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Marburg HNO-Station: Brandbrief und 3 000 Überstunden
Marburg HNO-Station: Brandbrief und 3 000 Überstunden
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21:21 21.07.2021
Blick auf das UKGM in Marburg: Dort wurde eine HNO-Station geschlossen.
Blick auf das UKGM in Marburg: Dort wurde eine HNO-Station geschlossen. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Am UKGM ist die Station 121 der HNO geschlossen – weil Pflegekräfte fehlen (die OP berichtete). Die Schließung sei notwendig geworden, weil das Klinikum „akute Krankmeldung“ verzeichnet hätte, hieß es vergangene Woche auf Anfrage der OP. Dies verwundert die Mitarbeitenden der Station, die nun mitsamt den Patienten der HNO auf andere Stationen verteilt wurden. „Das Problem ist bereits seit 2019 bekannt“, sagen die Pflegekräfte, die einen „Brandbrief“ an die UKGM-Führung schrieben und der der OP vorliegt.

Darüber hinaus hängt auf der Station ein großes Plakat mit dem Titel „Pflege am Limit“ – darin stellen die Kräfte der Station 121 ihrem Arbeitgeber ein Ultimatum bis zum 1. Januar 2021. Die Forderungen, identisch mit denen des Briefs: Eine feste Pausenregelung, einen Abbau der Überstunden oder keine „Streubelegung“, also das Belegen der Station mit fachfremden Patienten, auf die das Personal nicht spezialisiert ist. Außerdem fordern die Pflegekräfte eine Stellenbesetzung, mit der auf zehn Patienten eine Kraft kommt, dass in den Tagschichten mindestens drei examinierte Pflegekräfte im Dienst sind sowie zwei im Nachtdienst – und dass keine dreijährig examinierte Pflegekraft alleine im Dienst ist.

„Die jetzige Situation war vorauszusehen“

„Genutzt hat es nichts“, erzählen die verbliebenen Pflegekräfte der Station im Gespräch mit der OP. „Die jetzige Situation war vorauszusehen.“ Einige Kollegen seien in Rente gegangen, „junge, examinierte Kräfte, die da waren, sind wieder gegangen, weil sie unzufrieden waren. Und andere, die auf die Station versetzt wurden, waren von dem Chaos, was es gab, weil eben so wenig Personal da war, überfordert – denn es gab keine Zeit, sie ordentlich einzuarbeiten“. Mit der Folge, dass selbst Anfänger direkt Überstunden aufgebaut hätten. Das Fazit der neuen Kollegen: „Hier bleibe ich nicht, da finde ich bestimmt was Besseres.“

In der Station stünden derzeit 3 000 Überstunden in den Büchern – aufgeteilt auf 14 Köpfe, von denen viele Teilzeitstellen seien. „Die Station lief zuletzt nur noch, weil wir – obwohl die Dienste überplant waren – krampfhaft versucht haben, das aufzufangen.“ Das Resultat: Keine ordentlichen Pausen, Anrufe in der Freizeit, ob man nicht doch arbeiten könne – und letztlich Frust und komplette Überlastung. „Und auf anderen Stationen sieht es ähnlich aus“, wissen die Pflegekräfte von der 121. „Wir haben nicht das Gefühl, dass der Arbeitgeber uns ernst nimmt.“ Man fühle sich „bis auf den letzten Tropfen ausgepresst und ausgenutzt“.

Denn letztlich verzichten die Kräfte aus Rücksicht auf die Patienten, die ihnen anvertraut sind, auf ihre Pausen. „Die Menschen müssen versorgt werden, sind von uns abhängig.“ Und dieses Engagement und Verantwortungsgefühl „wird vom Arbeitgeber bewusst ausgenutzt“. Denn Pause auf der 121 „heißt bei uns: Das Telefon klingelt, Patient kommt vom OP hoch – und dann steht man natürlich auf, um zu helfen“.

Nun ist die Station also dicht – die verbliebenen Kräfte sind mit HNO-Patienten auf andere Stationen verteilt. Und auch das führt zu Schwierigkeiten, denn: So komme es dort zu der bereits angesprochenen „Streubelegung“ – was dazu führe, dass Pflegekräfte, die sich mit den Besonderheiten von HNO-Patienten nicht auskennen, dennoch an diesen arbeiten müssen. „Und wir auch an Patienten von anderen Bereichen, mit denen wir uns nicht auskennen“, so die HNO-Kräfte. Eine „vollständig und umfangreiche Versorgung der Patienten“, wie sie versichert wurde, „sieht anders aus, obwohl wir alles geben“, so die Fachkräfte.

Betriebsrat fordert „Neustart mit ausreichend Personal“

Für Frank Eggers, den Betriebsratsvorsitzenden des UKGM, steht fest: „Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem es nicht noch weiter nach vorne in die falsche Richtung gehen darf. Wenn man vor dem Abgrund steht, ist Rückschritt ein Fortschritt.“ Er fordert die Geschäftsführung auf, „umzukehren, sich zu besinnen und jetzt mit vernünftiger Zielsetzung einen Neustart anzufangen. Und zwar mit ausreichend Personal.“ Der Mix aus Qualität und Quantität müsse „ordnungsgemäß hergestellt werden“.

Und was sagt das UKGM zu den Vorwürfen? „Im November und Dezember 2020 waren auf der Station bis auf eine Vollzeitkraft alle Stellen besetzt. Danach entstehende Personalabgänge sollten geplant wiederbesetzt werden, dies war jedoch auf Grund verschiedener Umstände nicht möglich und wurde teilweise kompensiert durch das hausinterne PflexTeam“, erläutert UKGM-Sprecher Frank Steibli auf Anfrage der OP.

Er gibt zu, dass Mitarbeitende immer dann gebeten würden, „ihr Frei an einem anderen Tag zu nehmen, wenn es die Versorgung der Patienten erforderlich macht“. Der Ausfall durch langfristig und kurzfristig erkranktes Personal sei auf der Station sehr hoch. „Dies gipfelte dann in einer Situation, in der sechs Pflegefachkräfte zeitgleich erkrankten. An dieser Stelle war die Versorgung nicht mehr ausreichend gewährleistet und es kam zu der Entscheidung einer temporären Schließung“, so Steibli – und der Verlegung der Patienten auf andere geeignete Stationen „mit sehr erfahrenen Pflegefachkräften“. Für spezielle Pflegemaßnahmen seien die Pflegefachkräfte der HNO den Stationen zugeordnet worden. Zudem plane man derzeit unterstützend eine Schulung für alle Mitarbeitenden dieser Stationen.

Im Oktober sollen vier neue Kräfte beginnen

Auch habe die Klinikleitung auf den „Brandbrief“ reagiert: „So wurde die Station, die regelhaft mit 38 Betten betrieben wird, zeitweise auf bis zu 20 Betten reduziert. In einer Teambesprechung wurde die Situation ausführlich erörtert. Die Station erhielt dauerhaft die Zuteilung von zwei Pflegefachkräften unseres internen PflexTeams“, so Steibli.

Auch habe man in den sozialen Medien mit Unterstützung eines darauf spezialisierten Unternehmens für Pflegefachkräfte geworben und mehrfach Stellen ausgeschrieben – „mit Erfolg“, sagt Steibli, zum 1. Oktober würden vier neue Kräfte auf der Station beginnen.

Und was ist mit Überstunden und Überlastungsanzeigen? „Die Belastungssituationen sind im Gros durch kurzfristige Erkrankungen entstanden, die aufgrund eben dieser Kurzfristigkeit nicht in allen Fällen personell kompensiert werden konnten“, verdeutlicht der Pressesprecher.

Dadurch sei auch ein Anstieg von Überstunden eingetreten. „Aktuell arbeiten wir an einem Abbauplan. Die Gesamtthematik Überstunden wird in einem Ausschuss gemeinsam mit dem Betriebsrat, dem Personalmanagement und der Pflegedirektion bearbeitet.“

Von Andreas Schmidt