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Marburg Die Komplexität von Geodaten meistern
Marburg Die Komplexität von Geodaten meistern
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10:00 07.12.2020
Mithilfe einer Drohne lassen sich Geodaten ermitteln, um sie beispielsweise in der Landwirtschaft zu nutzen. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die von Informatikern und Geographen der Uni Marburg entwickelte Plattform „Geo Engine“ soll mit dazu beitragen, den Umgang mit diesen „Big Data“ zu erleichtern. Sie sollen für Nutzer aller Art von Wissenschaftlern über Behörden bis hin zu Unternehmen leichter zugänglich gemacht werden. Entwickelt worden ist ein cloudbasierter Dienst, der die Integration und die effiziente Verarbeitung raum-zeitlicher Daten bündelt und neueste Visualisierungs- und Analysemethoden erschließen soll.

Wo bin ich und wie komme ich zu meinem Ziel? Mit einer Karten-App auf dem Smartphone ist die Antwort auf diese Frage heutzutage auch für Nichtwissenschaftler keine große Herausforderung mehr. Die Grundlage dafür bieten Geodaten, ohne die diese Anwendungen gar nicht möglich wären.

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Doch mit diesen Geodaten lässt sich noch viel mehr machen, wenn man weiß, wie man sie richtig aufarbeitet und anwendet. Dabei geht es um die Optimierung von Firmenprozessen. Beispielsweise können Positionsdaten aus LKW-Flotten und Bildaufzeichnungen von Drohnen in der Landwirtschaft mit öffentlich verfügbaren Daten wie Erdbeobachtungen von Satelliten der European Space Agency (ESA) kombiniert werden. Dadurch werden nach Ansicht des Marburger Forscherteams zum Beispiel landwirtschaftliche Ertragsprognosen aufgrund der Beobachtung von Pflanzenwachstum und Wettervorhersagen möglich.

„Raum-zeitliche Daten sind für viele Unternehmen eine essentielle Ressource für den Geschäftsbetrieb“, erläutert der Geo-Informatiker Dr. Christian Beilschmidt, der Leiter des Projekts „Geo Engine“. Das reiche von der Detektion von akuten Gefahren wie Waldbränden über Besucherstrom-Analysen an Flughäfen bis hin zum drohnenbasierten Monitoring von großflächigen Solaranlagen.

Doch so groß das Potenzial von Raum-Zeit-Daten auch sei, so schwierig sei auch der Umgang mit ihnen, erläutert Beilschmidt. Er sagt: „Groß, komplex, verschiedenartig: Je nach Anwendungsfall kann es sehr schwierig sein, diese riesigen Datenmengen wirtschaftlich nutzbar zu machen“.

Und hier setzen die Marburger Forscher an. Nach Beilschmidts Schätzungen benötigen viele Anwender bei bestehenden Systemen 80 Prozent ihrer Zeit, um die Daten zu erheben und vorzubereiten und haben nur noch 20 Prozent ihres Zeitbudgets für die Analyse übrig. Dieses Verhältnis soll mit dem Projekt „Geo Engine“ umgekehrt werden. Mit dem VAT-System hat das Team in den zurückliegenden sechs Jahren eine Möglichkeit geschaffen, Biodiversitäts- und Umweltdaten zu analysieren und in einer interaktiven Web-Applikation nutzbar zu machen. Visualisierung, Analyse und Transformation der Daten: Das sind die drei Bausteine des von den drei Forschern entwickelten Systems. Innovative Verfahren der Informatik aus dem Bereich „Deep Learning“ kommen hinzu. Ein Prototyp des VAT-Systems ist derzeit sogar öffentlich benutzbar; die besondere Leistung von „Geo Engine“ soll allerdings die Vermittlung des Know-hows zur Systemnutzung werden. Ziel des Projektes ist die Ausgründung eines Unternehmens, das ein Service-Produkt mit ergänzenden Beratungsleistungen für kundenspezifische Anwendungen anbietet.

Innerhalb der nächsten anderthalb Jahre soll „Geo Engine“ als Start-up-Unternehmen bis zur Marktreife entwickelt werden. Das Bundeswirtschaftsministerium fördert dieses Vorhaben mit mehr als 700 000 Euro im Rahmen der Förderlinie „Exist“-Forschungstransfer. Unterstützung bietet auch das Marburger Institut für Innovationsforschung und Existenzgründungsförderung (MAFEX) der Uni Marburg.

In anderthalb Jahren soll das Unternehmen dann auch offiziell starten, und das möglichst in Marburg am Standort der Universität, erläutert der Wirtschaftswissenschaftler Philip Schweitzer und nennt das einen „straffen, aber auch anspornenden Zeitplan“. Er bringt sein Know-how aus Unternehmensführung und Vertrieb ein und unterstützt in dem Projekt die drei Forscher Christian Beilschmidt, Michael Mattig und Johannes Drönner. Zum Team gehört auch der Marburger Informatik-Professor Bernhard Seeger.

Am Anfang stand aber eigentlich erst einmal keine kommerzielle Idee, berichtet der Informatiker Dr. Christian Beilschmidt im Gespräch mit der OP. Stattdessen gab es unterschiedliche Forschungsprojekte in der Geoinformatik, in denen es beispielsweise um die Wolkenerkennung auf der Basis von Satellitenbildern ging. Erst allmählich wurde den Wissenschaftlern dann das unternehmerische Potenzial ihrer Ideen bewusst.

Mittlerweile gibt es einen immer größer werdenden Markt für Geo-Informationssysteme, der nach Schätzungen von Philipp Schweitzer ein Volumen von 100 Milliarden Euro weltweit umfasst und noch im Wachsen begriffen sei. Welchen Teil dieses gigantischen Kuchens sich das junge Marburger Unternehmen künftig abschneiden könnte, das soll jetzt auch bei der Erstellung von konkreten Geschäftsmodellen und einem detaillierten Businessplan sowie des Marktumfeldes ausgelotet werden. Wenn das abgeschlossen ist, kommt als nächster Schritt die Gründung einer GmbH.

von Manfred Hitzeroth

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