschätzt. Nach einer vorliegenden Kontrollmitteilung habe der Angeklagte jedoch einem Marburger Immobilien-Unternehmen, für das er selbstständig tätig war, Vermittlungshonorare über gut 115 000 Euro zuzüglich weiterer rund 21 000 Euro Umsatzsteuer in Rechnung gestellt, „die er aber der Besteuerung vorenthalten hat“, so Staatsanwalt Dr. Frederik Buß. In der Folge fielen die Schätzungen des Finanzamts zu niedrig aus, was auch zu erheblich geringeren Steuerforderungen führte, die der Angeklagte beglich. Jedoch entgingen dem Fiskus so nahezu 50 000 Euro.

Angeklagter war überfordert

Der Anwalt des Angeklagten, Carsten Dalkowski, gab im Namen seines Mandanten eine Erklärung ab. Demnach sei dieser aus der Versicherungsbranche in die Immobilienbranche gewechselt. Er habe zunächst selbstständig für ein Marburger Immobilien-Unternehmen gearbeitet „und ist danach richtig in die Selbstständigkeit gegangen“, so Dalkowski. Der Marburger habe eine GmbH gegründet und sei – wie es bei vielen Firmengründungen der Fall sei – „von den steuerlichen und rechtlichen Angelegenheiten überfordert“ gewesen. „Jedes Geld, das er verdient hat, hat er wieder in seine Firma gesteckt“, erläuterte Dalkowski. Als dann zunächst die Steuerschätzungen und später die entsprechenden Vollstreckungsankündigungen gekommen seien, „da ist ihm alles zu viel geworden“. Denn: In der Zeit sei auch sein Vater gestorben, „das hat ihn für drei, vier Monate komplett aus der Bahn geworfen“.

Sein Mandant habe immer wieder gedacht, dass er es aus eigener Kraft durch neue Aufträge schaffe – doch „als er merkte, dass das nicht hinhaut, hat er die Reißleine gezogen und die Selbstständigkeit aufgegeben“. Der 39-Jährige bekam einen Arbeitsvertrag in der Immobilienabteilung einer Genossenschaftsbank, „er musste aber aufgrund der Steuerbescheide in die Insolvenz gehen“ – und sei in der Folge von der Bank entlassen worden. Doch sei sein Mandant gewillt und auf einem guten Weg, seine Schulden zurückzuzahlen, arbeite eng mit der Insolvenzverwaltung zusammen, um alles wieder ins Lot zu bekommen. „Seit Mitte vergangenen Jahres ist er auch wieder bei der ehemaligen Immobilienfirma angestellt“, so Dalkowski, der versicherte: „Mit dem Thema Selbstständigkeit hat mein Mandant abgeschlossen.“

Schuld begleichen

Er wolle seine Schuld begleichen. Doch warum hat die Selbstständigkeit nicht funktioniert, wollte Richterin Melanie Becker wissen? „Ich habe viel in die eigene Firma investiert“, erzählt der Angeklagte: Neben der GmbH-Einlage habe er ein Büro in der Oberstadt gemietet, in Inventar und Personal investiert. „Mein Vater war damals schon sehr krank“, so der Angeklagte – er habe sich um ihn gekümmert, „und als er starb, hat mich das völlig aus der Bahn geworfen“. Als er sich halbwegs erholt habe, „war ich nicht mehr vor, sondern hinter der Welle“, beschrieb er – 140 000 Euro Schulden habe er nun zu begleichen.

Staatsanwalt Buß wertete unter anderem die geständige Einlassung des Angeklagten als strafmindernd, forderte eine Gesamtstrafe von 140 Tagessätzen je 40 Euro – also eine Geldstrafe in Höhe von 5 600 Euro.

Rechtsanwalt Dalkowski plädierte dafür, die Höhe der Tagessätze auf 30 Euro zu verringern. Und der Angeklagte betonte in seinem Schlusswort, ihm tue „wahnsinnig leid, was passiert ist. Ich bin seit einem Jahr bemüht, mein Leben wieder in geordnete Bahnen zu bekommen, und tue alles dafür, meine Schuld zu tilgen, ich will nie wieder in eine solche Situation geraten. Ich hoffe, dass Sie mir dabei helfen“, sagte er.

Richterin Becker urteilte letztlich eine Strafe von 140 Tagessätzen in Höhe von 40 Euro aus.

Von Andreas Schmidt

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