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Marburg Geschenke? Helfern fehlt das Geld zur Wunscherfüllung
Marburg Geschenke? Helfern fehlt das Geld zur Wunscherfüllung
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07:57 08.12.2020
Ursula Adams, Rita Vaupel und Patricia Kuhlisch von der Tafel Marburg sehen am Wünschezweig im Kiloladen der Marburger Tafel Wunschzettel. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Es sind Kartons, die Kindern die Welt bedeuten werden: Wenn an Heiligabend die 700 roten, blauen, silbernen und mit Sternen, Rentieren oder Glocken verzierten Päckchen von kleinen Händen aufgerissen und mit großen Augen bestaunt werden, weiß Carola von Winterfeldt, dass sie alles richtig gemacht hat. Für Dutzende Kinder im rumänischen Sibiu, Partnerstadt von Marburg, ist von Winterfeldt das Christkind.

„Für viele ist es das einzige Geschenk, das sie an Weihnachten oder sogar im ganzen Jahr bekommen. Manche haben gar niemanden in ihrem Leben“, sagt von Winterfeldt. Bettelarme Familien, Waisenkinder, Teenager, deren Eltern im Gefängnis sitzen: „Sie sollen einen Moment der Freude erleben, trotz der persönliche Dramen, die sie gerade dieses Jahr erleben“, sagt sie in Bezug auf die unter Rumäniens Armen offenbar massiv grassierende Corona-Pandemie.

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Hilfe für Sibiu: Helfer aus Marburg packten Weihnachtsgeschenke für bedürftige Kinder in der rumänischen Stadt. Quelle: Privat

Kleidung und Spielzeug für Kinder und Jugendliche, Rollatoren, Rollstühle und Betten für die Alten: Zusammen mit Freunden, Bekannten und Mitgliedern des Vereins „Hilfe für Sibiu/Hermannstadt“ hat von Winterfeldt in den vergangenen Wochen Hunderte Weihnachtsgeschenke, alle möglichen Sachspenden vor allem aus Marburg, Neustadt und Amöneburg gesammelt und nun in einem vollgepackten Lkw auf die Reise nach Osteuropa geschickt.

700 Päckchen – das ist nach Vereinsangaben ein Rekord-Spendenaufkommen. Und das kommt im Jahr des Coronavirus, dem ersten Pandemie-Advent des 21. Jahrhunderts, angesichts der Geldsorgen vieler Menschen zumal in Elendsregionen gerade recht. Die Hälfte der Weihnachtsgeschenke wurde dabei passgenau für Familien, für Patenkinder von Vereinsmitgliedern, aber auch für bedürftige Ältere zusammengestellt – welche Wünsche, welchen Bedarf, welche Kleidergröße gibt es?

Dass die „Marburger Christkinder“ die Partnerstädter so wunschgemäß bescheren können, liegt am seit mehr als 16 Jahren bestehenden Austausch, dem einander und eben die Wünsche Kennenlernen. „Jede Spende haben wir uns angeschaut und den Menschen zugeordnet, denen diese Bescherung am meisten hilft, die sich am meisten drüber freuen“, sagt von Winterfeldt.

Spendenaufkommen beider Marburger Tafel sinkt

Die Not kennen, und sie deshalb lindern wollen – so geht es auch Ursula Adams, Patricia Kuhlisch und Dutzenden anderen bei der Marburger Tafel. Den Helfern, die in Marburg und im ganzen Landkreis ohnehin regelmäßig Lebensmittelspenden an immer mehr Bedürftige verteilen, geht es in diesem speziell für Kinder belastenden Corona-Jahr um genau diese Gruppe: Mädchen und Jungen, die im laufenden zweiten Lockdown darauf verzichten mussten, Freunde zu treffen und somit Freude zu haben.

Nicht so bei der gestarteten „Weihnachtswünsche“-Aktion des Vereins, bei der Kinder Wunschzettel an Bäume an verschiedenen Standorten hängen können. „Wir wollen so über 600 Tafel-Kindern eine kleine Freude bereiten“, sag Rita Vaupel, Tafel-Vorsitzende. Mit dem Geschenkebaum hoffe man, Kindern „ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern“, ergänzt Barbara Faber von Vila Vita, in deren Läden – wie auch im Bahnhofsstraße-Laden der Tafel selbst – einige der Bäume stehen.

Die Wünsche zu erfüllen beziehungsweise die Arbeit wie gewohnt für die mehr als 3600 Bedürftigen zu stemmen, wird für die Tafel dieses Jahr aber schwieriger als in den Vorjahren – eben weil das im November und Dezember eigentlich hohe Spendenaufkommen zurückgeht. „Leider müssen wir feststellen, dass wir die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Spendenverhalten der Bürger spüren“, sagt Pascal Barthel, Tafel-Geschäftsführer auf OP-Anfrage. Es bestätige sich die Vermutung, dass viele Menschen, die sonst gegen Ende des Jahres mit finanziellen Spenden helfen, dies wegen der Pandemie – und dem Notbetrieb, den die Tafel aufbaute – bereits zu Beginn des Jahres taten. Da es vor allem bei Einzel- und Privatpersonen einen „allgemeinen Rückgang an Spenden“ gebe, sei Hilfe von Firmen umso wichtiger.

Helfer für kranke Kinder am Limit

Das wachsende Corona-Minus merkt auch die Elterninitiative für leukämie- und tumorkranke Kinder: „Wir erleben einen unheimlichen Spendeneinbruch, es ist deutlich zurückgegangen“, sagt Karl Kreh, Kinderkrankenpfleger. Kein Vorwurf, denn: „Ich verstehe, dass die Leute gerade genug mit sich selbst zu tun haben.“ Doch der Verein, der Familien mit einem krebskranken Kind unterstützt und oft über Jahre mit psychosozialer Begleitung betreut, ist darauf angewiesen. Das Hauptproblem sind die reihenweise ausgefallenen Veranstaltungen. Über die stellt sich der Verein vor, erhält regelmäßig Erlöse aus Zusammenkünften aller Art als Spende. Ohne das herrsche mittelfristig Ebbe in der Kasse, „wir haben erheblich abgespeckt, wo es eben geht“, sagt Kreh.

Zudem können die Betreuer derzeit weder in die Familien direkt noch mit in die Krankenhäuser gehen, höchstens davor und „auf Distanz“ Trost spenden. „Ich kann weinende Eltern, die vor mir stehen, nicht in den Arm nehmen – das ist schrecklich, der Verlust der Körperlichkeit ist fast das Schlimmste daran“.

Fehlendes Geld – so geht es auch dem Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst Gießen/Marburg vom Deutschen Kinderhospizverein, der die Marburger Außenstelle erst vor etwa einem Jahr auf den Weg brachte. „Wir merken auf jeden Fall Einbrüche und versuchen zu sparen, damit das Defizit nicht zu groß wird“, sagt Kevin Leinbach, Koordinationsfachkraft. Arbeit liegen lassen, das gehe dort aber nicht. Ehrenamtliche Betreuer kümmern sich um todkranke Kinder, die an schweren Krankheiten leiden und begleiten die Familien auch bis über deren Tod hinaus. „Die Familien fühlen sich in dieser Zeit jetzt sehr alleine gelassen, sie sind isoliert und tragen eine hohe Belastung“, sagt Leinweber.

75 Prozent der Arbeit des Hospizdienstes, etwa die Ausbildung der Betreuer, werde über Spenden finanziert, schon im Sommer brauchen sich die Reserven oft auf – „man hofft immer auf das Dezembergeschäft, jetzt steht da wegen Corona ein riesengroßes Fragezeichen“.

Von Björn Wisker und Ina Tannert