Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Spuren belasten Tatverdächtigen
Marburg Spuren belasten Tatverdächtigen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:00 29.11.2021
Wegen Drogenhandel und eines Raubüberfalls muss sich ein 38-Jähriger vorm Landgericht verantworten.
Wegen Drogenhandel und eines Raubüberfalls muss sich ein 38-Jähriger vorm Landgericht verantworten.  Quelle: Thorsten Richter
Anzeige
Marburg

Am zweiten Tag vor der 3. Großen Jugendkammer des Landgerichts, die einen 38-jährigen Neustädter mit den Vorwürfen des Drogenhandels (OP berichtete) und eines Raubüberfalls konfrontiert, ging es am Freitag um die Geschehnisse im Januar 2003. Erste Zeugin war die damals überfallene Mitarbeiterin des Rewe-Getränkemarktes, die das Gericht unter dem Vorsitz von Gernot Christ befragte.

Die 49-Jährige schilderte das Geschehen in Neustadt folgendermaßen: Sie schloss um 20 Uhr den Getränkemarkt, rechnete die Kasse ab und wollte dann mit dem verschlossenen Kasseneinsatz die rund 100 Meter über den Parkplatz zum Hauptmarkt gehen. Auf dem leeren Parkplatz hörte sie, wie sich jemand von hinten schnellen Schrittes näherte. Als sie sich umdrehte, sah sie einen maskierten Mann, der sie mit einer silbernen Pistole bedrohte, und „Kasse her“ sagte. In „richtig heftiger Angst“ händigte sie die Kasse aus, die an einem wie üblich umsatzschwachen Mittwoch etwa 2000 Euro enthalten haben könnte. Den „sportiv weglaufenden“ Räuber schilderte sie als dunkel gekleideten, schlanken Mann, etwa 1,75 Meter groß und im Alter von 20 bis 25 Jahren, bei dem der Stimmbruch „schon rum war“. Der Täter sei hörbar muttersprachlicher Deutscher gewesen und durch den Sehschlitz der runtergezogenen Wollmütze erkannte sie dessen helle Haut.

Depressionsschub

Noch heute denke sie an den Überfall, habe gar Angst, wenn sie schnelle Schritte hinter sich höre. Damals durchlebte sie einen Depressionsschub, nachdem ein Kollege in ihrer Gegenwart auch noch einen schlechten Scherz über den Raubüberfall machte.

Weitere als Zeugen geladene Beteiligte, wie ehemalige Kolleginnen oder der Marktleiter, konnten sich aufgrund der langen Zeit nicht mehr erinnern. So war es auch bei einem heute 35-jährigen Rollerfahrer, der durch das laute Pfeifen der Überfallenen auf den in seiner Nähe vorbeilaufenden Mann aufmerksam wurde, seinen Roller wendete, aber auf Zuruf seines Sozius das Verfolgen des Täters abbrach, sodass dieser weiter auf eine Brache zulief.

Irgendwann auf der Flucht muss sich der Täter des noch verschlossenen Kasseneinsatzes entledigt haben. Auf diesem sicherten Spezialisten der Polizei mehrere Abdrücke von Fingern und einer Hand. Ein Ermittler der Kriminalpolizei berichtete, wie er nach dem Beschreiben des Geschehens durch die Überfallene auf den möglichen Standort schloss, auf dem der Täter ihr aufgelauert haben könnte.

Speichelfleck

Beim Absuchen der in Frage kommenden Stellen entdeckte er einen Speichelfleck. Der sei noch frisch und flüssig gewesen, sagte der Kriminalpolizist dem Richter. Er könne sich noch ganz genau daran erinnern, weil es seine erste und bisher auch einzige Speichelprobe war, die er mit einem Wattestäbchen sicherte. Die DNA der in dieser Probe enthaltenen Speichels stamme mit einer Wahrscheinlichkeit von „eins zu 30 Milliarden Mal“ vom Angeklagten, erklärte ein Sachverständiger für DNA-Analytik des Landeskriminalamts (LKA) in Wiesbaden. Dies, weil ein Direktabgleich die Übereinstimmung in allen 16 Merkmalsystemen ergeben habe. Auf Nachfrage des Richters erklärte der Sachverständige, dass die Probe „sehr ergiebig“ war und seiner Meinung nach frischer Speichel bei den äußeren Umständen – trocken bei sechs Grad Celsius – theoretisch sehr lange in hoher Konzentration erhalten bleiben könne.

Der Vergleich der Spur mit der DNA des Angeklagten erfolgte, nachdem der 38-Jährige im Mai 2020 im Marburger Stadtteil Richtsberg wegen des Verdachts des Drogenhandels festgenommen und erkennungsdienstlich erfasst wurde. Der darauf folgende Abgleich der Fingerabdrücke in der LKA-Datei ergab einen Treffer mit den seit dem Jahr 2003 nicht zuordenbaren Spuren am Kasseneinsatz. Von den elf daran gefundenen Spuren stimmen die Abdrücke eines Fingers und einer Handfläche an Deckel und Unterboden mit denen des Angeklagten überein, erklärte eine Sachverständige des LKA.

Pflichtverteidigerin Viktoria S. Kunkel wies darauf hin, dass ihr Mandant schon im Jahr 2003 ein Tattoo an der linken Hand hatte. Außerdem habe Wasser bei vier Grad seine perfekte Dichte und könne sich so sehr lange halten. Schon am ersten Verhandlungstag erklärte der 38-jährige Neustädter, der die Tat abstreitet, damals häufiger im Rewe-Markt eingekauft und als starker Raucher viel „rumgerotzt“ zu haben.

Von Gianfranco Fain

28.11.2021
28.11.2021
Marburg Corona-Fallzahlen - Zwei weitere Todesfälle
28.11.2021