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Marburg Mit der Nasa über den Wolken
Marburg Mit der Nasa über den Wolken
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10:00 05.01.2019
Diplom-Pädagogin Gertrud Nagel aus Kirchhain nahm an einem seltenen Forschungsflug mit der ­„Sofia“ teil – einer zur astronomischen Forschungsstation umgebauten Boeing. Foto: Nasa
Diplom-Pädagogin Gertrud Nagel aus Kirchhain nahm an einem seltenen Forschungsflug mit der ­„Sofia“ teil – einer zur astronomischen Forschungsstation umgebauten Boeing. Quelle: Nasa
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Marburg

Den Sternen nahe sein und das via Infrarot und 14 Kilometer über dem Erdboden, bei einer Fluggeschwindigkeit von rund 900 Stundenkilometern – dieser Traum aller Astronomen ist für Pädagogin Gertrud Nagel aus Kirchhain in Erfüllung gegangen.

Gemeinsam mit internationalen Wissenschaftlern und Ingenieuren sowie drei deutschen Lehrern brach Nagel im ­Oktober letzten Jahres auf zu ­einer Beobachtungsmission in der Stratosphäre mit der „Sofia“ (Stratosphären ­Observatorium für Infrarot Astronomie), ein deutsch-amerikanisches Forschungsprojekt. Das Team startete vom Nasa Armstrong Flight Research Center im kalifornischen Palmdale aus auf zwei rund zehnstündige Forschungsflüge hoch über den Wolken.

Die „Sofia“ besteht aus einer mit modernster Technik gefüllten umgebauten Boeing 747 SP, die seit 2010 regelmäßig zu Forschungsmissionen aufbricht. Herzstück dieser mobilen Forschungsstation ist ein 17 Tonnen schweres 2,7 Meter-Teleskop, mit dem Astronomen aus der ganzen Welt arbeiten, junge Sterne und Planetensysteme beobachten. Und das innerhalb der Stratosphäre, denn nur dort oben können die Forscher die infrarote Strahlung beobachten, ohne dass Staubwolken den Blick stören. So wird im All all das klar sichtbar, was mit bloßem Auge erst gar nicht zu erkennen ist.

Flug im "fliegenden Lehrerzimmer"

Nur wenige Male im Jahr begleiten eine Handvoll Lehrer die Wissenschaftler auf einem Flug mit dem sogenannten „fliegenden Lehrerzimmer“ – ein „einmaliges Erlebnis“ für die Doktorandin am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Philipps-Universität Marburg. Vor allem, weil sie keine Lehrer ist, zudem als Pädagogin an dem Programm teilnehmen konnte, das sich vor allem an Physiker richtet.

Sie begeistert sich jedoch seit Jahren für die Astronomie, ist gelernte Kartografin, leitete früher die Grafikabteilung bei der OP und widmet sich nun in ihrer Promotion dem Forschungsschwerpunkt „Astronomie und Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Den einmaligen Moment, als sich hoch oben am Himmel die Luke der Boeing für den Teleskop-Einsatz öffnete, wird die Kirchhainerin wohl nie vergessen.

„Zur Nasa zu kommen, war für mich immer ein Lebenstraum – ich konnte alles live erleben, vom Cockpit bis zu den wissenschaftlichen Untersuchungen von renommierten Wissenschaftlern“, erzählt sie begeistert. Unter anderem verfolgte sie den Einsatz der Exes-Instrumente – ein hochauflösender Spektrograf im Infrarotbereich, mit dem das Licht verschiedener Wellenlängen deutlich wird. Damit wurde unter anderem untersucht, welche Moleküle im All vorkommen oder wie diese bei Sternenexplosionen entstehen.

Erkenntnisse über Geburt und Tod von Sternen

Nach den erfolgreichen Flügen wurde Nagel zur neuen Deutschen Sofia-Botschafterin­ gekürt. Sie will ihre Erfahrungen nutzen und die Astronomie in Zukunft verstärkt in die Pädagogik und außerschulische Bildungsangebote bringen, das Thema ein Stück weit aus der „Elite-Nische“ holen. „Die Astronomie ist in Deutschland unterrepräsentiert und nur an manchen Gymnasien vorhanden – dabei betrifft das Universum uns alle und man kann das Thema jedem verständlich erklären“, ist sie sicher.

Jedoch steige langsam das Interesse in der Gesellschaft, nicht zuletzt seit „Astro-Alex“ – der deutsche Astronaut Alexander Gerst – auf der ISS weilte. Nagel will sich dafür einsetzen, über die Astronomie die Naturwissenschaften und die Pädagogik stärker miteinander zu verbinden. Will ein breiteres Themenfeld etablieren, von der Entstehung des Alls bis zum Klimaschutz, durch den die Astronomie wie das Thema Nachhaltigkeit heute wieder mehr in den Fokus rückt. „Wir müssen doch wissen, wie unsere Welt funktioniert und wie man diesen Planeten erhalten kann – Astronomie vereint vieles und kann für nachhaltige Bildung wichtig sein“, findet Nagel.

Darüber will sie Vorträge halten, Seminare an Sternwarten und Bildungseinrichtungen sowie neue Bildungsangebote aus der Astronomie aufbauen. Dies vorerst noch im außerschulischen Bereich, „anders geht es mit unserem Schulsystem nicht, vom Lehrplan sind wir leider noch weit entfernt.“ Langfristig würde sie sich jedoch den „Brückenschlag“ wünschen und Schule und Wissenschaft engmaschiger miteinander verknüpfen.

von Ina Tannert

Sofia

Das fliegende Observatorium „Sofia“ ist ein Gemeinschaftsprojekt des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Nasa. Wissenschaftler weltweit nutzen das Angebot der umgebauten Boeing, die an rund 100 Tagen im Jahr startet, um ihre Forschungsprojekte­ einzureichen. Das Projekt wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, des Landes Baden-Württemberg sowie der Universität Stuttgart durchgeführt, an der zudem das Deutsche Sofia ­Institut angesiedelt ist, das den wissenschaftlichen Betrieb auf deutscher Seite übernimmt.