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Marburg Gesetz gegen Mieter-Verdrängung?
Marburg Gesetz gegen Mieter-Verdrängung?
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00:21 24.11.2018
(Archivfoto) Vor allem in Oberstadt, Südviertel, Weidenhausen und dem ehemaligen Klinikviertel blühen laut Kritikern die Immobiliengeschäfte und wird Wohnraum den Bewohnern entzogen. Für eine „Milieuschutz-Satzung“ sieht der Magistrat aber keine Gründe. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die Ortsbeiräte Altstadt und Campusviertel unterstützen eine laufende Initiative der Grünen-Fraktion zu ­einem städtischen Kampf ­gegen Gentrifizierung. Mietsteigerungen etwa nach Häuser- oder Apartment-Sanierungen, die zu Umzügen der Bewohner führen, seien in den Kernstadtteilen zu einem Problem geworden, heißt es aus Teilen der Kommunalpolitik. Ein Mittel dagegen soll eine Erhaltungssatzung speziell für Oberstadt, Campus- und Südviertel sowie Weidenhausen sein. Christian Schmidt, Stadtverordneter und Grünen-Parteichef, will so einen „Milieuschutz“ per Stadtgesetz festschreiben, so dass die „Zusammensetzung der Wohnbevölkerung bestehen bleibt“, wie er mit Verweis auf entsprechende Regelungen im Baugesetzbuch sagt.

Denn Gentrifizierung sei kein Großstadtphänomen mehr, auf der ­Suche nach Anlagemöglichkeiten würden auch in der Universitätsstadt seit Jahren vermehrt ­Immobilien zu Renditeobjekten für Spekulanten. Die attraktivsten Bedingungen finden Immobilieninvestoren nach Angaben des Branchendienstleisters Lübke & Kelber tatsächlich abseits der Großstädte und Metropolregionen – so etwa in Marburg. Vor allem bei Bestandsbauten liegt die Universitätsstadt auf Rang 19 von 110 untersuchten Städten. Der tatsächlich zu erwartende Gewinn liegt dort am weitesten über dem Risiko, die Mindestrendite zu verfehlen.

Doch eine Möglichkeit, Milieuschutz rechtssicher in einer Satzung festzulegen, sieht der Magistrat jedoch nicht. Denn die in der Stadt ausführlich vorliegende Datenlage zum Wohnungsmarkt „stützt eine Gentrifizierung auf dem Gebiet der Stadt ausdrücklich nicht“, sagt Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) auf OP-Anfrage. Auch Baudezernent Wieland Stötzel (CDU) entgegnete­ zuletzt, dass Gentrifizierung in Marburg alleine schon wegen der Größe der Viertel kein Thema sein könne. „In den tatsächlich von solchen Trends betroffenen Städten, sind die einzelnen Stadtteile, um die es geht, so groß wie unsere ganze Stadt.“

Indizien für etwaige Gentriefizierungsprozesse – vielmehr deren Ausbleiben – könnte auch das jüngste Landtagswahlergebnis liefern. Denn beim Blick auf die Resultate in den Wahlbüros zeigt sich, dass die mutmaßlich von Verdrängungsprozessen ­betroffenenen Stadtteile Oberstadt, Südviertel und Weidenhausen weiterhin eher Hochburgen des linkspolitischen Lagers sind. Die Gentrifizierungs-Diskussion entzündete­ sich zuletzt vor allem am bevorstehenden Aus für die linke Kult-Kneipe „Havanna8“ nahe der Alten Universität.

Einer Untersuchung des Fachbereichs Geografie der Philipps-Universität zufolge, sind zumindest für die Oberstadt Verdrängungsprozesse durchaus belegbar – allerdings sind die Verursacher nicht Spekulanten, sondern Studenten, die wiederum vor allem Familien, alteingesessene Bewohner im Stadtteil „ersetzt haben“, wie es in der 2015 verfassten Studie heißt. Studenten seien zwar nicht zwingend einkommensstark, würden „sehr dominant auf dem Wohnungsmarkt auftreten“, was ­dazu führe, dass sich der „Wohnungsmarkt den Bedürfnissen der Studierenden anpasst. Somit sind kaum noch Wohnungen für Familien, Ältere, Einkommensschwache und andere auf dem freien Markt zu finden.“ Die „soziale Entmischung schreitet voran“, die Zahlen der Bevölkerungsstruktur und die daraus folgenden Konsequenzen seien „bedenklich“, urteilen die Studienautoren.

Grünen-Politiker Schmidt will indes auch ein Zweckentfremdungs-Verbot für Wohnungen durchsetzen. Speziell Ferienapartments, die auf Plattformen wie Airbnb angeboten werden, seien ein zunehmendes Problem. Er hat eine Auflistung erarbeitet – Adresse, Gästezahl, Preise. Schwerpunkte von Privatvermietungen sind demnach Oberstadt und Campusviertel. Marburg Stadt und Land Tourismus sprach zuletzt von der Existenz von etwa 100 solcher Zimmer. „Es ist ein Unding, dass Wohnungen dauerhaft dem ohnehin angespannten Wohnungsmarkt entzogen werden“, sagt Schmidt. „Wir brauchen klare Regeln für die Vermietung von Ferienwohnungen über die bekannten Online-Portale.“ Die Landesregierung habe die Möglichkeit geschaffen, tätig zu werden und Städte wie Frankfurt handelten bereits entsprechend.

von Björn Wisker