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Marburg Gericht folgt Plädoyers der Verteidiger
Marburg Gericht folgt Plädoyers der Verteidiger
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09:58 04.09.2019
Die vier Angeklagten mit ihren Verteidigern und einem Dolmetscher. Die Jugendstrafkammer hat die Urteile im Prozess wegen schweren Raubes gesprochen. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Während die Staatsanwaltschaft ihr Plädoyer nach der viertägigen Beweisaufnahme hielt, pustete Arik Bredendiek mehrmals kräftig aus.

Als der Verteidiger dann selbst mit seinem Schlussvortrag an der Reihe war, erhob er sich mit fast schon gequältem Gesichtsausdruck und übte sich in Polemik: „Ich habe gerade noch einmal nachgeschaut. Ich kann aber kein Tötungsdelikt auffinden!“

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Für seinen Mandanten hatte der Vertreter der Anklage eine Haftstrafe von neun Jahren und vier Monaten gefordert. Aus Sicht von Bredendiek völlig überzogen. Der Rechtsanwalt plädierte letztlich für ein Drittel der von der Staatsanwaltschaft geforderten Haftlänge.

Ex-Freundin durchlebt Martyrium

Daran orientierte sich auch die Kammer in ihrem Urteil gegen den 22-Jährigen. Letztlich waren es drei Jahre und sechs Monate wegen eines schweren Raubüberfalls, mehreren einfachen und gefährlichen Körperverletzungen, Freiheitsberaubung sowie eines Diebstahls. Am schwersten wog dabei das Martyrium, das der Beschuldigte seiner Ex-Freundin aufzwang. Er sperrte sie in seiner Wohnung ein, wollte ihr einen Finger abschneiden und schlug sie mehrmals, auch mit einer Gürtelschnalle.

„Die junge Frau hat gesagt, dass mein Mandant sich vorher und nachher nie so verhalten hat“, sagte Bredendiek. Es sei ein ganz besonders potenter Drogencocktail am Werk gewesen. So sah es auch das Gericht. Der Drogenmissbrauch des Beschuldigten habe für eine deutlich eingeschränkte Schuldfähigkeit gesorgt.

Zur Tatzeit unter Drogeneinfluss

Ähnlich verhielt es sich in den Augen der Kammer beim Raubüberfall auf einen Drogendealer, den der 22-Jährige zusammen mit seinem 21-jährigen Komplizen und Mitangeklagten verübt hatte – der Mandant von Carsten Dalkowski wurde unter anderem wegen mehrerer Diebstähle und gefährlicher sowie fahrlässiger Körperverletzung zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt.

Mit Messern bewaffnet stürmten sie in die Wohnung des Marihuana-Händlers und ließen Drogen, einen Fernseher sowie eine Spielekonsole mitgehen. Beide Räuber standen zur Tatzeit unter Drogeneinfluss.

Junge Frau diente als Türöffner

In der Wohnung der 19-jährigen Angeklagten sollen sie vorher am Tattag Ecstasy, Speed, Marihuana und Alkohol konsumiert haben. Die junge Frau war es, die im wahrsten Sinne des Wortes als Türöffner für das Duo diente, indem sie den Drogendealer besuchte und die Räuber beim Verlassen der Wohnung hereinließ, damit diese den Plan in die Tat umsetzen konnten.

Die Heranwachsende wurde ebenfalls wegen schweren Raubes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung, Beschaffung sowie unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Damit folgte die Kammer exakt dem Antrag von Verteidiger Thomas Strecker.

Richter: Können es nicht klar nachweisen

Der älteste Angeklagte, vertreten von Peter Thiel, hatte durchaus Grund zur Freude. Von Mitangeklagten als Drahtzieher des Raubüberfalls dargestellt und auch von der Staatsanwaltschaft als „Mann im Hintergrund“ und „Ideengeber“ eingeschätzt, sprach ihn die Kammer aus Mangel an Beweisen frei – die Staatsanwaltschaft hatte eine siebenjährige Haftstrafe beantragt.

„Irgendetwas wird da gewesen sein, aber wir können dem Angeklagten nichts klar und deutlich nachweisen“, begründete der Vorsitzende Richter Dr. Jan Christof Otto.

Das Gericht sah beim 21- sowie 22-jährigen Beschuldigten aus Syrien und dem Irak „aufgrund der Flucht eine Verzögerung“ in der Persönlichkeitsentwicklung. Demnach seien die Beschuldigten als Heranwachsende zu behandeln.

Das Urteil ist nicht rechtskräftig, da allseits kein Rechtsmittelverzicht erklärt wurde.

von Benjamin Kaiser