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Marburg Gesichter und Geschichten der Corona-Ignorierten
Marburg Gesichter und Geschichten der Corona-Ignorierten
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14:00 18.05.2021
Zwischen Dezember 2020 und Mai 2021 haben Mo (von links), Sarah, Tamara und Klara nicht einmal die Schule besuchen dürfen. Eine schwierige Zeit für die Teenager
Zwischen Dezember 2020 und Mai 2021 haben Mo (von links), Sarah, Tamara und Klara nicht einmal die Schule besuchen dürfen. Eine schwierige Zeit für die Teenager
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Marburg

An das vergessene Gefühl, morgens eine Tasche zu packen und tatsächlich das Haus in Richtung Schule zu verlassen, erinnert sie sich noch genau. „Ich dachte: Sitze ich gleich echt wieder im Klassenraum? Ich wusste nicht mal mehr richtig, was ich mitnehmen muss“, sagt Lilly im OP-Gespräch. Die 14-Jährige ist eines von Tausenden Marburger Schulkindern, die zwischen Dezember 2020 und Frühjahr dieses Jahres – also ein halbes Jahr – im Homeschooling festsaßen und jüngst erstmals zumindest zeitweise wieder in ihre Schulgebäude dürfen. „Es hat sich ganz komisch angefühlt, dass plötzlich wieder viele Menschen um einen waren. Da war plötzlich so viel Aktivität“, sagt sie. Die zurückliegenden Monate seien jedenfalls „keine gute Zeit“ gewesen.

So sieht es auch Klara. „Total seltsam war es, dass man nach so vielen Monaten nicht mehr alleine war. Ich wusste gar nicht mehr, wie eine Unterhaltung geht oder über was man sich überhaupt mit einigen unterhalten soll, die man so lange nicht mehr gesehen hat“, sagt die 13-Jährige. Ohnehin habe sie noch am Tag der Schulrückkehr geglaubt, dass spätestens in der Folgewoche wieder alles dichtgemacht wird und die Präsenzzeit nur ein „kurzes Vergnügen“ wäre, es bald wieder vor den heimischen Computer-Bildschirm gehe. „Mir tut es gut, wieder andere Menschen zu sehen.“

Zwischen Dezember 2020 und Mai 2021 haben Lilly (links) und Mia nicht einmal die Schule besuchen dürfen. Eine schwierige Zeit für die Teenager Quelle: Björn Wisker

„Anfangs im Homeschooling war ich motiviert, alles zu machen. Aber es hat nicht lange gedauert, bis ich die Lust auch an den Fächern verloren habe, die ich sonst gerne mag, Englisch zum Beispiel“, sagt die 13-jährige Mo. Wieso? „Der Spaß war weg, weil es nichts Besonderes mehr war, es war alles irgendwie eintönig.“ Stoff lernen, Aufgaben erledigen: Sie habe immer mehr gespürt, wie sehr ihr Gespräche und generell Abwechslung – nicht zuletzt die Freundinnen – fehlten. „Ich konnte mich auch immer schlechter konzentrieren, war abgelenkt, obwohl es ja wenig Ablenkung gab.“

Sehnsucht nach Sport und Struktur

„Ich habe mich in der ganzen Zeit häufiger mal mit einzelnen Leuten getroffen, weil ich das auch einfach brauchte“, sagt Tamara (13). Doch der Verzicht auf das geliebte Volleyballtraining, die Spiele mit anderen Sportbegeisterten setze ihr – allen Aktivitäten mit der Familie zum Trotz – seit Monaten zu. „Ich würde das so gerne wieder machen.“ Mittlerweile wieder regelmäßiger Gleichaltrige sehen, in Pausen mit ihnen quatschen zu können, tue ihr gut.

„Man hat im Homeschooling ja praktisch kein Ende, die Schule ist nie vorbei, man kann immer weitermachen und macht das mangels anderer Möglichkeiten auch“, sagt Sarah. Das sei neben der grundsätzlichen Einsamkeit sehr belastend, verstärkt dadurch, dass es keinerlei Ausgleich – das Ausleben von Hobbys – gebe. So gut es geht habe sie sich weiter sportlich betätigt, aber der Vereinssport fehle ihr. Da könne sich die Familie, wie sie es auch getan habe und tue, noch so sehr anstrengen.

Es gibt seit der Schulöffnung auch für die Klassen 7 bis 11 ein Gefühl, das die Schülerinnen verbindet: Erleichterung. Und die Hoffnung, nie mehr in den eigenen vier Wänden Schulunterricht machen zu müssen. „Es ist schön, wieder einen Rhythmus zu haben und eine Struktur, die auch ein Ende vorsieht“, sagt Sarah.

Kritik: Kinder sind Gesellschaft ziemlich egal

Kritik an der vor allem junge Menschen schädigende Pandemie-Politik äußert auch die Marburgerin Medizinjournalistin Silke Jäger, seit langem mit dem Thema Corona beschäftigt: „Die Erwachsenenwelt besteht darauf, ihr Leben so normal wie möglich weiterleben zu können, zu dem Preis, das Kinder Lernaufälle haben, gefährdeter für häusliche Gewalt sind, sozial isoliert werden und insgesamt das Vertrauen in die Urteilskraft von Erwachsenen verlieren“, sagt die Ockershäuserin und verweist auf das Beispiel Maskenpflicht in Schulen statt in Firmen. Zum Leiden der Kinder gehöre auch mehr als nur die Folgen, die direkt durch Schulschließungen entstehen. „Zum Leiden der Kinder gehört vor allem, dass sie der Gesellschaft in vielerlei Hinsicht ziemlich egal sind“, sagt sie.

In den vergangenen Monaten haben viele Marburger, etwa der Kinderarzt Dr. Stephan Nolte oder Pädagogik-Professor Eckhard Rohrmann vor den mitunter dramatischen Folgen der Corona-Politik speziell für Kinder und Jugendliche gewarnt.

Von Björn Wisker

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