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Marburg Nicht nur Kenntnis, sondern Kompetenz
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07:58 14.08.2020
Kolonialgeschichte. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Im Zuge der Black lives matter Bewegung und der deutschen Rassismus-Debatte entstanden an verschiedener Stelle Initiativen, Aufrufe und Protestbewegungen von Menschen, die auf rassistische Tendenzen in Teilen der Gesellschaft aufmerksam machen möchten und Reformen ins Gespräch bringen. Weite Kreise innerhalb der Bewegung #blackhistoryindeutschland gezogen haben dabei bundesweit Petitionen, die den Abbau von diskriminierenden Strukturen fordern.

Auch für Hessen läuft auf der Petitionsseite change.org eine Kampagne, die mehr als 93 000 Menschen unterzeichnet haben. Die Initiatoren fordern vom hessischen Kultusministerium, „die deutsche Kolonialgeschichte und Anti-Rassismus in den Lehrplan zu integrieren“. Ihre Forderungen unter anderem: Migrations- und Kolonialgeschichte lehren, Antirassismustraining für Lehrkräfte und Schüler, Aufklärung über institutionellen und systematischen Rassismus gegen BIPOC (Black, Indigenous und People of Color). Das bundesweite Ziel der Bewegung sei eine frühe und umfassendere Aufklärung an den Schulen: „Für uns ist unverständlich, warum immer noch wichtige Teile der deutschen Geschichte ignoriert werden“.

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Lehrer: Kolonialgeschichte und Rassismus sind nicht zu trennen

Dass die Zeit der Deutschen Kolonialherrschaft ein „sehr wichtiges Thema an der Schule“ ist, das sieht auch Geschichtslehrer Sebastian Sack aus Neustadt genauso. Und: „Das kommt bei uns im Unterricht auch vor und steht im Lehrplan“, stellt er klar. Er ist seit mehr als zehn Jahren Geschichtslehrer an der Alfred-Wegener-Schule in Kirchhain und unterrichtet in der Mittel- wie in der Oberstufe. Intensiviert werde das Thema vor allem in der höheren Oberstufe, doch auch in seiner neunten Klasse werde etwa die kritische Betrachtung der Kolonialisierung von Amerika oder eben der deutschen Kolonien behandelt, „das wird in der Mittelstufe schon angerissen und in der Oberstufe weiter vertieft, der Imperialismus wird als Gesamtheit kritisch betrachtet und damit auch die deutsche Kolonialgeschichte“, sagt Sack.

Parallel dazu ebenso das kritische Hinterfragen der Motive, der Vorurteile gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen, Sozialdarwinismus, Macht- oder oder pseudoreligiöse Motive, zählt er auf. Ohne diese Aspekte mache die Beschäftigung mit deutscher Kolonialgeschichte keinen Sinn. Beispiel: Etwa die brutale Niederschlagung des Aufstands der Herero und Nama 1904 im heutigen Namibia durch die deutschen Kolonialtruppen mit zehntausenden Opfern – das komme nicht ohne eine Diskussion über Genozid aus: „Menschen in die Wüste zu treiben und dort elendig sterben zu lassen – das kann man gar nicht ohne das Thema Rassismus diskutieren“, betont Sack.

Nicht nur die eigentliche Kolonialzeit bis 1919, auch die Auswirkungen dieser Epoche bis heute fänden ihren Platz im Unterricht. Das Erbe der Vergangenheit, der aktuelle Bezug und damit das Thema Schuld, eine Übernahme von Verantwortung schließen sich ebenso an, aktuelle Debatten ergänzen den Lehrstoff, von der Black Lives Matter Bewegung bis lokale Diskussionen: Das Marburger Jägerdenkmal, das Relief am Zollamt oder die Umbenennung von Straßennahmen. „Geschichte wird erst richtig lebhaft und greifbar, wenn man aktuelle Bezüge hat“, betont Sack.

Die Thematik sei in den Lehrplänen „klar verankert, man muss sie aber auch ausschöpfen – es soll ja nicht nur um Kenntnisse gehen, sondern auch um Kompetenzen“. Hier komme es wie so oft auf die Lehrkraft an, denn die Themen seien zwar klar gesetzt, nicht jedoch die genaue Zeiteinteilung, die bestimme der jeweilige Lehrer weitestgehend selber. „Man kann das immer noch ausweiten, aber ich finde das, was wir bisher im Lehrplan haben, ist ausreichend, zumindest wenn man aktuelle Bezüge mit einbezieht“. Das Kerncurriculum setze die Standards, umsetzen müssen die dann die Lehrer. Aber auch die Schulen könnten etwas tun, etwa indem sie die Themen nicht nur in Geschichte, sondern parallel stärker fächerübergreifend – auch in Deutsch oder Politik – aufgreifen und „als Längsschnitt“ vermitteln.

Hessischer Lehrerverband widerspricht Kritik

Ebenso bezieht der Verband der hessischen Geschichtslehrerinnen und -lehrer (VGHLL) Stellung zu der Kritik der Bewegung: Auch der Verband könne sich der Petition „in dieser Form nicht anschließen, weil sie von falschen Voraussetzungen ausgeht“. Das, indem sie behauptet, dass in Hessen eben keine deutsche Kolonialgeschichte gelehrt werde oder der Geschichtsunterricht eurozentrisch geprägt sei. Das sei so nicht korrekt. Gleichwohl sieht auch der VHGLL dort „durchaus noch Defizite“ und unterstützte daher eine Diskussion „zur Verbesserung der curricularen Vorgaben und des Unterrichts in der schulischen Praxis“.

Zollamt-Debatte in Marburg

Im Zentrum einer Kolonialgeschichts-Debatte stand vor zwei Jahren auch das Marburger Zollamt. Ein Relief über dem Eingang des Hauses nahe des Hauptbahnhofs, das zwei Arbeiter aus der Pharma- und der Eisenindustrie sowie links einen Afrikaner und einen Asiaten zeigt, sorgte für Aufregung. Kritiker sagen, das Bild würde "Klischees über Einwohner des globalen Südens“ und „koloniale Denkstrukturen“ offenbaren. Historiker sahen das damals anders, erklärten das in den 1950er-Jahren vom Kunsthandwerker, Töpfer und Bildhauer Rolf Weber (gestorben 1986) gefertige Relief zum einen mit dem Zeitgeist und zum anderen mit der Darstellung von Handelsbeziehungen. Professor Benedikt Stuchtey, der an der Philipps-Universität über Imperialismus und Kolonialismus forscht, schlug im Jahr 2018 die Anbringung einer Info-Tafel an der Hauswand vor - vor allem, um den Sklavenkontext, der aus dem Kaffee-und-Kakao-Bildnis nicht hervorgeht, zu verdeutlichen.

Noch bis zum 27. September ist im Kunstmuseum eine Ausstellung zur politischen Ikonografie zu sehen - das Zollamt-Relief steht dabei im Mittelpunkt.

Von Ina Tannert und Björn Wisker