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Marburg „Land darf sich nicht vor seiner investiven Verantwortung drücken“
Marburg „Land darf sich nicht vor seiner investiven Verantwortung drücken“
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18:00 22.12.2021
Dr. Christian Höftberger, Aufsichtsratsvorsitzender des UKGM und Vorstandsvorsitzender der Rhön-Klinikum AG, im Gespräch mit der OP.
Dr. Christian Höftberger, Aufsichtsratsvorsitzender des UKGM und Vorstandsvorsitzender der Rhön-Klinikum AG, im Gespräch mit der OP. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

Derzeit gibt es bei der Rhön-Klinikum AG keine Überlegungen, etwas am Status der beiden Universitätskliniken in Gießen und Marburg zu ändern. Das sagt Dr. Christian Höftberger, Aufsichtsratsvorsitzender des UKGM und Vorstandsvorsitzender der Rhön-Klinikum AG. Damit reagierte Höftberger auf Befürchtungen, Marburg könnte langfristig zu einem Lehrkrankenhaus herabgestuft werden. „Es bleibt dabei: ein hochschulmedizinischer Standort, zwei Universitätskliniken“, sagte Dr. Höftberger.

Der Aufsichtsratsvorsitzende verhehlte aber nicht, dass das UKGM derzeit seinen investiven Verpflichtungen alleine und aus eigener Kraft nicht nachkommen könne. Er dementierte, dass die Rhön-Klinikum AG beim Kauf der Uni-Klinika Gießen und Marburg vor 15 Jahren auf Fördergelder verzichtet hätten.

„Wir haben bei der Privatisierung zugesagt, Investitionen in Höhe von 367 Millionen Euro aus Eigenmitteln an den beiden mittelhessischen Universitätsklinikstandorten zu tätigen. Dieses Versprechen haben wir deutlich übererfüllt“, genau zwei Mal sei der Betrag mittlerweile aus der Tasche der Rhön-Klinikum AG nach Gießen und Marburg geflossen, sagte Höftberger. Aber: „Der Rhön-Klinikum AG stehen wie allen anderen Kliniken – auch den Universitätskliniken – Fördermittel zu. Das Land Hessen kann sich nicht länger vor seiner investiven Verantwortungen drücken.“ so Höftberger.

Die Investitionsgelder sind derzeit auch Thema bei den Verhandlungen um die Verlängerung des Zukunftspapiers. Höftberger wollte nicht darüber spekulieren, wann diese Verhandlungen abgeschlossen sein können. Ebenso wie Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) (die OP berichtete) wollte auch er keine ­Zwischenstände bekanntgeben.

Das Zukunftspapier wäre eigentlich am Ende dieses Jahres ausgelaufen, ist aber um ein weiteres Jahr verlängert worden. Höftberger glaubt aber nicht, dass es zu einer weiteren Verlängerung kommen wird. „Ein weiteres Jahr Verhandlung dürfte keinen relevanten Erkenntnisgewinn bringen“. Er will bis spätestens Mitte 2022 fertig sein.

Tatsächlich kommen derzeit 8,1 Millionen Euro pro Jahr vom Land. Der akute Bedarf sei um ein Vielfaches höher, das Rhön-Klinikum muss deswegen Beträge aus den DRG-Erlösen (Fallpauschalen) der beiden Universitätsklinika einsetzen.

Und: Seit zwei Jahren sei keine Dividende an die Aktionäre ausgeschüttet worden. Etwas Entlastung könne aus dem Krankenhaus-Zukunftsfonds der Bundesregierung kommen. Aus dem 3 Milliarden Euro schweren Programm stehen den hessischen Krankenhäusern rund 330 Millionen Euro zu. Wieviel an Gießen und Marburg fällt, ist wohl noch offen. Allein 20 Millionen Euro brauche das UKGM aktuell, um die Wegberufung eines Professors zu verhindern und in den Bleibeverhandlungen ein entsprechendes Angebot machen zu können. Gleichzeitig soll die Stelle der Leiterin der Strahlentherapie neu besetzt werden. Professorin Dr. Rita Engenhardt-Cabilic, die die Strahlentherapie sowohl in Marburg als auch in Gießen leitet, tritt Ende März in den Ruhestand.

Höftberger widerspricht in diesem Zusammenhang den Befürchtungen, die Radiologie in Marburg solle geschlossen werden – „sie wird erhalten bleiben“, sagt er, ein Vorgehen nach dem Motto „erst runterwirtschaften, dann abstoßen“ werde es nicht geben. Allerdings müssten die Investitions-Maßnahmen für die Radiologie erst einmal vertagt werden, auch das sei eine Folge der fehlenden Investitionsmittel vom Land.

Es bleibe aber bei der Zielsetzung, dass für die Patienten des UKGM, für die ein bildgebendes Verfahren notwendig ist, dieses noch am selben Tag gemacht werde – zu 90 Prozent schaffe das UKGM dies auch, sagte Höftberger der OP.

Den aus der Not geborenen Versuch, Pflegekräfte mit einer „Kopfprämie“ anzuwerben, wie in Gießen geschehen, hält Höftberger für einen „Fehler“. Dem bundesweiten Mangel an Pflegekräften könne so nicht begegnet werden. Das Klinikum versuche daher, mit einem „bunten Strauß“ an Maßnahmen, neue Mitarbeiter anzuwerben und für die Mitarbeiter ein attraktiver Arbeitgeber zu sein.

Höftberger fordert bessere Ausstattung für Uni-Klinika

Zurück zu den Forderungen an Bund und Land: Der Aufsichtsratsvorsitzende, der auch Präsident der Hessischen Krankenhausgesellschaft ist, wiederholt Forderungen nach einem „Zuschlag“ des Bundes für die Hochschulmedizin. „Die Universitätskrankenhäuser sind Supra-Maximalversorger, werden aber nicht entsprechend ausgestattet“. Seit langem fordert die Arbeitsgemeinschaft bundesdeutscher Universitätsklinika eine Sonderregelung des Bundes, um das teils überaus aufwendige Vorhalten bestimmter Angebote finanzieren zu können. Die neue Koalition in Berlin hat auch die berühmt-berüchtigte „Fallpauschale“, die DRG-Regel, nicht abgeschafft; die Krankenhäuser hoffen nun auf eine Novellierung.

Gewerkschaften und Betriebsrat fürchten, dass es ab Ende 2022 auch in Marburg zum Outsourcing bestimmten Berufsgruppen kommen könnte, wie jetzt erneut in der Asklepios Klinik in Lich geschehen. Höftberger stellt klar: „Solange das Zukunftspapier gilt, wird es kein Outsourcing am UKGM geben. Sollte es in Zukunft in Abstimmung mit dem Land andere Regelungen geben, würden die immer im Sinne der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie der Patientinnen und Patienten ausfallen. Wenn überhaupt, würden wir dann auch nur an eigene Töchter ausgliedern“.

Die Betroffenen blieben also im Konzern. Es gehe darum, bestimmte Leistungen zu bündeln und nicht weiter extern teurer kaufen zu müssen. Er wendet sich gegen Befürchtungen, dass Betroffene mit einem Gehaltsverlust zu rechnen haben.

„Wir haben derzeit einen Arbeitnehmer-Arbeitsmarkt“, sagt er und leitet daraus ab, dass Beschäftigte auch in outgesourcten Tochterunternehmen eine „marktkonforme Vergütung“ erzielen können.

Zu den Investitionen, die nicht in die Zukunft geschoben werden können, gehört eine einheitliche, leistungsfähige IT. Ein heikles Thema, „der Datenschutz darf nicht hochwertiger sein als der Schutz der Gesundheit“, sagt Höftberger.

Das Patienteninteresse und die Qualität der Behandlung müssten im Mittelpunkt aller Überlegungen stehen. Nur so sei auch eine „sektorenüberschreitende“ Behandlung und die Aufhebung der starren Trennung zwischen ambulanter und stationärer Behandlung möglich. Als oberster Grundsatz müsse gelten: „Die Daten gehören in die Hände von Ärzten und Wissenschaftlern, die damit verantwortungsvoll umgehen.“

Von Till Conrad und Andreas Schmidt

22.12.2021
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